Hubert Klumpner: Tue Gutes und sprich darüber

14.04.2014

Von: Redaktion Architektur & Bau Forum

Im Anschluss an eine überaus gut besuchte Veranstaltung im vergangenen Herbst zum Thema „Social Design / ­Public Action" in der Außenstelle der Universität für angewandte Kunst im Heiligenkreuzerhof fand sich Zeit für ein Gespräch mit Hubert Klumpner, dem vielgereisten österreichischen Architekturlehrenden und Aktivisten im ­Bereich des Social Design. Gemeinsam mit dem US-Amerikaner Alfredo Brillembourg hat der einstige Hollein-­Schüler einen eigens etablierten Lehrstuhl an der ETH Zürich inne. Mit Brillembourg hat er in Caracas seinen Urban-Think Tank aufgebaut, der direkte Interventionen in der Stadt setzt.

Wir sind nicht die Autorenarchitekten, die um jeden Preis etwas bauen wollen, sondern wir wollen ein Thema etab­lieren, an dem möglichst viele Leute teilhaben sollen.

Susanne Karr im Gespräch mit Hubert Klumpner

Sie haben in Ihrem Vortrag eindringlich auf die Notwendigkeit zu agieren hingewiesen – dem Erkennen von Missständen muss demnach ein Zuschreiten auf nachhaltige Lösungsfindungen folgen. Der Reader „Slum Lab" stellt solche Projekte vor.

Wir haben die Konferenz in Wien zum Anlass genommen, eine Nummer der von uns seit vielen Jahren editierten Zeitschrift „Slum-Lab" über Social Design herauszugeben, um darin ein gemeinsames Interesse unsererseits und von Anton Falkeis, Lukas Feireiss und Rektor Gerald Bast an der Angewandten wiederzugeben. Bereits zur Ausstellung „Think Global / Act Social" (Gemeinschaftsproduktion des DAM Frankfurt und des AzW Wien) erschien eine solche Ausgabe des deutschen Magazins Arch+, die unser Projekt Music-Factory in São Paulo zeigt, und zu unserem Projekt in Singapur gab es eine Veröffentlichung mit dem japanischen Magazin „A+U" über das „Future City Lab". Ein solches periodisch erscheinendes Magazin ermöglicht breitere Kommunikation und aktiviert eine andere Intelligenz.

Das Magazin nennt sich „Slum Lab". Slum heißt ausbuchstabiert „Sustainable Living Urban Model". Das deutet auf eine Arbeitsweise, die gleichzeitig urban, aber nachhaltig sein muss. Wie gehen Sie mit solchen Qualitätsanforderungen an Projekte in Slum-Gebieten heran?

Man muss in der Planung bedenken, wie vielen Menschen unsere Vorschläge etwas nützen, und dann in angemessener Weise auf einem hohen Niveau bauen. Die Stationen von Otto Wagner stehen heute ja deswegen noch da, weil man den Anforderungen entsprechend etwa Material wie Granit als Treppenstufen verlegt hat. Es geht nicht um Oberflächen, sondern um eine konzeptuelle Qualität, die sich in allen Bauteilen fortsetzt. Das bedeutet nicht, dass man etwa bei der von uns in Zusammenarbeit mit der Firma Doppelmayr realisierten Seilbahn in Caracas polierten Marmor verlegen soll. Aber man muss Baumaterialien einsetzen, die der hohen Beanspruchung gewachsen sind. Die Seilbahn gehört zum Metrosystem von Caracas und befördert in Acht-Personen-Gondeln bis zu 3.000 Menschen pro Stunde. Nun sind Seilbahnen an und für sich nichts Neues, so ein System in einem Slum zu realisieren war aber doch eine Pionierleistung. Es war ähnlich einem chirurgischen Eingriff, und es ging darum, ein rein fußläufig erreichbares, sehr steiles Gelände mit 60.000 Einwohnern mit dem durch Fluss und Autobahn getrennten Stadtzentrum zu verbinden. In die Stationen wurde nun alles reingepackt, was in der ganzen urbanen Nachbarschaft fehlt. Sie leisten gleichzeitig die Funktion von Sozialzentren, Konzertsälen, Sportanlagen usw. Nach den gängigen Seilbahnstandards eine aufwändige, aber nach urbanen Anforderungen eine sehr gute Lösung.

Dieses Projekt wurde im Urban-Think Tank in Caracas entwickelt, mit dem Sie eine Art Interventionsstelle ins Leben gerufen haben, die sich an die gesamte Bevölkerung als Wissensträger richtet. Sie arbeiten also nicht nur mit Architekten, Soziologen und Designern zusammen, sondern laden die urbane Öffentlichkeit dazu ein, an Aufgabenstellungen in der Stadt mitzuarbeiten.

Ich muss gleich dazusagen, dass diese Projekte nur in Zusammenarbeit mit vielen anderen Partnern möglich sind, insbesondere mit meinem guten Freund und Partner Alfredo Brillembourg. Solche Projekte lassen sich nur mit jemandem bewerkstelligen, mit dem man sich gut versteht, dem man vertraut und den man gut kennt. Wir arbeiten seit mehr als 15 Jahren in Südamerika, hauptsächlich in Caracas, haben aber auch ein Büro in São Paulo. Dort bauen wir ein Konzerthaus in einer der größten Favelas Südamerikas, und wir arbeiten auch in Barranquilla in Kolumbien an einem Kulturzentrum und in Porto Spain in Trinidad und Tobago an einem Linearen Park.

Wie lassen sich solche ungewöhnlichen Projekte wie etwa das „Vertical Gym", eine Sportanlage in Hochhausform, die in infrastrukturell schlecht ausgebauten Stadtlagen diverser Städte bereits mehrmals realisiert werden konnte, zunächst einmal konzipieren und dann auch finanzieren?

Orte, in denen sich Slums und Favelas entwickelt haben, sind oft sehr wertvolle Flächen. Wenn Sie sich Rio de Janeiro anschauen: Die Favelas haben die beste Ausrichtung, sie besiedeln die steilen Berghänge gleich neben dem Stadtzentrum. Man fragt sich: Wie gibt es das? Hier wohnen die Reichen, gleich daneben die Armen – weil die Armen für die Reichen arbeiten! Auch in Südafrika sieht man in der Apartheidplanung der Städte, wie man in Johannesburg oder Kapstadt Rassen und soziale Schichte voneinander getrennt angesiedelt hat. Was in den Planungshandbüchern nicht vorgesehen war, was aber in der Realität geschehen ist, war, dass in die reichen Gegenden ebenfalls Slums gebaut wurden, weil die Reichen sonst keine Hausangestellten in unmittelbarer Nähe hätten. Zurück zum Vertical Gym: An den meisten Standorten, an denen wir so etwas gebaut haben, ist das Land so teuer, dass niemand die nötige Fläche für einen Sportplatz bezahlen könnte. Wenn man den Sportplatz aber vertikalisiert und in ein Gebäude hineinplant, ist das wesentlich billiger. Man muss solche sehr einfachen Rechnungen, aber auch die Kosten und die Wirkung visualisieren und kommunizieren, damit die Leute das verstehen. Sonst würde niemand sich dafür einsetzen zu bauen.

Es geht aber sicher auch sehr stark um persönliches Engagement, den Willen und die Erfahrung, sich da hineinzubegeben, quasi am eigenen Leib zu empfinden, wie man dort lebt. Wie ist Ihr persönlicher Zugang?

In meinem Fall war das eine Reihe von Ereignissen und Erlebnissen. Ich habe nicht vorausgeplant, in diesem Bereich tätig zu werden. Man sucht sich das nicht unbedingt aus. Wenn man aber weiß, dass manche einschneidenden Lebensumstände in einem solch problematischen Umfeld prägend und wichtig sein können, wird es entscheidend, Rahmenbedingungen zu schaffen, die auch anderen, unterprivilegierten Menschen den Zugang und das Recht auf Stadt ermöglichen können. Weil sich ein Wissen entwickelt, das man nicht aus der Distanz erwerben kann. Erst so konnten wir Projekte wie das Vertical Gym, die Schule für autistische Kinder, das Konzerthaus in Paraisópolis / São Paulo, für das wir 2011 den Golden Holcim Award für „sustainable construction" gewonnen haben, entwickeln. Sie zeigen, dass es um den sozialen Impact, gekoppelt mit Wirtschaftlichkeit, geht. Sie sind wahrscheinlich wegweisend dafür, dass sich mehr Leute für Slumviertel interessieren. Es geht hier nicht um uns, wir freuen uns natürlich, wenn wir einen Preis kriegen, aber das Wichtige ist, dass eine hoffentlich große Anzahl von Leuten diese Aufgaben erkennt. Es gibt keinen Mangel an Architekturprojekten, die man dort machen und erfinden kann. Es gibt genügend Orte, wo man arbeiten kann.

Sie selbst nennen als Ihren Arbeits- und Forschungsschwerpunkt die Südhalbkugel, den „urbanen Süden".

Die Namensgebung bezieht sich auf die Tatsache, dass das demografische Wachstum vor allem im Süden der Erdhalbkugel, und dort speziell in Slums, stattfindet.

Dabei wird immer von den wachsenden Städten gesprochen.

Hier werden Begriffe durcheinandergeworfen. Man redet immer davon, dass 50 Prozent mehr Menschen in Städten leben. Das kommt von der These des Historikers Eric Hobsbouwm, die er in seinem Buch „Age of Extremes" vor zirka 30 Jahren formuliert hat. Er war der Erste, der die Beobachtung des Städtewachstums schriftlich festgehalten und dieser Tatsache ein Kapitel gewidmet hat. Die größte Revolution des 20. Jahrhunderts war die Wandlung der Weltbevölkerung von einer ruralen in eine urbane. Das heißt nicht unbedingt, dass die Leute in Städten leben.

Es ist also eher damit gemeint, dass die Lebensweise sich geändert hat?

Ja, man braucht ja heute nicht mehr unbedingt in einer Stadt zu leben, um einen urbanen Lebensstil zu haben.

Wie würden Sie einen urbanen Lebensstil beschreiben?

Das hat schon was mit dem Zugang zu Ressourcen und zu Infrastruktur zu tun.

Auch Bildung?

Auch das. Aber es hat auch damit zu tun, dass die politischen Grenzen beispielsweise der Stadt Mexiko City nicht mehr mit dem Bild, das die Menschen dort von ihrer Stadt haben, übereinstimmen. Die Stadt wird zur politischen Einheit, zur Grenzzone.

Weil die Stadt ausfranst, so wie Rom etwa?

Weil diese Entwicklung viel schneller läuft als die politischen Entscheidungen, die sich eigentlich an diesen Bewegungen orientieren. Das sieht man beispielsweise, wenn man sich die Pläne für Vorwahlen von Telefonnetzwerken ansieht oder die Wasserversorgungen von Städten: Da kann man verschiedene Figuren übereinander zeichnen, deren Gesamtumriss einigermaßen den durchgehenden Siedlungsraum darstellen. Man importiert heutzutage ja auch Flächen: Ressourcen kommen von woanders her, wie hier in Wien etwa das Wasser vom Schneeberg. Das gehört in gewisser Weise zum Fußabdruck einer Stadt dazu. Lebensmittel werden von weiß Gott woher transportiert. Da kommt man zum sogenannten „land grabbing". Länder und Städte garantieren von irgendwo anders her ihre Versorgung. Das ist eine Realität. Das sind Herausforderungen, denen man sich auf den verschiedensten Ebenen stellen muss. Städtebau und Architektur sind wahrscheinlich diejenigen Disziplinen, die dazu am meisten zu sagen haben, wenn es dazu kommt, Wissen zusammenzubringen oder miteinander in Deckung zu bringen.

Viel Aufwand wird aber immer noch in imposante Renom­mierarchitektur gesteckt, die sich um ausfransende Städte und nicht vorhandene Infrastruktur nicht kümmert.

Das sind hauptsächlich ästhetische und repräsentative Projekte. Unsere Arbeit hingegen ist ein politisches, gesellschaftliches Projekt, das eine Größenordnung hat, die weit über den Wirkungsradius eines einzelnen Architekten oder eines Büros hinausgeht. Da müssen andere Formate gefunden werden, da müssen sich auch Politiker, Verantwortungsträger in anderer Weise verständigen, weil das Profil der Führungsrolle, die man einnehmen müsste, überhaupt noch nicht besetzt ist. Es fehlt an Grundlagenwissen, um diese Herausforderung überhaupt richtig einzuschätzen.

Welche Aufgaben stehen für die Stadtplanung an?

Man kann nur das vergleichen, wozu es Aufzeichnungen und Daten gibt, und die gibt es zu vielen Städten als politische Einheiten. Informelle Siedlungen und inoffizielle Zahlen sind in diesen Aufzeichnungen zum Teil gar nicht vorhanden. Laut Aufzeichnungen über politisch eingegrenzte Städte kann man sagen, dass Städte zwei Prozent der Erdoberfläche darstellen, und dort leben momentan mehr als 50 Prozent aller Menschen. Diese verbrauchen 80 Prozent der Energie und verursachen 75 Prozent aller Treibhausgase. Wenn man den Herausforderungen begegnen möchte, von denen man heutzutage Kenntnis hat, wie dem Auseinanderdriften von Gesellschaften, geht es immer auch um die Debatte der Umverteilung. Wir werden solche Probleme nur in Städten lösen können.

Die Kehrseite der Medaille: Wenn die Probleme in Städten existieren, können wir sie auch dort lösen. Das ist vorzüglich und praktisch, wenn das so konzentriert ist. Wäre die Problemstellung auf 80 Prozent der Erdoberfläche verteilt, wäre es schwierig, sie überhaupt zu erfassen. Rein technisch-wissenschaftlich ist es also ein Vorteil, dass man einige wenige eingrenzbare Orte als Interventionsmöglichkeiten zur Verfügung hat. Man kann dort Dinge, die eigentlich kaum irgendwo möglich sind, wie in einer Laborsituation ausprobieren. Das ist ein mögliches Zeitfenster. Wenn wir dort Lösungen entwickeln können, die skalier- und übertragbar sind, haben wir etwas Unglaubliches entdeckt.

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