Poetik der Architektur

Dem jungen Grazer Büro gsp architektur gelang es, mit seinem Konzept für das Islamische Kulturzentrum Graz einen wesentlichen baukulturellen Beitrag zur zeitgemäßen sakralen Baukunst in Europa zu leisten.  

03.11.2014
Architektur
Petra Kickenweitz

Über die Architektur soll ein Gebäude geschaffen werden, das „einen Beitrag zur Gesellschaft in ihrer Vielfalt“ leistet. „Das bedeutet, dass man an diesem Ort Angebote schaffen möchte, die allen Bürgern dienen, um sich treffen und austauschen zu können, um sich interkulturell kennenzulernen.“ Es soll daher ein „Treffpunkt für interkulturelle Kommunikation und nicht ein Ort alleiniger Repräsentation“ entstehen.Damit formulierte die Bauherrenschaft, der Verein Islamisches Kulturzentrum Graz, in der Wettbewerbsauslobung die ambitionierte Idee, ein frei zugängliches, offenes Kultur- und Veranstaltungszentrum zu errichten, das den interkulturellen und interreligiösen Dialog fördert. 

Durch eine von Anfang an gute Kooperation mit der Stadt Graz, sowohl bei der Standortsuche als auch bei der zweijährigen Wettbewerbsvorbereitung, und durch die Umsetzung eines zeitgemäßen Projekts, das die sakralen Anforderungen eines klassischen Moscheebaus ins Europa des 21. Jahrhunderts transformiert, sollte diese Idee und der dahinterstehende Idealismus nun auch umsetzbar sein.

Zeitgemäß interpretiert

Der im September 2011 entschiedene und in einem nichtoffenen, einstufigen Verfahren ausgeschriebene Realisierungswettbewerb nach dem Grazer Modell – ein von der Stadt ausverhandeltes Wettbewerbsverfahren mit privaten Investoren – umfasste neben einer adäquaten, zeitgemäßen Interpretation einer Moschee auch eine Mehrzweckhalle, einen Kindergarten und eine Volksschule, Geschäfts- und Büroflächen zum Vermieten, ein Restaurant, Dienstwohnungen, Verwaltungs- und Bib­liotheksräume sowie einen Jugendraum.

Das Siegerprojekt des jungen Grazer Büros gsp architekten (Architekt Gerhard Springer und Karl Heinz Putz), das über den Lostopf der Architektenkammer zur Wettbewerbsteilnahme kamen, konnte sich gegenüber weiteren acht internationalen Teilnehmern durchsetzen. Sie interpretierten die Typologie einer osmanischen Medrese (Schule mit Hof) mit angeschlossener Moschee mit zeitgemäßen adäquaten Mitteln. Die Gebäude orientieren sich um den als Kommunikationsort geplanten zentralen Hof mit Garten, wobei die Moschee an der Südostecke des Grundstücks als markanter, diagonal gestellter Monolith, nach Mekka ausgerichtet und optisch einen Meter über einer quadratischen Wasserfläche schwebend, im Mittelpunkt der Anlage steht. Die Wasserfläche ist ein elementares Gestaltungsmittel und Symbol der islamischen Gartengestaltung. Einblicke in den Gebetsraum von außen werden durch eine umgebende Mauer unterbunden. Die Blicke der Menschen innerhalb der Moschee werden künftig beim Gebet über ein bodennahes Fensterband über die Wasserfläche nach außen geleitet. Dieses Lichtband wird von der Seitenwand über die Qibla-Wand (Wand Richtung Mekka) geführt und beeindruckt durch seine weit über zwölf Meter betragende (fast stützenfreie) Spannweite sowie Bogenführung auch statisch und sorgt für eine intime spirituelle Dramaturgie. Unterstützt wird diese dynamische Beleuchtungssituation durch zusätzliche Lichtpunkte in der Außenwand und eine indirekte Lichtquelle an der Decke, die die Qibla-Wand in Streiflicht taucht. Der an sich leere, 21 x 21 Meter große quadratische, kontemplative Raum mit abgerundeten Ecken wird Ton in Ton gestaltet und erhält einen einfarbig hellen, grau-beigen Wandputz und einen durchgehenden Teppichboden. 

An der Qibla-Wand werden durch den im islamischen Raum sehr bekannten Künstler Mohammed Al Mandi in arabischer Kalligrafie die 99 Namen Allahs – voraussichtlich in Sgraffito-Putztechnik oder durch Sandstrahlung der Putzfläche, farblich Ton in Ton – gestaltet. Die so gestaltete Qibla-Wand, die darin eingelassene, traditionelle Gebetsnische für den Iman sowie die Galerie für Frauen richtet den eigentlichen Zentralbau für rund 600 Besucher nach Mekka aus. Sowohl straßen- als auch hofseitig wird die Moschee über ein vorgelagertes Foyer erschlossen. Straßenseitig wird der Zugang durch das Minarett gekennzeichnet. Das Minarett ist auf Wunsch der Stadt Graz weder begehbar noch ist es möglich, Muezzin-Rufe auszusenden. Vielmehr löst sich das nach oben verjüngende Minarett durch den fünf Meter hohen, durch LED-Strahler beleuchteten Glasaufsatz optisch Richtung Himmel auf. Innerhalb der Nurglaskonstruktion, die als Ganzes angeliefert und auf das Minarett mittels eines eigens konstruierten Schutzgerüsts gehoben wurde, erleuchtet zu Gebetszeiten zusätzlich ein Sichelmond aus zwei gelben Plexiglasscheiben mit 300 LED-Punkten das Minarett. Auf dieser glasstatisch herausfordernden Konstruktion wurde der Gebetsruf in Kalligrafie ebenfalls von Mohammed Al Mandi gestaltet. Die Höhe des Minaretts von rund 22 Metern ist das Ergebnis eines pragmatischen Kompromisses mit der Stadt Graz und nimmt Bezug auf die Höhe, ab der man von einem Hochhausgebäude spricht. Diese Höhenlimitierung erscheint beim Rundumblick vor Ort zwar willkürlich – schließlich sind die umliegende Kirche, Fabriksschlote, Sende- und Strommasten höher –, doch erscheinen die Proportionen und das Verhältnis zum Hauptraum der Moschee sehr ausgewogen.

Konfliktfrei umgesetzt

Der zentrale Gemeinschafts- und Versammlungsort wurde als Stahlbetonkonstruktion errichtet, wobei immer nur ein Viertel des Raumes über Eck und über die gesamte Gebäudehöhe von zwölf Metern auf einmal geschalt und betoniert wurde. Die Aussteifung erfolgt über vorgespannte Stahlbetonträger der Deckenkonstruktion, die im Nachhinein mittels Ortbeton eingebracht werden. Die Attika soll rund 2,5 Meter erhöht werden, um die Klima- und Lüftungstechnik am sonst begrünten Flachdach zu verbergen. Außenseitig erhält der Moscheebau eine hinterlüftete Glasfassade, die speziell hierfür mittels eines eigenen Schmelzglasverfahrens, einer thermischen Nachverformung von Flachglas, hergestellt wird. Das so erzeugte, auch gebogene Reliefglas ist auf der Matrizenseite mit einem für die islamische Kunst typischen geometrischen Ornament strukturiert. Die Rückseite der Sicherheitsverglasung wird mit grüner Farbe – die Farbe des Propheten – teilweise auch transluzent beschichtet. Die Befestigung an der Stahlbetonwand erfolgt durch ein patentiertes System, das die sichtbare mechanische Befestigung auf ein Minimum reduziert, gleichzeitig aber das Austauschen jeder einzelnen Scheibe gestattet. Die gesamte Projektentwicklung und -abwicklung kann bis zum jetzigen Zeitpunkt als mustergültig hervorgehoben werden. Die zeitliche Verzögerung bei der Bauabwicklung – die Grundsteinlegung fand bereits im Mai 2012 statt, und die Fertigstellung der Moschee (3,5 Millionen Euro Baukosten) wird voraussichtlich im Lauf des Jahres 2015 erfolgen – liegt daran, dass der Baufortschritt nach Maßgabe der Finanzierung und ausschließlich über Spendengelder erfolgt. 

Summa summarum ein bemerkenswertes architektonisches Projekt, allein aufgrund der Tatsache, dass die bisherige Projektabwicklung – im Gegensatz zu manch anderen Moscheeprojekten in Österreich – nahezu konfliktfrei ablief. Man denke an den Minarettstreit von Telfs in Tirol (2005/06) und das Kulturzentrum Bad Vöslau NÖ (2007 bis 2009). Ein Umstand, der in Graz sicherlich durch die Standortwahl positiv beeinflusst werden konnte. Gemeinsam mit der Stadt fiel die Wahl auf ein Grundstück, das ursprünglich der Holding Graz GmbH gehörte. Der vom Verein erworbene Baugrund liegt im Gewerbegebiet, am südlichen Ende des Bezirks Gries, östlich des Zentralfriedhofs, und ist mit öffentlichen Verkehrsmitteln sehr gut erreichbar. Ganz bewusst wurde ein Standort in Wohngebieten vermieden – man wollte einen möglichen Konflikt mit der Wohnbevölkerung, der aufgrund einer hohen Besucherfrequenz entstehen könnte, von vornherein ausschließen. Nach dem Islamischen Friedhof in Altach Vorarlberg (2012) gelingt nun in Österreich mit der Umsetzung des Islamischen Kulturzentrums ein weiteres interessantes, ambitioniertes und vor allem baukünstlerisch wertvolles Projekt. Damit kann ein konstruktiver Beitrag in der durchaus angeheizten und einseitigen europaweiten Debatte rund um den Islam und die Moscheebauten geleistet werden. (dd)

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