Tuberkulose unter den Glasern

Vor einigen Wochen sorgte die Meldung von Tuberkulosefällen an einer Wiener Schule für große Aufregung. Eine Ansteckung ist heute nicht mehr wirklich dramatisch. Vor etwa hundert Jahren aber verbreitete diese Krankheit Angst und Schrecken. Die mit am stärksten gefährdeten Arbeiter waren die Glasmacher hat Elfriede Zahlner nachgeschlagen.

21.08.2013
Redaktion Glas
© Archiv

Sommerlicher Gesundbrunnen für die Stadtbevölkerung – einSchrebergarten auf der Schmelz in Wien in den 1920er Jahren. Der kleine Bub vorne in der Mitte mit dem Huhn am Schoß, starb 21-jährig an einer Lungenkrankheit. Links davon, mit einem Hasen in der Hand, sitzt der spätere Glasermeister Gustav Zahlner, der ein gesundes Leben hatte und 89 Jahre alt wurde.

Die Glasmacher benötigten enorme Lungenkraft zum Aufblasen der Glaswalzen, zumeist arbeiteten sie in Gruppen, wobei die Glasmacherpfeife von Mund zu Mund weitergegeben wurde. Somit war eine gegenseitige Ansteckung fast unvermeidlich. Die Glasschleifer kämpften mit dem Quarzsand, der zum Facettenschleifen notwendig war, die Glasinstrumentenerzeuger mit den Quecksilberdämpfen bei der Herstellung der Fieberthermometer. Kunstglaser waren ständig den Dämpfen beim Verlöten der Bleiruten ausgesetzt. Und die gewöhnlichen Bauglaser – ja, ich erinnere mich noch gut an das tägliche Abendritual in der Werkstätte – Boden aufkehren mit dem Strohbesen, vorher Wasser aufspritzen, damit der Raum nicht in einer Staubwolke versinkt.
 
Immer wieder findet man in den alten Zeitungen Berichte zur Tuberkulose. 1902 etwa der Selbstmordversuch der jungen Gattin eines Glasschleifers, der „brustkrank und erwerbsunfähig war".
 
Aus der Zeit des I. Weltkrieges (1914 – 1918) gibt es noch Jahresberichte des Wiener Fortbildungsschulrats mit Mitteilungen über den schulärztlichen Dienst. Im ersten Kriegsjahr entfiel dieser kriegsbedingt, dann wurde er unter großen Schwierigkeiten wieder aufgenommen. Man verteilte unter den Schülern Merkblätter über Zahnpflege, Alkohol – und Tuberkulose. Der allgemeine Gesundheitszustand der Wiener Lehrlinge war derart schlecht, dass man eine Aktion „Wiener Lehrlinge aufs Land" startete und 5.000 Schüler auf Erholung schickte. Im letzten Kriegsjahr wurden die Schulärzte angewiesen besonders auf Symptome der TBC zu achten und damit die Bestrebungen der öffentlichen Tuberkulosefürsorge zur raschen Behandlung zu unterstützen.
 
In den Nachkriegsjahren waren wohl genügend Lehrstellensuchende zur Verfügung, doch die Jugendlichen waren großteils gesundheitlich nicht genug belastbar. 1929 wurden daher offizielle Aufnahmetests für Anwärter im Glaser-, Glasschleifer- und Glasbläsergewerbe eingeführt. Sie hatten sich einer fachärztlichen Untersuchung und im Bedarfsfall einer psychologischen Eignungsprüfung zu unterziehen. Für die jeweiligen Berufe wurden genaue Erfordernisse und Ausschließungsgründe veröffentlicht. Für Glasschleifer und Glasbläser waren „vollkommen gesunde Atmungs- und Kreislauforgane" erforderlich.
 
1930 verstarb der akademische Glasmaler Eduard Mader im Alter von 71 Jahren unter unsäglichen Schmerzen an Knochentuberkulose. Er war über 32 Jahre im Schuldienst tätig, er war der erste Lehrer und später Direktor der Fachschule, welche die Genossenschaft der Glaser 1897 in Wien gründete.
 
TBC wird durch Tröpfcheninfektion übertragen. Als beste Vorbeugung gilt Hygiene und frische Luft. Heute kein Problem. Aber damals? Mein Schwiegervater Gustav Zahlner antwortete auf meine Frage wie denn ein Elternpaar mit sieben Kindern in einer Zimmer-Küche-Wohnung seine Nachtruhe bekam: „Nun, die beiden kleinsten schliefen bei den Eltern im Ehebett, die anderen in einem aufschlagbaren Doppelbett. Nur die Schwester, die bereits arbeiten ging, hatte ein klappbares metallenes Inrusabett für sich
alleine". Und das war keine Proletarierfamilie. Immerhin war der Vater Stadtwachebeamter, also Polizist.
 
Heute ist Tuberkulose gut behandelbar und heilbar.

Glas

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