Wegschauen schwer gemacht

13.09.2016

Von: Redaktion Architektur & Bau Forum

Die Südtiroler Künstler Alois Steger und Paul Feichter konzipierten und bauten 2014 für die Ausstellung „Arche-Eine Festung für Tiere“ in der Franzensfeste in Südtirol ein begehbares Holzobjekt, das biblische Bezüge aufgreift. 

Die Arche der Künstler Alois Steger und Paul Feichter liegt in Meran auf der Kurpromenade vor Anker.

Der alttestamentarische Mythos der Sintflut und der Arche Noah gilt als eine der ältesten und faszinierendsten Geschichten der Menschheit. Sie erzählt vom globalen Tod, den nur wenige überleben, sie erzählt aber auch davon, dass eine derartige Katastrophe „nie wieder" geschehen würde.

Alle im selben Boot

Die Arche wurde zum universellen Symbol aller Katastrophenängste und Rettungssehnsüchte. Gegenstand des künstlerischen Nachforschens im Rahmen der damaligen Ausstellung war das vieldiskutierte Verhältnis von Mensch und Tier, das von inniger Zuneigung bis massenhafter Gewalt in den Tötungsfabriken der Nahrungsmittelindustrie reicht. Einen weitergefassten theoretischen Rahmen boten die dunklen Prognosen der Klimawissenschaftler, die den Sintflutgedanken als reale Möglichkeit wieder in den Raum stellten. Seit die Klimawissenschaft nachgewiesen hat, dass die Atmosphäre nichts vergisst und die Natur den menschlichen Übergriffen gegenüber nicht auf Dauer gleichgültig bleiben wird, steht das Schlimmste als reale Möglichkeit im Raum: Die Selbstzerstörung der Menschheit. Bereits in der 1950er Jahren schrieb der Zukunftsdesigner Buckminster Fuller „Wir sind alle Astronauten. Wir sitzen alle im selben Boot, wir müssen lernen, es richtig zu bedienen, sonst werden wir sinken".

Symbol der Hoffnung

Zwei Jahre nach der ersten Ausstellung gewann der Begriff der Arche durch die Flüchtlingskrise eine dramatische Dimension, seither ist sie erneut zu einem zentralen Symbol geworden. Zwar unterscheidet sich die Arche Stegers und Feichters schon allein in ihren Ausmaßen (18 Meter Länge) vom alttestamentarischen Vorbild, doch sie zeigt gerade an diesem innerstädtischen Platz in Meran, der schönsten Flaniermeile Südtirols, dass Wegschauen vor dieser Katastrophe nicht möglich ist. Aus 180 Holzpaletten(4,0 x 2,0 m) gefertigt haben die beiden ein Lieblingsutensil der Upcycling-Bewegung, zur Form eines Schiffes gefügt, übereinandergestapelt, verschraubt und zusammengenagelt. Euro-Paletten sind der Klassiker des Transportgewerbes, der weltweite Warenfluss ist ohne sie nicht mehr vorstellbar. Mehr als 500 Millionen davon sind Schätzungen zufolge zurzeit im Umlauf. Die Konstruktion ist nicht fugendicht verschlossen. Durch das offene Dach und die Fugen der Wände strömt Tageslicht in das Innere, die Paletten machen den Raum hell und luftig - statt endzeitlicher Verzweiflung vermittelt sie Hoffnung.

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