Winkler + Ruck: Vom Material zum Raum

Seit 1998 betreiben Klaudia Ruck und Roland Winkler ihr Büro in Klagenfurt. Ihre Architektur ist geprägt von hoher konzeptioneller Sensibilität und größter Umsetzungsgenauigkeit, wobei vor allem die Materialität eine zentrale Rolle spielt. Bisher hauptsächlich in Kärnten aktiv, haben Winkler + Ruck nun gemeinsam mit Architekt Ferdinand Certov den internationalen Wettbewerb für die Erweiterung des Wien Museum gewonnen. Eva Guttmann im Gespräch mit Klaudia Ruck und Roland Winkler

07.03.2016
© Larry R.Williams

Zuerst die naheliegende Frage: Wie ist das Gefühl, sich bei einem Wettbewerb gegen 274 Büros aus 26 Ländern durchzusetzen?
KR: Euphorie und Respekt, immerhin steht man plötzlich 
auf dem Karlsplatz zwischen Fischer von Erlach und Theophil Hansen.

Wie groß waren die Veränderungen im Entwurf von der ersten zur zweiten Wettbewerbsstufe, bei der insgesamt 14 Büros ihre Projekte überarbeitet haben?
RW: Der Entwurf war an sich schon bei der ersten Stufe fertig, wir haben ihn aber noch präzisiert und die Anregungen der Jury aufgenommen und eingearbeitet. Weitere Veränderungen waren nicht notwendig, was auch daran liegt, dass unser Projekt bereits sehr reduziert und eindeutig war.

Zu eurem Werdegang: Ihr habt beide in Graz Architektur studiert. Hier war Giselbert Hoke, der damals als Professor das Institut für Künstlerische Gestaltung der TU Graz aufgebaut und geleitet hat, eine wichtige Figur. Sein Unterricht in „Künstlerischer Gestaltung“ in Stift Rein war legendär, für viele prägend, und ihr habt auch beide bei ihm diplomiert. Was hat euch in dieser Zeit maßgeblich beeinflusst?
RW: Damals gab es an der Universität sehr starke Persönlichkeiten: Giselbert Hoke, Günther Domenig und auch Franz Riepl; alle drei haben bei uns unterschiedliche Prägungen hinterlassen. Domenig, aber auch Raimund Abraham waren ganz zentrale Figuren, die viel Energie an die Universität gebracht haben, doch in erster Linie war es Hoke, der dieses künstlerische Element in uns aktiviert hat. Er war als Lehrer ein Gigant wie auch Abraham und Riepl. Sie alle hatten die Fähigkeit, die Studierenden ganz tief im Kern zu erfassen. Wenn dort etwas zu finden war, dann wurde es hervorgeholt, oft auch mit einer gewissen Brutalität, die aber wichtig war, um an die Grenzen zu gelangen. Hoke hat uns so weit herausgefordert, dass wir uns ganz tief in die Materie einlassen mussten. Ich komme aus einem Tischlereibetrieb, und vor diesem Hintergrund war es eine große Hürde, vom Verwertungsdenken wegzukommen. Das schafft man nicht, wenn einem nicht jemand einen Tritt versetzt. Ich halte das Handwerkliche für wichtig, es ist für mich Basis für die technische Struktur und war prägender als die Hochbauausbildung an der Uni, aber das Künstlerische steht zum wirtschaftlichen Element eines Betriebs in einem gewissen Widerspruch. 
KR: Hokes Kunstbegriff hatte ja überhaupt nichts mit Künstlichkeit zu tun. Ihm ging es darum, das Urkindliche, das Primitive zu finden, sich darauf zu reduzieren, alles hinter sich zu lassen. Er hat uns auch von den Moden weggebracht, die in Graz damals sehr stark und präsent waren, und wir rechnen es ihm hoch an, dass die Haltung, die er so vehement vertrat, eine andere war.

Die gesellschaftliche Verantwortung von Architektur ist für euch ein Thema. Wie definiert ihr diesen Begriff, und wie seid ihr damit beim Wettbewerb zum Wien Museum umgegangen?
KR: Wir vertreten den Ansatz, dass es eine Zerstörung oder zumindest eine Verletzung des Bestehenden gibt, sobald etwas gebaut wird, und daher mit dem Bauen die Verpflichtung zu versöhnen einhergeht. Man trägt ja eine große Verantwortung nicht nur den Bauherren, sondern auch der Gesellschaft gegenüber. Architektur hat nichts mit Individualismus zu tun, obwohl natürlich jedes Gebäude als solches individuell ist. 
RW: Beim Wien Museum mussten wir mit der Situation umgehen, dass das Haus von Oswald Haerdtl ganz eindeutige Schwächen hat und für viele ein Abrisskandidat ist. Es ist zu klein, duckt sich zu sehr an den Rand, hat keine eigenständige städtebauliche Wirkung. Wir haben daher den Bestandsbau und den Karlsplatz als Einheit aufgefasst und versucht, es nicht einfach aufzustocken, sondern aus ihm „herauszuwachsen“, seine Öffnungen und Fluchten aufzunehmen, es weiterzubauen, ohne es zu imitieren. Das funktioniert nur durch die vollständige Akzeptanz des Bestehenden. Insofern dachten wir im Entwurf ebenso wenig an Denkmalschutz wie ein Fußballspieler während des Matchs an das Spielfeld denkt, auf dem er sich ganz selbstverständlich bewegt.

Das heißt, ihr habt aus den Schwächen des Bestands neue Qualitäten generiert?
KR: Wir haben sowohl die bestehenden Schwächen als auch die Stärken akzeptiert und aus dieser vollständigen Anerkennung des Vorhandenen etwas Neues herausgearbeitet, das die Qualitäten hervorhebt und die Schwächen quasi neutralisiert. 
RW: So arbeiten wir immer, auch bei den kleineren Bauaufgaben, mit denen wir bisher befasst waren. Wir sehen prinzipiell jedes Bauwerk als Teil der Stadt oder eines regionalen Kontexts und nicht als Einzelobjekt. Sobald irgendetwas passiert, hat es mit Städtebau zu tun. Beim Wien Museum verleihen wir dem Bestand durch den Aufbau neues Gewicht, und damit verändern wir das System auf dem gesamten Platz. 

Ihr sprecht von den Schwächen des Bestands auf fast wohlwollende Weise. Habt ihr eine Sympathie für „Fehler“?
RW: Das kann man so sagen, ja. Dabei meinen wir natürlich nicht Fehler in der Planung oder in der Ausführung, sondern eher das Unperfekte, Uneindeutige, vielleicht sogar Menschliche und unsere Weigerung, etwas als absolut richtig oder falsch zu definieren. Auf solchen „Makeln“ kann man – gerade bei Umbauten – aufbauen, sie führen zu Kommunikation, zu Lebendigkeit und vielleicht auch zu einer Art von Identität. 

Wie erlebt ihr als Architekten, die einen hohen Anspruch verfolgen und auch umsetzen, die Situation in Kärnten?
KR: Kärnten, das „Kärntnerische“ an sich, ist generell sehr problematisch. Bei allem, was wir auf die Beine stellen wollen, springen wir nicht bei null weg, sondern eineinhalb Meter tiefer. In anderen Bundesländern setzt man von vornherein auf einem anderen Niveau an – sowohl kulturell als auch finanziell und handwerklich. Kärnten war sehr lang isoliert und feudalistisch strukturiert, das merkt man immer noch ganz stark.

Aber es gibt eine Vernetzung innerhalb der regionalen Architektenschaft, wie ja auch an eurer Zusammenarbeit mit Ferdinand Certov ablesbar ist.
RW: Wir haben uns in Kärnten immer ausgetauscht. Die Bauaufgaben sind klein, daher gibt es keine großen Büros. Wenn aber doch einmal ein größerer Wettbewerb oder Auftrag kommt, dann kooperiert man. Aus der Gruppe „Junge Architektur in Kärnten“ gibt es viele, mit denen wir nach wie vor in Kontakt sind, was sehr befruchtend ist. Viele schimpfen ja auf die Zustände in Kärnten, was nachvollziehbar ist, aber die entscheidende Frage lautet, wie man damit umgehen kann. Kärnten ist ein geografischer und geschichtlicher Rückzugs- oder Fluchtraum, wo die Angst vor allem Möglichen eine große Rolle spielt. Wenn man diese Ängste fasst und ihnen mit intelligenter Architektur begegnet, dann kann das schon etwas bewegen.
KR: Mit Ferdinand Certov haben wir schon öfter zusammengearbeitet, und wir wollten bereits länger gemeinsam an einem großen Wettbewerb teilnehmen. Wir vertreten eine ähnliche Haltung, haben ähnliche Ansprüche und trotzdem unterschiedliche Schwerpunkte. Darüber hinaus ist gerade bei großen Wettbewerben der Diskurs wichtig und auch, dass man nicht immer einer Meinung ist, was bei entsprechender Diskussionskultur natürlich auch die Qualität des Entwurfs voranbringt.

In euren Entwürfen spielt die Materialität eine große Rolle – das Material ist wichtiger Träger eurer Architektur, während die Konstruktion eher in den Hintergrund tritt und eure Gebäude als solche nicht um Aufmerksamkeit heischen.
KR: Wir arbeiten so, dass sich aus dem Material die Konstruktion, aus der Konstruktion der Raum und aus dem Raum die Architektur ergibt. Die Funktion steht nicht mehr im Vordergrund. Im Entwurfsprozess kommen wir meist schnell zu dem Punkt, an dem sich ein Material als passend herauskristallisiert. Dem gehen wir nach und versuchen, darauf alles Weitere aufzubauen. 
RW: Bedeutung entspringt ja nicht der Zuschreibung von Bedeutung, und Aufmerksamkeit als Selbstzweck zu erringen erschöpft sich im Akt der „Erringung“ und bleibt dann als Hülle übrig – wie ein Witz, der täglich erzählt wird. Das ist schlecht für ein Bauwerk, das jahrzehntelang Bestand haben wird. Vielmehr versuchen wir zu zählen, in der richtigen Reihenfolge, von vorn nach hinten, Hierarchien aufzuspüren, zu lernen, was wichtig ist und was weniger, welche Rolle das Material spielt, sein Gewicht, seine Oberfläche, seine Konsistenz, wie es verwendet wird, und welche Bedeutung daraus entsteht, dass es auf eine bestimmte Art konstruiert wird, die zu einem räumlichen Ergebnis führt, ohne dass zuvor eine formale Entscheidung getroffen wird.

Daraus ergibt sich unser Beitrag zum Karlsplatz, der sich als architektonisches Zeichen auf Augenhöhe nicht nur mit der prominenten Nachbarschaft, sondern auch mit anderen Metropolen bewegen wird.
Architektur ist – da folgen wir Hermann Czech – die Kunst des Hintergrunds. Alles soll sie bereitstellen: die Oberfläche, die Farbe, die Skulptur, die Physik, die Hermeneutik, die Kommunikation, die Geschichte. Zu glauben, dass wir als Architekten überall die Hauptrolle spielen können, ist vermessen – also beginnen wir beim Zählen. Wenn das wirklich gut gemacht wird, dann kommt die Bedeutung von allein, und der „Turm“ beginnt von selbst zu leuchten.

Winkler+Ruck: "Wir arbeiten so, dass sich aus dem Material die Konstruktion, aus der Konstruktion der Raum und aus dem Raum die Architektur ergibt."

Planer

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