FRAUEN IM HANDWERK

Für eine starke Region

Portrait
23.03.2022

Verena Ulrich-Hollerer ist Tischlerin aus Leidenschaft. Gemeinsam mit ihrem Bruder führt sie die familieneigene Tischlerei in zweiter Generation.
Verena Ulrich-Hollerer

Das Tischlergewerbe boomt und die Auftragsbücher sind gut gefüllt. Ein Blick in die Vergangenheit zeigt, dass dies längst keine Selbstverständlichkeit ist. So war es um die Branche in den letzten Jahrzehnten nicht immer gut bestellt: Während im Tischlergewerbe nach Ende des Zweiten Weltkrieges zeitweise Vollbeschäftigung herrschte, hatten die Betriebe spätestens Ende der 1970er-Jahre mit erheblichen Einbußen zu kämpfen: Kurz darauf erreichte die erste digitale Welle europäisches Festland und viele Tischler fürchteten um ihre Arbeitsplätze. Trotz aller Widrigkeiten wagte Anton Ulrich aus Bad Gleichenberg 1981 den Sprung in die Selbstständigkeit und gründete seine eigene Tischlerei. Seine Tochter Verena Ulrich-Hollerer, die den Betrieb seit 2016 mit ihrem Bruder Hans-Peter in zweiter Generation führt, erinnert sich: "Als mein Vater damals die Tischlerei auf der grünen Wiese gründete, befand sich das Handwerk in einer ernsten Krise. Er setzte daher von Anfang an auf eine große Produktpalette sowie auf ausgefallene Ideen in der Fertigung, um den individuellen Kundenwünschen entsprechen zu können. Die Strategie hat sich bewährt – so ist der Betrieb dank seiner Angebotsvielfalt weit über die Ortsgrenzen hinaus bekannt.

Die jüngste Tischlermeisterin

Dass Verena Ulrich-Hollerer einmal selbst die Geschicke der Tischlerei lenken würde, war anfangs jedoch noch nicht abzusehen: "Als ich sechszehn Jahre alt war, begann ich zunächst eine kaufmännische Ausbildung. Ich habe dann relativ schnell bemerkt, dass ich eigentlich in die Werkstatt gehöre, und so habe ich im Jahr 1994 die Tischlerlehre im familieneigenen Betrieb aufgenommen", erinnert sich die Unternehmerin zurück. Wenngleich die Tischlermeisterin immer große Freude an kreativer Handarbeit hatte, empfand sie die Lehrlingszeit als sehr fordernd. So seien die an sie gestellten Anforderungen äußerst hoch gewesen: "Ich hatte es meinem Empfinden nach als Tochter des Chefs schwerer als andere Lehrlinge. Nach meiner Lehrabschlussprüfung im Jahr 1996 zog es mich dann in die Ferne." Gesagt, getan – so sammelte die junge Tischlerin erste Arbeitserfahrungen in verschiedenen Tischlereibetrieben in Oberösterreich sowie in der Steiermark und absolvierte die Meisterschule für Raumgestaltung und Tischlerei an der HTBLVA Graz, welche sie 1999 mit nur 23 Jahren als jüngste Tischlermeisterin Österreichs abschloss. "Nach der Meisterprüfung arbeitete ich zunächst in einem Unternehmen in Zell am See, welches mit Möbeln handelt. Im Jahr 2002 ging ich dann nach England, um einen dreimonatigen Sprachkurs zu absolvieren – der Zufall wollte es, dass ich wenig später in der Planung und im Verkauf eines Londoner Küchenstudios arbeitete. Eine wunderbare Erfahrung, die mich bis heute prägt", so die Tischlerin.

Referenzprojekt einer Küche von Tischlerei Ulrich

Zurück zu den Wurzeln

Nach drei lehrreichen Jahren in England habe sie dann den Wunsch verspürt, in die Heimat zurückzukehren. Statt jedoch in den elterlichen Betrieb einzusteigen, gründete sie im Jahr 2005 ihr eigenes Planungsbüro: "Ich hatte das Gefühl, auf eigenen Beinen stehen zu wollen – also habe ich mich als Innenarchitektin selbstständig gemacht. Als mein Vater im Jahr 2016 in Pension ging, habe ich mich dann dafür entschieden, die Firmenleitung mit meinem Bruder zu übernehmen. Seitdem sind wir quasi Architekturbüro und Tischlerei in einem – das Konzept hat sich bis heute gut bewährt", so Ulrich-Hollerer über das Profil der Tischlerei. Auch die Zusammenarbeit mit ihrem Bruder empfindet sie als durchweg positiv – wenngleich diese nicht immer frei von Konflikten sei. Aus diesem Grund sei es den Geschwistern immer wichtig gewesen, dass jeder über seinen eigenen Zuständigkeitsbereich verfügt und sich die jeweiligen Kompetenzen nicht überschneiden – dies steigere nicht nur die Produktivität, sondern wirke sich ebenfalls positiv auf die Arbeitsatmosphäre aus: "Man darf schon auch mal eine andere Meinung haben und diese vertreten, das ist nur konstruktiv. Wichtig ist, dass man dabei immer kompromissbereit ist. Nur wenn wir zusammenhalten, werden wir erfolgreich sein. Das wissen wir beide – und so agieren wir auch."

Tischlerei Ulrich

Für eine nachhaltige Produktion

Neben der Angebotsvielfalt bietet die Tischlerei Ulrich auch eine große Bandbreite an Materialkombinationen an – Letzteres erfreut sich im Holzhandwerk einer zunehmenden Beliebtheit, wie die Tischlermeisterin berichtet. Schließlich entstehen durch geschickte Arrangements unterschiedlicher Werkstoffe und Haptiken spannende Kontraste, welche jedem Wohnraum Einzigartigkeit und Individualität verleihen: "Die große Vielfalt an verwendeten Materialien setzt sowohl eine weitsichtige Planung als auch ein fundiertes Expertenwissen der Tischler voraus. Auf diese Weise werden wir zu einem Bindeglied zwischen den Gewerken", erläutert die Steirerin die Philosophie ihres Betriebes. Ferner setzt man bei Ulrich bereits seit mehreren Jahren auf eine Möbelherstellung aus nachhaltiger Produktion, weshalb etwa auch umfassend in eine effiziente Werkstatttechnik investiert wurde. Darüber hinaus wird die Tischlerei zugunsten einer umweltfreundlichen Wertschöpfungskette ausschließlich mit Strom aus der betriebseigenen Photovoltaikanlage versorgt. Hierbei gehe es jedoch nicht allein darum, betriebsinterne Prozesse zu optimieren: "Nachhaltigkeit bedeutet auch, den lokalen Markt zu bedienen und die Region zu stärken. Das wird in Zukunft immer wichtiger werden", so die Tischlermeisterin.

Tischlerei Ulrich
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Tischlerei