SV-Praxis - Sensible Holzkonstruktionen

Diesmal habe ich ein Thema gewählt, das nach den modernen Baumethoden, insbesondere im Geschoßbau aus Holzwerkstoffen, immer wieder Anlass und Grund zu vermeintlich berechtigten Mängelrügen in Richtung der Bauwerksabdichter und Dachdecker gibt. 

09.06.2016
Holzkonstruktion
© WV

Leider gibt es auch gerade im Übergang zu den höheren aufgehenden Bauteilen berechtigte Mängelrügen, und diese schlagen mit entsprechenden Kosten für die Beseitigung zu Buche.
Im Bild dargestellt ist der Anschluss der horizontalen Dachfläche einer als Terrasse und für eine Begrünung genutzten Dachfläche im Übergang zum höher aufragenden Bauteil. Der Hochzug der PVC-P-Folie an den aufgehenden Bauteil wurde mit 50 Zentimeter gemessen. Der Begrünungsaufbau sollte in etwa 15 bis 30 Zentimeter Höhe betragen. Als Deckrücklage war eine 22 mm dicke OSB-Platte über der Wärmedämmung vorhanden. Der Dachdecker hat eine Dampfbremse aus einer zugelassenen LDPE-Folie (VAP 1000) auf einer unteren zwölf Millimeter dicken OSB-Platte verlegt und diese um die Sparren geführt. Die Konstruktion Sparren und untere OSB-Platte hat der Zimmerer ausgeführt. Der Dachdecker hat den Sparrenzwischenraum mit Wärmedämmung aus Mineralwolle zirka 20 Zentimeter dick ausgefüllt und dann die obere OSB-Platte als Subunternehmer des Zimmerers montiert.

Mein Ausbau und die Nachschau hat mich nirgendwo eine Dampfsperre im vertikalen Bereich finden lassen, wohl Feuchtigkeit auf der Dachhaut, in der Überlappung und auch unterhalb der Dachhaut im Bereich des Fußpunktes des Übergangs von der Dachfläche mit dem Klemmprofil der Randabsicherung zum Wandanschluss hin. Die behauptete Ursache der Flecken im Inneren des Objekts entlang dieses Übergangs, Wassereintritt von außen, konnte nicht verifiziert werden. Es wurden im nicht geöffneten Zustand keine Fehler in den Schweißnähten aufgefunden. 

Die Nachfrage nach der Dampfsperre im vertikalen Wandbereich und der Hinweis auf die ÖNorm B 3691:2012 hat die beiden Firmen ein wenig zum Nachdenken gebracht. Der Zimmerer meinte, die OSB-Platte an der Wand sei als Dampfbremse geeignet und habe eine Zertifizierung. Der Dachdecker schloss sich dieser Meinung an und meinte noch, die Bauphysik sei Sache des Auftraggebers und dies wäre, zumindest was die obere OSB-Platte betrifft, der Zimmerer – dieser sei für die Verlegung der Deckrücklage sein Auftraggeber gewesen.

Meine Nachfrage beim Kollegen, ob ihm nicht in den Sinn gekommen sei, dass die in der Fläche verwendete Dampfbremse nicht den erforderlichen Sd-Wert bringt und nach der Norm gar nicht für einen genutzten Dachaufbau zulässig ist, brachte mir die erstaunliche Antwort, dass der Auftraggeber, also der Endverbraucher, durch einen Architekten beraten wurde. Dieser hat die Arbeiten geplant und ausgeschrieben, er selbst habe sich nur mit dem Zimmerer koordiniert, um Doppelwege und Verzögerungen gerade hinsichtlich der feuchteempfindlichen Wärmedämmung zu vermeiden. Dass er als Dachdecker der Prüf- und Warnpflicht hätte nachkommen müssen, an das habe er gar nicht gedacht, denn es gab ja ohnedies einen Planer, und dieser hafte mit dem Zimmerer wohl für die Fehlplanung und falsche Ausführung der Konstruktion. 

Nun, so einfach liegt die Sache doch nicht. In der ÖNorm B 3691 ist ausdrücklich festgeschrieben, dass bei Warm­dachaufbauten unter Auflast, also Begrünung und/oder Gehbeläge, eine Dampfsperre mit einem Sd-Wert von mindestens 1.000 m zu planen und zu bemessen ist. Weiters ist festgelegt, dass die Anschlüsse an Durchdringungen und im Hochzugsbereich luftdicht auszuführen sind und die Dampfsperre bis über die Oberfläche der Wärmedämmung mit dem Untergrund verklebt luftdicht hochzuführen ist.

Aus den Vorgaben der ÖNorm B 3691 ist somit für jeden klar zu entnehmen, dass die gewählte „Aufbauhöhe“ sparende Ausführung mit der Zwischensparrendämmung und der um die Sparren gewickelten PE-Dampfbremse wohl technisch nicht das Richtige sein konnte, ja sogar eine gänzliche Fehlkonstruktion. Es hat also wohl nicht hinsichtlich der Gesamtkonstruktion, sondern nur hinsichtlich der Dampfsperre und der möglichen Ausführung derselben eine Warnpflicht des Dachdeckers bestanden. Denn fachgerecht konnte er seine Dampfsperre mit den Hochzügen nicht herstellen, abgesehen davon, dass der Mindest-Sd-Wert vom gewählten und ausgeschriebenen Produkt gar nicht erreicht worden ist. Dies sollte in weiterer Folge heißen, dass der Bauherr als privater Konsument von den Beteiligten – Planer, Zimmerer, Dachdecker – begehrte, die Konstruktion richtiggestellt neu herzustellen.

Eine Diskussion gab es nur hinsichtlich der Aufbauhöhe, wenn die tragende Holzwerkstoffplatte nunmehr auf den Sparren verlegt werden sollte, da zwar der Wandanschluss und die Türe genug Höhenreserven zuließen, jedoch die Attika an zwei Seiten um ca. 20 Zentimeter erhöht werden musste und die Begrünung nur mehr als extensive Begrünung mit einer maximalen Granulatschüttung von 15 Zentimeter möglich war. 

Natürlich gab es letztendlich einen Kompromiss, denn einen Rechtsstreit wolle keiner der Beteiligten. Der Planer hat fast 50 Prozent der entstehenden Kosten für die Sanierung von seiner Versicherung gedeckt bekommen. Er hat die Umplanung und die Behördenwege für die Genehmigung der neuen Traufenhöhe nicht in Rechnung gestellt. Die beiden Firmen haben sich dahingehend geeinigt, dass die Wärmedämmung und Dampfbremse vom Zimmerer ausgebaut wird und Zug um Zug die neue Deckrücklage aus Dreischichtplatten 27 Millimeter dick montiert wird. Die Dampfsperre, die neue Wärmedämmung aus EPS-W30 sowie die neue Dachhaut wurden vom Dachdecker geliefert. Die Mehrkosten für die höhere Druckfestigkeit der Wärmedämmung gegenüber der losen, zwischen den Sparren eingelegten Mineralwolle hat der Bauherr getragen.

Der „Gewinn“, den die beiden Firmen aus der Sache zogen, kann wohl nur als Lehrgeld verbucht werden. Denn nur leichte, schnelle und optisch schlanke Konstruktionen sind bei genutzten Flachdachaufbauten, gerade bei Holzkonstruktionen, nicht möglich. Holz ist ein sensibler Baustoff, der keinen Fehler in der Kon­struktion verzeiht. Denn anders als der Massivbau zeigt Holz durch Fäulnis und Schimmel Mängel in relativ kurzer Zeit auf. 

Dach + Wand

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