Shopdesign

Die Marke fühlen

Design
12.04.2021

Aktualisiert am 12.04.2021

Gesellschaftliche Veränderungen und eine neue Generation von Konsument*innen beeinflussen neue Konzepte. Das Geschäftslokal muss die Geschichte der Marke verkörpern und eine auf allen Ebenen stimmige Atmosphäre schaffen.

Shopdesign folgt heute mehr denn je der Idee von Inszenierung. Die Gestaltung soll zugleich emotional und ästhetisch ansprechen und einen entspannten Aufenthalt ermöglichen. Eine Verschiebung in der Zusammensetzung des Publikums bedeutet auch eine Umdeutung im Designanspruch. Heute erwarten Besucher*innen eine ganzheitliche Erfahrung, die das virtuelle Brand-Image auf der materiellen Ebene ausgestaltet. Digitale und analoge Welt sollen im Shopdesign zusammengeführt werden.

Nachhaltigkeitsanspruch, analog und digital

Potenzielle Käufer*innen werden vor dem Besuch im tatsächlichen Store in virtuellen Showrooms bereits auf die Produktpalette eingestimmt. Zudem erhält man durch digitale Formate wie Newsletter oder Social Media vorab Einblicke in Trends. Auf den Internetpräsenzen werden neue Produkte, etwa im Modebereich, vorgestellt, die gleich mit Videos von Fashion-Weeks und via E-Commerce verlinkt werden. Webseiten nehmen die ästhetischen Konzepte des realen Geschäfts auf. Der Schritt vom virtuellen Showroom in den Shop soll leicht sein. Ziel ist, dass beide Welten fließend ineinander übergehen und auf allen Plattformen wiedererkennbar sind.

Wie in der Architektur allgemein gilt auch im Bereich Shopdesign ein hoher Anspruch an Nachhaltigkeit. Kund*innen wollen detailliertere Informationen zu Grundsätzen des Unternehmens, Materialien und Herstellungsprozessen, und das Shopdesign fungiert hier als Markenbotschafter.

Vista Coffee Shop

Spektakuläre Dimensionen zeigt der Vista Coffee Shop im chinesischen Guangzhou, konzeptioniert und eingerichtet vom Designstudio KarvOne, das Büros in einigen asiatischen Metropolen hat, darunter Hongkong und Singapur. Es ist wie ein Schritt in eine andere Welt, wenn man die Straße mit dem subtropischen kantonesischen Klima verlässt und in eine luftige, helle Szenerie wechselt, die sich auf 945 Quadratmetern verzweigt. Der erste Eindruck vermittelt viel Grün. Beete mit Blumen und Bäumen am Boden und hängende Pflanzen, die von der Decke hinunterreichen, bestimmen die Optik. Sie machen den Coffeeshop zu einem überraschenden Erlebnis. Ein filigranes weißes Metallnetz umhüllt als künstlerisch anmutende Schleife einen „thematischen Traumraum“, wie die Architekten es formulieren. Viele persönlich anmutende Nischen laden zum Sitzen ein. Die ausgeklügelte, sanfte Lichtführung generiert in Kombination mit hellem Terrazzo und Metall eine schwebende Atmosphäre, die einzelnen Raumsequenzen fließen ineinander. Die Raumgestaltung möchte Begegnungen initiieren und gleichzeitig genügend Abstand ermöglichen.

KarvOne setzt auf ganzheitliche Designkonzepte, die Planung und Gestaltung von Räumen, aber auch Visualisierung des Markenimages inkludieren. Sie studieren ikonische Merkmale der jeweiligen städtischen Umgebung, um lokale Charakteristika als einzigartige Aspekte in ihre Designs zu integrieren.

Marazzi-Flagshipstore

Verschiedene Einflüsse finden im Hamburger Flagshipstore des italienischen Feinstein-Erzeugers Marazzi zueinander. Seit März werden hier neue Kollektionen aus Keramik gezeigt. Der Showroom inszeniert verschiedene Situationen von Küche bis Salon und macht so die vielseitigen und mitunter extravaganten Anwendungen direkt erfahrbar – etwa bei Waschbecken, die mit Feinsteinzeug ausgekleidet sind. Schon bei Eröffnung des Showrooms mit den großzügigen Ausmaßen von 500 Quadratmetern war die Idee maßgeblich, hier Architekt*innen, Planer*innen, Händler*innen und Privatkund*innen zusammenzubringen. Es werden Wandverkleidungen mit floralen Riesenmustern oder als großformatige Platten mit Marmor-Anmutung präsentiert, die sich in anderer Stärke, mit zwölf Millimetern, auch als Küchenarbeitsplatte einsetzen lassen. Auf der anderen Seite ziehen kleine Terrakottafliesen mit handwerklicher Optik die Aufmerksamkeit auf sich. Obwohl industriell gefertigt, wirken sie mit ihren kleinen Unregelmäßigkeiten – dem vielseits angewandten Humanizing Effect – wie handgearbeitete Majolika. Ein weiterer Bereich des Showrooms mit großem antikem Perserteppich und strahlendem Lüster vermittelt elegante Wohnzimmeratmosphäre. Der graue Boden aus technischem Feinsteinzeug legt hier eine ruhige, nordisch anmutende Basis. So wird die italienische Marke mit lokaler Individualität aufgeladen – ein wichtiger Aspekt im Shopdesign.

Pop-up-Shops

Wie sehr sich die Gestaltung von Shops zunehmend auch im virtuellen Bereich abspielt, zeigen Pop-up-Shops. Mit dem Prinzip des temporären Marken-Schaufensters findet das nomadische Element heutiger Arbeitsweisen auch im Einkaufsbereich Ausdruck. Sie leben vor allem von einem Image, das nicht zwingend mit realen Verkaufsorten gekoppelt ist. Vielmehr ziehen die Produkte als ihre eigenen Botschafter von einer reizvollen Adresse zur nächsten. Transparenz der Marke und der Herstellung gehören auch hier zum Erfolgskonzept. Aktuell kooperiert Stella McCartney mit Bloomingdale’s in New York – ihr Pop-up-Store „Stellabration“ bleibt bis Mitte Mai an der Adresse Third Avenue. Die Designerin ist Vorreiterin in Sachen Sustainability – ihre Überzeugung, dass Stil und Umweltverträglichkeit vereinbar sein können und müssen, hat sie auch im Shopdesign umgesetzt. Der Flagshipstore in der traditionell hochpreisigen Londoner Old Bond Street vereint Ansprüche an gediegene Qualität mit innovativem Design. Glasvitrinen in Würfelform, Designerstücke und Skulpturen aus Altholz setzen stylische Akzente. Stella McCartney wendet sich in weiten Bereichen von traditionellen Luxusmaterialien ab und nimmt handgefertigte, organische und nachhaltige Materialien in den Fokus. Biologisch abbaubare Schaufensterpuppen aus Zuckerrohr-Biokunststoff präsentieren neue Kollektionen. Insgesamt wird die Menge von benötigten Rohstoffen durch Materialien wie recycelten Schaumstoff und Karton, mit denen die Wände des Geschäfts ausgekleidet sind, niedrig gehalten. Schadstoffe wie Stickstoffdioxid werden zu 95 Prozent aus der Luft gefiltert. Zu diesem Engagement passt auch die Einrichtung eines Gartens im 1. Stock als ideelles und ästhetisches Statement. (dd)

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