Interview

Krisensicheres Dach- und Glashandwerk

Handwerk
21.03.2022

Corona-Pandemie, Preissteigerungen, Materialengpässe und nun ein Krieg in Europa – die letzten Jahre sind herausfordernd wie lange nicht. Wir haben die Vertreter der Dachdecker*innen, Spengler*innen und Glaser*innen zu den aktuellen Problemen, möglichen Lösungen und der Zukunft der drei Branchen befragt.
Der neue Vorstand der Bundesinnung der Dachdecker, Glaser und Spengler: Bundesinnungsmeister Walter Stackler (Mitte), BIM-Stv. Alexander Eppler (links) und BIM-Stv. Roman Moosbrugger.
Das Bundesinnungsteam der Dachdecker*innen, Glaser*innen und Spengler*innen: Bundesinnungsmeister Walter Stackler (Mitte) und die beiden Stellvertreter Alexander Eppler (links) und Roman Moosbrugger.

Das vergangene Jahr war durch die Corona-Pandemie von zahlreichen Herausforderungen geprägt. Wie haben die Branchen der Dachdecker*innen, Glaser*innen und Spengler*innen 2021 gemeistert?

Bundesinnungsmeister Walter Stackler
Bundesinnungsmeister Walter Stackler

Bundesinnungsmeister Walter Stackler (Glaser): Für die Glasbautechniker war die Auftragslage 2021 sehr gut. Für 2022 ist die Situation unterschiedlich: Manche Betriebe können anstehende, kleinere Aufträge zügig abarbeiten. Die richtig großen, langfristigen Aufträge bleiben jedoch aufgrund der kritischen Wirtschaftslage aus. Nach dem hoffentlich baldigen Ende der Corona-Krise und dem Krieg in der Ukraine gehen wir Glasbautechniker aber davon aus, auch dieses Jahr positiv abzuschließen.

Bundesinnungsmeister-Stellvertreter Alexander Eppler
Bundesinnungsmeister-Stellvertreter Alexander Eppler

Bundesinnungsmeister-Stellvertreter Alexander Eppler (Spengler): Unsere Branche ist wie immer gut durch die Krise gekommen. Das zeigt, wie sicher und stabil das Handwerk ganz allgemein und unsere Branche(n) im Speziellen sind. Schwieriger ist da meiner Beobachtung nach eher die zunehmende Spaltung der Gesellschaft und damit verbunden die Situation innerhalb der Belegschaft. Wenn konträre Ansichten aufeinanderprallen, verstärkt das eine gewisse Unruhe unter den Mitarbeitern.

Bundesinnungsmeister-Stellvertreter Roman Moosbrugger
Bundesinnungsmeister-Stellvertreter Roman Moosbrugger

Bundesinnungsmeister-Stellvertreter Roman Moosbrugger (Dachdecker): Für unsere Brache war es trotz der Herausforderungen ein gutes Jahr. Gebietsweise wurden schon früh Aufträge auf 2022 verschoben, da die Betriebe 2021 zu wenig Kapazitäten hatten. Die Auftragslage war ausgezeichnet, Probleme bereitet nach wie vor der Mitarbeitermangel. Dabei ist es egal, ob Fach- oder Hilfsarbeiter – es wird immer schwieriger, geeignetes Personal zu bekommen.

Die Pandemie hat zu Lieferengpässen und teils massiven Preissteigerungen geführt. Der Krieg in der Ukraine verstärkt diese Problematik. Wie gehen die Handwerksbetriebe damit um? Was raten Sie als Innungsvorstände Ihren Kolleg*Innen?

Alexander Eppler: In manchen Bereichen gab es bereits erste Anzeichen einer Entspannung, aber dies ist nun obsolet. Aufgrund der aktuellen Situation wird sich die Preisspirale leider weiter nach oben drehen und die Lieferschwierigkeiten werden weiterhin anhalten. Diese Entwicklung ist unbedingt bei Angebotsabgaben zu beachten und die Kunden auf die veränderlichen Preise und Liefertermine hinzuweisen.

Roman Moosbrugger: Spürbar sind teilwiese Vorratskäufe bzw. das Horten von Materialien von einigen Betrieben. Insbesondere bei Metall, da ist die Aussicht derzeit nicht so gut. Im Bereich der Dämmung hat sich eine Entspannung ergeben. Die große Unbekannte sind jedoch die Rohstofflieferungen aus Russland. Unternehmen können derzeit Angebote nicht über Monate zusichern.

Walter Stackler: Für die meisten Rohstoffe zur Glasherstellung haben sich die Preise dramatisch erhöht, da speziell ihre Herstellung sehr energieintensiv ist. Der gestiegene Gaspreis, der an den Ölpreis gekoppelt ist, lässt produktionsseitig die Kosten wachsen. Bei Silikon wurden ebenfalls die Preise an die Situation angepasst. Hier müssen die Unternehmer laufend prüfen, ob auch sie ihre Preise anpassen müssen.

Erfahrungsgemäß investieren die Menschen in solchen Situationen lieber verstärkt ins Eigenheim und 'sichere' Anlagen, anstatt das Geld für Urlaube oder kurzfristige Investments auszugeben.

Bundesinnungsmeister-Stellvertreter Alexander Eppler

Ist durch die Verteuerungen bei Baumaterialien, die steigende Inflation und nun die zusätzlich angespannte Lage durch den Krieg in Europa eine rückläufige Nachfrage vor allem bei privaten Bauherr*innen zu bemerken?

Alexander Eppler: Derzeit noch nicht. Aber erfahrungsgemäß investieren die Menschen in solchen Situationen lieber verstärkt ins Eigenheim und "sichere" Anlagen, anstatt das Geld für Urlaube oder kurzfristige Investments auszugeben.

Roman Moosbrugger: Trotz der Krise, die derzeit in Europa spürbar ist, geht der Bauboom weiter. Selbst Architekten können angesichts der massiven Verteuerungen von Materialien keinen Rückgang der Bautätigkeit feststellen. Aufgrund der Lieferengpässe wird im Herbst vielleicht doch die eine oder andere Baustelle verschoben.

Walter Stackler: Wenn die Preise für Energie und Lebensmittel weiterhin so rasant steigen, ist das für viele Haushalte ein echtes Problem. Sie geben dadurch einen deutlich höheren Anteil ihres Einkommens für Alltagsgüter aus und haben dadurch geringe Rücklagen. Die hohen Energiepreise sind ja schon seit einiger Zeit Haupttreiber der Inflation. Die Rohstoffpreise steigen derzeit auf Rekordhöhen, zudem belasten nach wie vor die Pandemie und die Lieferengpässe die Konjunktur. Einen deutlichen Rückgang bei den Nachfragen kann ich derzeit noch nicht erkennen, allerdings lässt sich nur schwer beurteilen, was da noch auf uns zukommt.

Wie hat sich die Nachwuchskräfte-Situation unter dem Einfluss der Pandemie entwickelt und welche Akzente setzt die Bundesinnung 2022?

Walter Stackler: Während viele Branchen mit Kurzarbeit und den finanziellen Folgen zu kämpfen hatten, konnten Auszubildende in Handwerksberufen trotz Corona-Pandemie kaum klagen. Wir werden in den kommenden Jahren besonders die Jugendlichen ansprechen, die vor der Entscheidung stehen, einen erfüllenden Beruf zu erlernen oder weiter die Schulbank zu drücken. Geld gibt es nämlich für junge Menschen bei der Lehre vom ersten Tag an. Wir möchten Jugendliche animieren, unseren vielfältigen Beruf kennenzulernen.

Alexander Eppler: Der Andrang an Lehrlingen war – wie immer – sehr gering. Daran hat auch Corona nicht viel geändert. Was wir als Bundesinnung planen, ist eine zielgruppenspezifische Ansprache potenzieller Lehrlinge. Die Landesinnung Steiermark hat dazu eine hervorragende Initiative im vergangenen Jahr im Rahmen der ersten virtuellen Lehrlingsmesse vorgestellt. Unter ichmachdasdach.at können so auf den verschiedensten "jugendtauglichen" Kanälen die Berufe der Dachdecker, Glaser, Spengler und Bauwerksabdichter zielgruppengerecht vorgestellt werden. Diese Kampagne soll nun für alle Bundesländer – so sie dies möchten – ausgerollt werden.

Roman Moosbrugger: Hier gab es seit dem letzten Jahr keine wesentlichen Änderungen. Inwieweit sich das Ansehen unseres Handwerksberufs durch die Pandemie geändert hat, kann aus meiner Sicht noch nicht gesagt werden. Jedenfalls hat sich gezeigt, dass unser Handwerksberuft krisensicher ist.

Unser wichtigstes Ziel ist, dass wir in unserem Arbeitsumfeld eine Atmosphäre der Zusammenarbeit, der Anregungen und Gegenseitigkeiten schaffen wollen.

Bundesinnungsmeister Walter Stackler

Auf welche Erfolge kann das junge Bundesinnungsteam im letzten Jahr bereits zurückblicken und wie sehen die Ziele und Pläne für 2022 aus?

Walter Stackler: Unsere bisherige Funktionsperiode ist ja durch die Corona-Pandemie geprägt, etliche geplante Veranstaltungen mussten abgesagt oder verschoben werden. Dennoch gibt es auch "positive Effekte", wie beispielsweise die Forcierung der Digitalisierung. Hier gehen wir davon aus, dass vor allem in der Kommunikation die digitalen Kanäle auch nach der Krise verstärkt zum Einsatz kommen werden. Die dadurch gewonnenen Einsparungen durch weniger Dienstreisen und dergleichen liegen auf der Hand. Unser wichtigstes Ziel ist nach wie vor, dass wir in unserem Arbeitsumfeld eine Atmosphäre der Zusammenarbeit, der Anregungen und Gegenseitigkeiten schaffen wollen.

Roman Moosbrugger: Ob es ein Erfolg ist, gut durch die Pandemie gekommen zu sein, überlasse ich jedem einzelnen. Wichtig war aus meiner Sicht jedenfalls, dass wir seit Beginn der Pandemie die Mitglieder bei Fragen und Schwierigkeiten unterstützt haben. Ein Ziel für mich ist es, die verschiedensten Berufsgruppen näher aneinander zu bringen. Im Vordergrund sollte das Verbindende, nicht das Trennende gesehen werden. Ziel sollte sein, dass wir vom Ich über das Du zum Wir kommen. Besonders freut mich, dass wir den Bundeslehrlingswettbewerb durchführen konnten. So konnten wir trotz Pandemie mit einigen Einschränkungen der Jugend einen würdigen Wettbewerb bieten.

Alexander Eppler: Unsere "Rundreise Teil 1", die dem Besuch des Bundesinnungsvorstands in den einzelnen Innungen in den Bundesländern gewidmet war, ist gut angenommen worden. Diese Initiative werden wir auch heuer fortsetzen. Auch die Vernetzung unserer Gewerke im deutschsprachigen Raum hat 2021 sehr gut geklappt. Dieser internationale Austausch mit transparenter Informations-Weitergabe an die Landesinnungen soll deshalb weiter intensiviert werden. Darüber hinaus wird die Bundesinnung die Vertretungen der Länder weiterhin tatkräftig bei ihren Aktivitäten unterstützen – Stichwort Klosterneuburger Dachtag 2022. Auch die für unsere Branchen so wichtige Normenarbeit wird weitergeführt.

Zukünftig werden beziehungsweise sind bereits Extensiv- oder auch Intensiv-Begrünungen das Thema. In der Zeit der Klimathematik ist eine solche Ausführung eine große Hilfestellung in Sachen Raumklima.

Bundesinnungsmeister-Stellvertreter Roman Moosbrugger

Welche Themen werden in den drei Branchen in Zukunft an Bedeutung gewinnen?

Roman Moosbrugger: Der Beruf des Dachdeckers oder Spenglers hat sich in den vergangenen 30 Jahren stark weiterentwickelt, sodass Betriebe ein wesentlich größeres Spektrum an Arbeit abzudecken haben als früher. Wesentliche Veränderungen waren im Bereich der Bauwerksabdichtung zu spüren. Hier war es wichtig, beim Beruf des Dachdeckers schon Ende der 1980er-Jahre in den Berufsschulen Augenmerk auf die Flachdach-Ausbildung zu legen. So war der "Dachdecker" der einzige Beruf, in dem die verschiedensten Herausforderungen eines Flachdaches bzw. Flachdachaufbaues erlernt wurden. Heute ist das Spektrum des Flachdaches so vielfältig wie dessen Ausführungsmöglichkeiten. Zukünftig werden beziehungsweise sind bereits Extensiv- oder auch Intensiv-Begrünungen das Thema. In der Zeit der Klimathematik ist eine solche Ausführung eine große Hilfestellung in Sachen Raumklima.
Meilensteine waren auch die aufkommenden Zusatzeinbauten wie thermische Solar- oder PV-Anlagen. Hier war es wichtig, bei Spenglern und Dachdeckern das Interesse sowie das Wissen über deren Ausführungen sowie deren Einbau zu gewinnen. Kooperationen haben dazu geführt, dass Dachdecker und Spengler als Profis auf dem Dach nun eine professionelle Arbeit bis zum Wechselrichter anbieten können. Nebenbei haben sich zahlreiche Betriebe schon früh der thermischen Sanierung eines Hauses verschrieben. Diese sind heute mit ihrem Wissen und Know-how führend in der Althaussanierung. Damit hat sich in den vergangenen Jahren der Spengler und Dachdecker zum Gebäudehüllenspezialist entwickelt.
Was mir persönlich fehlt, ist der Handwerkerstolz. Früher war es etwas wert ein schönes, regensicheres Dach zu bekommen. Heute sind die Betriebe mit allerhand Bürokratie eingedeckt, da bleibt für die gemeinsame Sache wie Interessensvertretung oft leider nicht viel Zeit.
Und: Arbeit muss sich wieder lohnen beziehungsweise entlastet werden. Es kann nicht sein, dass über einen Mindestlohn diskutiert wird, und diejenigen, die täglich ihrer Arbeit nachkommen und das System am Leben erhalten, teilweise nicht mehr in der Tasche haben.

Alexander Eppler: Das Thema Nachhaltigkeit wird weiter an Bedeutung gewinnen. Der nach wie vor kubischen Bauweise geschuldet wird das Gründach und/oder Retentionsdach, also Dächer mit wasserspeichernder oder zumindest rückhaltender Wirkung, weiterhin starke Nachfrage haben. Hier sind die positiven Eigenschaften durch reduzierte Wassereinleitung in das Kanalsystem bei kurzen, heftigen Regenereignissen ein wesentlicher Vorteil. Somit bleibt das Flachdach ein wachsender Markt.

Walter Stackler: Glas ist ein Werkstoff von enormer Wichtigkeit und ist aus der heutigen Architektur nicht mehr wegzudenken. Durch Veredelung und Beschichtung des Glases sind bis zur heutigen Zeit zahlreiche Funktionsgläser entstanden, die sowohl aktive als auch passive Sicherheiten bieten. Sie schützen vor der Sonne, Lärm und Wärme, trennen Räume und lassen dennoch Licht herein, helfen Energie zu sparen, sind feuerwiderstandsfähig, zudem ist Glas umweltfreundlich und recyclebar. Da Glas aus natürlichen, in Fülle vorhandenen Rohstoffen hergestellt wird, wird es auch weiterhin verstärkt zum Einsatz kommen. Ab September 2022 wird an "unserer" HTL in Kramsach eine neue Ausbildung für Glasbautechniker angeboten. Unter dem Ausbildungstitel "Fassadentechnik und Digitales Baumanagement" wurde hiermit eine wichtige Einrichtung für die Zukunft des Glaserhandwerkes geschaffen, da dies unseren Beruf vielseitiger machen wird. Nicht vergessen darf man auch die Veredelung und Gestaltung von Flachglas, Hohlglas und glasähnlichen Stoffen durch verschiedene Techniken - eine wesentliche Aufgabe der Glasveredler. Abschließend ist zu sagen: Die Branche muss sich heute mehr denn je mit der Vermarktung der Produkte und Dienstleistungen auseinandersetzen.

Das Interview führten Erika Hofbauer und Birgit Tegtbauer

Branchen
Dach + Wand Glas