BIM Harald Schinnerl

„Stillstand ist Rückschritt“

Digitalisierung, Flexibilisierung und Ausbildung stehen dieses Jahr ganz oben auf der Agenda von Bundesinnungsmeister Harald Schinnerl.

03.03.2021
Bundesinnung
Gerhard Rainer

Die Metalltechniker werden noch Jahre mit den von der Krise am meisten betroffenen Kundenbetrieben mitleiden, sagt der Bundesinnungsmeister der österreichischen Metalltechniker, Harald Schinnerl. Im großen METALL-Interview zu Jahresbeginn erklärt der gerade wiedergewählte Standesvertreter, was heuer noch alles geplant ist.

METALL: Herr Bundesinnungsmeister, was kann sich die heimische Metalltechnik vom heurigen Jahr erwarten?

Harald Schinnerl: Wir werden mit Problemen bei der Materialbeschaffung sowie stark steigenden Materialpreisen zu kämpfen haben. Nach den Impfungen gegen Corona wird sich die Nachfrage weitgehend normalisieren. In den Gegenden mit intensivem Fremdenverkehr werden unsere Metalltechniker mit den stark betroffenen Branchen noch Jahre mitleiden.

METALL: Wo liegen 2021 die Schwerpunkte der Innungsarbeit?

Schinnerl: Auf dem Plan steht die Überarbeitung der Meisterprüfungsnormen auf NQR 6-Level. Außerdem eine Überarbeitung des Lehrberufs Metalltechnik. Vom Wirtschaftsministerium wurde die Prüfung der Möglichkeiten hinsichtlich einer stärkeren Orientierung auf Digitalisierung angeregt.
Bei der Neukonstituierung der Arbeitsausschüsse ist es coronabedingt zu einer Verzögerung gekommen.
Im Oktober 2021 wird in Kärnten der Bundeslehrlingswettbewerb ausgetragen.
Und wir planen die Konsolidierung und Neuaufstellung des ANB (Arbeitskreis Notified Bodies) bzw. der SZA (Schweißtechnische Zentralanstalt), damit Dienstleistung für österreichische Betriebe verfügbar und leistbar bleibt.

METALL: Was ist heuer in Sachen Technik/technische Entwicklungen auf dem Radar? Welche Normen stehen im Fokus? Wo sind für den Metalltechniker Änderungen zu erwarten?

Schinnerl: Unsere Branche verändert sich technisch sehr stark. Daher ist es nötig, sich permanent weiterzuentwickeln, Kurse zu besuchen und bestehende Verarbeitungsrichtlinien und Normen laufend zu überarbeiten. Dies war im abgelaufenen Jahr nur sehr schwer oder gar nicht möglich. Nach dem Motto „Stillstand ist Rückschritt“ war dies für unsere Branche sehr schlimm. Derzeit sind folgende Normen in Überarbeitung:

  • ÖNORM EN 13241 – Tore – Produktnorm, Leistungseigenschaften
  • ÖNORM EN 16005 – Kraftbetätigte Türen – Nutzungssicherheit – Anforderungen und Prüfverfahren
  • ÖNORM EN 1529 – Türblätter –
    Höhe, Breite, Dicke und Rechtwinkligkeit – Toleranzklassen
  • Weiters die Überarbeitung der ÖNORM B5371 (Treppen und Absturzsicherungen / Geländer). Diese kommt voraussichtlich im März heraus, detaillierte Berichte folgen noch.

Auf europäischer Ebene sind Änderungen hinsichtlich der CE-Kennzeichnung zu erwarten. Dies werden wir genau beobachten und uns gegebenenfalls einbringen.

METALL: Sind die Metalltechniker 2020 mit einem „blauen Auge“ davongekommen (v. a. im Vergleich zu anderen Branchen wie etwa Gastronomie)? Mit welchen Schwierigkeiten hat das Metallgewerbe besonders zu kämpfen?

Schinnerl: Die Erschwernisse durch ­Masken, Desinfektionen, Abstand halten, Homeoffice oder geteilte Arbeitszeiten waren überschaubar und konnten weitgehend gut betrieblich gelöst werden. Das größere Problem war, dass Privatkunden kaum einen Kontakt wünschten, dass alles rund um das Gastgewerbe, Hotellerie, Liftbetreiber und auch Zulieferbetriebe durch die Pandemie stark geschwächt worden ist und wohl für Jahre als Kunden größtenteils ausfällt.

METALL: Was halten Sie von einem „Handwerksbonus neu“?

Schinnerl: Der Handwerkerbonus „Neu“ – vorgeschlagen von der Bundesspartenobfrau Renate Scheichelbauer-Schuster – sieht vor, privat beauftragte Arbeitsleistungen bis zu 20.000 Euro pro Haushalt und Jahr zu 25 % zu fördern. Dies würde bei einem Einsatz von 100 Millionen Euro über zwei Jahre eine Wertschöpfung von 310 Millionen Euro bewirken und 5.200 Arbeitsplätze schaffen.

Ich denke, dies ist eine gute Maßnahme, um dem Ausfall von Kunden aus dem ­Handel, Fremdenverkehr und der Gastronomie entgegenzuwirken.

METALL: Wird es jemals wieder so, wie es vorher war? Welche Entwicklungen Verhaltensweisen und/oder organisatorische Maßnahmen werden Ihrer Meinung nach über die Corona-Krise hinaus bestehen bleiben?

Schinnerl: Größte Gewinner der Krise sind die Digitalisierung und die elektronische Kommunikation. Die Krise hat diese Themen extrem beschleunigt, und es wird speziell für unsere kleineren Betriebe eine ­große Aufgabe, sich dieser Herausforderung zu stellen. Des Weiteren werden wir immer ­flexibler werden müssen. Es hat sich auch gezeigt, dass jene Betriebe, die sehr flexibel waren, am besten durch die Krise gekommen sind.

METALL: Was ist gerade mit den Stahlpreisen los? Wie kann sich ein Handwerksbetrieb gegen die massiven Preisanstiege wappnen?

Schinnerl: Der Preisanstieg kam für die meisten sehr überraschend. Die Stahlproduktion verteilt sich auf einen sehr kleinen Kreis von Produzenten. Die Preise haben sich seit 2007/2008 kaum verändert bzw. sind leicht gefallen. Daher haben die Werke in den letzten Jahren keine Gewinne geschrieben oder Verluste gemacht. Aus diesem Grund wurden mehrere Werke geschlossen und somit eine künstliche Verknappung erzielt. Die Lieferzeiten verdoppeln oder verdreifachen sich. Größere Betriebe stockten daher ihren Lagerbestand auf. Beim Edelstahl wirkt sich der sehr stark steigende Preis für Nickel aus. Für Transporte fehlen Container.

All das führte natürlich zu einer massiven Preiserhöhung.

METALL: Danke für das Gespräch! 

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