Interview

Neue Wege finden

Landesinnung Wien
03.08.2021

Der neue Wiener Landesinnungsmeister Bau Mario Watz über die ersten Monate seiner Amtszeit, die Kosten der Digitalisierung und einen neuen Anlauf zur Nachwuchsakquise.

Vor gut einem halben Jahr übernahm Mario Watz die Funktion des Wiener Landesinnungsmeisters Bau von Rainer Pawlick. Langweilig ist ihm dank Corona und Baubooms in den vergangenen Monaten sicher nicht geworden. Wie er das Wiener Baugewerbe außerdem in Sachen Digitalisierung unterstützen will und welche Ideen er für das Nachwuchsproblem hat, erzählt er im Interview mit der Bauzeitung.

Zuerst Covid-19, dann Bauboom und Materialengpässe – wahrscheinlich gibt es einfachere Zeiten, um die Funktion des Landesinnungsmeisters zu übernehmen?

"Trotz zahlreicher Maßnahmen sinken die Lehrlingszahlen in Wien leider seit Jahren. Deshalb ist es Zeit, dieses Thema von Grund auf neu zu denken."
Mario Watz, Landesinnungsmeister Bau Wien

Mario Watz: Das stimmt, aber ich habe mich dennoch sehr gefreut, als ich für das Amt vorgeschlagen wurde. Ich bin schließlich Baumeister aus Überzeugung, und für mich ist es eine große Ehre, als die Interessen der 2.200 Wiener Mitgliedsbetriebe zu vertreten und das Sprachrohr nach außen zu sein. Das Gute war, dass ich schon seit Jahren Mitglied des Landesinnungsausschusses bin. Das heißt, ich kenne die Themen, das Team und das Haus, und ich musste mich nicht erst einarbeiten. Dadurch kam der Wechsel zwar relativ kurzfristig, aber es war dennoch ein nahtloser Übergang.

Die vergangenen Monate haben die Unternehmen schwer auf Trab gehalten. Wie geht es denn dem Wiener Baugewerbe?

Watz: Vorne weg muss man sagen, dass die Wiener Mitgliedsbetriebe die Covid-19-Pandemie nur dank ihres enormen Einsatzes und ihrer hohen Flexibilität im gesamten Bauprozess vergleichsweise gut überstanden haben. Darauf bin ich wirklich stolz. Der Vorteil war, dass 2019 mit einem Umsatz von rund drei Milliarden Euro ein sehr gutes Jahr für das Wiener Baugewerbe war. Davon konnten die Unternehmen noch zehren, indem sie die bestehenden Aufträge 2020 sukzessive abgearbeitet haben. Aber natürlich gibt es aktuell auch Bereiche, wo es besser gehen könnte, zum Beispiel in puncto Ressourcen. Die Preissteigerungen und Materialengpässe sind derzeit das alles bestimmende Thema. Während der Lockdowns wurde sehr viel in die Eigenheime investiert, was natürlich positiv für uns ist. In den vergangenen Jahren wurden Baustoffe jedoch immer häufiger just in time produziert, und in Kombination mit der derzeitig weltweit hohen Nachfrage und anderen geopolitischen Gegebenheiten führt das zu einer herausfordernden Situation.

Wie gehen Unternehmen mit den Materialengpässen um? Hören Sie schon von Bauzeitverzögerungen?

Watz: Wir vernehmen derzeit schon einen leichten Anstieg an Verzögerungen – die Rede ist aber eher von Wochen und nicht von Monaten. Wie die Unternehmen damit zurechtkommen, hängt stark von der Art und der Größe des Projekts ab. Häufig müssen Bauabläufe angepasst und Gewerke vorgezogen werden, bei denen die notwendigen Baumaterialien vorhanden sind. Das ist natürlich auch wieder ein Aufwand.

Persönlich denke ich, dass die Preise werden über den Sommer noch weiter ansteigen. Ich bin aber positiv gestimmt, dass sich im dritten, vierten Quartal die Lage wieder stabilisiert.

Mario Watz

Wann erwarten Sie eine Entspannung der Situation?

Watz: Aktuell kann man hier nur schwer eine seriöse Prognose abgegeben. Persönlich denke ich aber, die Preise werden über den Sommer noch weiter ansteigen. Ich bin aber positiv gestimmt, dass sich im dritten, vierten Quartal die Lage wieder stabilisiert.

Ein zentrales Problem während Corona war die Verzögerung von Genehmigungen und Bauverfahren. In Wien gibt es seit 2019 die Möglichkeit zur digitalen Baueinreichung. Hatten die Wiener Unternehmen dadurch einen Vorteil?

Watz: Das Thema digitale Baueinreichung wurde bereits 2019 in die Novelle der Wiener Bauordnung aufgenommen und auch umgesetzt. Während des ersten Lockdowns sind die Bewilligungen auch bei uns leicht ins Stocken geraten, aber die Stadt Wien und allen voran die Baupolizei haben meiner Meinung nach sehr gut reagiert und sofort eine Digitalisierungsoffensive gestartet. Dadurch konnte der Rückstau schnell wieder abgearbeitet werden. Dass es die Möglichkeit der digitalen Baueinreichung gibt, ist sehr lobenswert. Fortschritte in diesem Bereich waren dringend notwendig, es gibt aber nach wie vor Optimierungspotenzial. Derzeit können für die Einreichung nur PDF-Unterlagen hochgeladen werden – CAD- oder Abrechnungsprogramme können aber schon lange weitaus mehr, ganz zu schweigen von Building Information Modeling. Hier haben wir noch einen weiten Weg vor uns. Insbesondere wird es notwendig sein, dass einheitliche Standards festgelegt werden.

Die Frage ist aber nicht nur, ob die Behörden digital gut aufgestellt sind, sondern auch, wie fit die Unternehmen selbst sind.

Watz: Das stimmt natürlich. Deshalb ist es auch so wichtig, dass in dem gesamten Prozess der Gesetzgebung – speziell bei der Bauordnung – die Interessenvertretungen eingebunden werden, um die Bedürfnisse der Mitgliedsbetriebe zu vertreten. Gerade bei BIM darf man nicht vergessen, dass das für jedes Programm und jede Schnittstelle eine Investition bedeutet – und nicht unbedingt eine kleine. Gerade deshalb sind einheitliche Standards notwendig.

Versuche, einheitliche BIM-Standards zu schaffen, gibt es ja von diversen Seiten. Wäre es nicht die Aufgabe der Politik, für eine Vereinheitlichung zu sorgen?

Watz: Für Wien bin ich guter Dinge, dass wir eine gute Lösung finden werden. Die Zusammenarbeit mit der Stadt Wien und der WK Wien funktioniert bestens.

Was wäre ein realistischer Zeithorizont für diese Lösung?

Watz: In der Bauordnungsnovelle von 2019 ist das Thema schon enthalten. Momentan arbeiten wir gemeinsam mit der Zukunftsagentur Bau daran, Punkt für Punkt aufzuschlüsseln, was aus Sicht der Unternehmer notwendig ist, was in absehbarer Zeit realisierbar ist und was generell möglich wäre. Wir sind aber gerade erst am Anfang, und es ist ein sehr weitläufiges Thema, bei dem es viele verschiedene Interessen gibt.

Es wird noch viel Arbeit sein, um die Mitgliedsbetriebe, die noch auf Papier arbeiten, bei BIM mit ins Boot zu holen. Wichtig ist mir dabei vor allem, dass wir die Chancen der Digitalisierung nutzen. Wer nicht jetzt auf den Zug aufsteigt, verpasst ihn

Mario Watz

Sie haben selbst ein Planungsbüro – nutzen Sie bereits BIM?

Watz: Ja, wir verwenden Open BIM. Das funktioniert grundsätzlich gut, aber derzeit haben wir wie alle noch mit Datenverlusten bei den Schnittstellen zu kämpfen. Außerdem hängt es immer davon ab, wie gut das Modell ist, in dem gearbeitet wird. Die Kosten sind gerade zu Beginn vergleichsweise hoch, und es dauert, bis sich die Investition amortisiert. Ich kenne die Herausforderungen der Unternehmen also auch aus eigener Erfahrung. Es wird noch viel Arbeit sein, um die Mitgliedsbetriebe, die noch auf Papier arbeiten, mit ins Boot zu holen. Wichtig ist mir dabei vor allem, dass wir die Chancen der Digitalisierung nutzen. Wer nicht jetzt auf den Zug aufsteigt, verpasst ihn.

Nachdem Digitalisierung auch ein Schwerpunkt Ihrer Innungsarbeit ist – wie können Sie die Mitgliedsbetriebe bei diesem Thema unterstützen?

"Wir haben schon vor einigen Jahren begonnen, Musterverträge, Merkblätter oder Richtlinien der Stadt Wien auf einer Website gesammelt zu Verfügung zu stellen. So wollen wir das umfangreiche Formularwesen digital und übersichtlich gestalten."

Mario Watz

Watz: Wir haben schon vor einigen Jahren begonnen, Musterverträge, Merkblätter oder Richtlinien der Stadt Wien auf einer Website gesammelt zu Verfügung zu stellen. So wollen wir das umfangreiche Formularwesen digital und übersichtlich gestalten. Zudem sind wir gerade dabei, das Wiener Innungsgebäude in der Wolfengasse in 3D aufzunehmen, damit sich unsere Mitglieder auch online ein Bild machen können.

In welchen Bereichen sehen Sie außerdem noch großen Handlungsbedarf?

Watz: Meine ersten sechs Monate waren bislang stark von Auswirkungen der Pandemie geprägt. Erschwerend kam hinzu, dass sich der Landesinnungsausschuss nach der Wahl im vergangenen Jahr praktisch neu konstituiert hat und Corona-bedingt erst ein Mal persönlich zusammentreffen konnte. Was mir aber besonders am Herzen liegt, ist der Nachwuchs. Trotz zahlreicher Maßnahmen sinken die Lehrlingszahlen in Wien leider seit Jahren. Deshalb ist es Zeit, dieses Thema von Grund auf neu zu denken. Ein erster Schritt ist die direkte Ansiedlung der Thematik in der Bauakademie. Dort beschäftigt man sich rund um die Uhr mit der Ausbildung – wer wäre also besser geeignet, den Kontakt zu Jugendlichen und Schulen zu pflegen? In einem Arbeitskreis mit Lehrlingsbeauftragten aus Bauunternehmen werden wir das weitere Vorgehen erarbeiten. Auch hier stehen wir noch am Anfang, aber wir müssen etwas Neues versuchen, denn wenn die Zahlen weiter nach unten gehen, verschärft sich künftig der bestehende Fachkräftemangel zusätzlich.

Fehlt es nur an interessierten Jugendlichen oder auch an ausbildungswilligen Unternehmen?

Watz: Wahrscheinlich beides. Die Unternehmen müssen schließlich für die Ausbildung auch Ressourcen zur Verfügung stellen. Hier werden über die Lehrlingsprämie Anreize geschaffen, es bedarf aber weiterer Anstrengungen. Aber auch die Jugendlichen müssen angesprochen werden – das Handwerk hat schließlich nach wie vor einen goldenen Boden.

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