Metallbearbeitung

„Einfache“ Drehmaschine ganz groß

Mit ihren aktuellen Stärken empfehlen sich die klassischen Leit- und Zugspindeldrehmaschinen neben der Ausbildung auch für den betrieblichen Einsatz in der Metalltechnik.

11.05.2021
Maschinen
Gernot Wagner
© Elmag
Universal-Drehmaschine in robuster Bauweise verhindert Vibrationen bei großen Schnitttiefen.

Man möchte meinen, dass sie aus der heutigen, fast nur noch CNC-gesteuerten Fertigungswelt längst verschwunden sein müssten. Dennoch sind sie in der Metalltechnik weiterhin sehr präsent und mit vielfältigen Modellen am Markt als Neumaschinen erhältlich: Die konventionellen Drehmaschinen, auch Leit- und Zugspindeldrehmaschinen genannt, haben in den letzten Jahren bei ihren technischen Qualitäten durchaus bemerkenswert zugelegt.

Keine Alternative in der Ausbildung

Nach wie vor, so die gängige Meinung von Ausbildenden, eignen sich die manuell bedienbaren Leit- und Zugspindeldrehmaschinen am besten dafür, um den Lehrlingen in der Metalltechnik die Grundlagen der Zerspanung näherzubringen und ihnen ein Gefühl für die Arbeit an einer Drehmaschine zu geben. Erst danach qualifizieren sich angehende Zerspanungstechniker*innen für die weite Welt der CNC-Maschinen.

Neben der professionellen Ausbildung empfehlen sich die Leit- und Zugspindelmaschinen genauso für Metall- und Stahlbaubetriebe, die eine leistungsstarke, gleichzeitig kostengünstige Drehmaschine in Werkzeugmachergenauigkeit brauchen. Damit lassen sich recht flott einfache Einzelteile drehen, kleine Serien und Reparaturarbeiten erledigen, teilweise auch Gewinde (metrisch und Zoll) schneiden.

Marktüberblick

METALL hat sich auf die Suche gemacht und ausführlich recherchiert. Im Folgenden geben wir einen Überblick über die renommierten Hersteller und deren aktuelle Angebote bei den konventionellen Drehmaschinen mit Leit- und Zugspindeln.

Fundierte Auswahl

Colchester, in Österreich vertreten durch Planche, ist weltweit einer der ältesten Hersteller von Drehmaschinen. Das englische Unternehmen hat acht verschiedene Baureihen an konventionellen Drehmaschinen im Programm. Das kleinste Modell ist die „Colchester Student“ mit einer verfügbaren Spitzenweite von 635 mm, Drehdurchmesser 330 mm und einer maximalen Drehzahl von 2.500 U/min. Das größte Modell „Magnum“ bietet beachtliche 4.000 mm Spitzenweite und einen Umlaufdurchmesser über Bett von 810 mm. Damit lassen sich auch sehr große Bauteile fertigen. Eine 3-Achsen-Digitalanzeige und variable Drehzahlregelung ermöglichen präzise Drehvorgänge. Bereits die Student-Baureihe ist mit 800 Kilogramm recht massiv ausgelegt. Die Magnum bringt über drei Tonnen auf die Waage. Das macht in jedem Fall ein Fundament für die Maschine notwendig. Die weiteren Colchester-Drehmaschinen hören auf Modellnamen wie Master, Triumph, Mascot oder Mastiff.

Praxisnahe Ausbildung

In den letzten Jahren hat Elmag sein Drehmaschinen-Programm weiter ausgebaut und punktet mit guten Leistungsdaten und einer umfangreichen Serienausstattung. Die konventionellen Drehmaschinen bieten eine Spitzenweite von 300 bis 3.000 mm sowie Drehdurchmesser von 180 bis 800 mm. Das Programm reicht von der ergonomisch optimierten Klein-Drehmaschine bis zu ex­tra schweren Spitzen-Drehmaschinen für die mittlere Serienproduktion. Viele Drehmaschinen sind mit einer hochwertigen digitalen Positionsanzeige ausgestattet. Elmag liefert die Drehmaschinen betriebsbereit, einjustiert und inklusive durchgeführtem Probelauf auf allen Schalt- und Leistungsstufen. Bei den Zug- und Leitspindelmaschinen bietet das Unternehmen mehrere Baureihen an, somit dürfte man für fast jeden Anwendungsfall fündig werden. Je nach Baureihe und Modell sind die manuell bedienbaren Drehmaschinen für kleine bis zu richtig schweren Aufgaben prädestiniert. Und über die günstigen Preise werden sich besonders die Lehrwerkstätten freuen. Dennoch liegen die technischen Daten auf dem Niveau von modernen Universaldrehmaschinen: gute Drehzahlauswahl, hochwertige Digitalanzeigen, kräftige Zugspindeln für hohe Schnittleistung und Feinbearbeitung, präzise Leitspindeln für die Gewindebearbeitung. So sind etwa die Modelle der Serie „Industrie“ robust gebaute, hoch belastbare Leit- und Zugspindeldrehmaschinen mit einem massiven Graugusssockel und steifen Maschinenbett. Damit gibt es auch bei schweren Zerspanungsaufgaben im Maschinen-, Stahl- und Behälterbau mit großen Schnitttiefen keine Vibrationen.

In der vor zwei Jahren neu eröffneten Meisterschmiede der Metalltechnik-Innung Wien, die damit auch ein kräftiges Zeichen gegen den akuten Fachkräftemangel setzen will, sind drei konventionelle Drehmaschinen von Elmag im Einsatz. „Genau diese Art von Werkzeugmaschinen ist ideal für die praxisnahe Ausbildung in der Metalltechnik. Es sind leistbare Maschinen mit hoher Fertigungsqualität, die man schnell und sicher bedienen kann. Das entspricht genau den Anwendungen bei den größtenteils kleinen Wiener Handwerks- und Gewerbebetrieben“, erklärte der Wiener Innungsmeister Georg Senft anlässlich der Inbetriebnahme 2019.

Praxisnahe Metalltechnik-Ausbildung an der Drehmaschine in der Meisterschmiede Wien.

© WKW/E.Graf

Volles Programm

Ebenfalls in der Ausbildung stark, hat Emco mit den konventionellen Werkzeugmaschinen eine lange Tradition. Doch die Salzburger Maschinenbauer haben sich über die Jahre auch mit ihrem beachtlichen Programm bei CNC-Dreh-Fräsmaschinen und High-Speed-Bearbeitungszentren in den metallbearbeitenden Betrieben etabliert. Mehrere Baureihen decken praktisch das volle Programm in der Dreh- und Fräszerspanung ab. Die konventionellen Drehmaschinen nennen sich Emcomat 14D, 17D und 20D mit Spitzenhöhen von 140 bis 200 mm sowie Spitzenweiten von 650 bis 1.000 mm. Kräftige Motoren treiben die maximale Drehzahl bis auf 4.000 U/min. Der Emcomat-Baureihe hat man auch zeitgemäße Digitalanzeigen spendiert. Das alles dürfte dem deutschen Autobauer BMW so gut gefallen haben, dass in der dortigen modern ausgestatteten Ausbildungswerkstätte gleich 20 Emcomat 14D zum Erlernen der mechanischen Zerspanung stehen. Für die „Azubis“ sind die „kleinen“ Drehmaschinen ideal, um sich zum Profi in der spanenden Fertigung zu entwickeln. Zwar wurde die Emcomat-Baureihe speziell für die Ausbildung entwickelt, doch die hohe Präzision und die technischen Fakten empfehlen diese manuell bedienbaren Drehmaschinen auch einem Gewerbebetrieb für Einzelteile, Kleinserien und Reparaturarbeiten: Die Führungsbahnen sind gehärtet und geschliffen, das induktionsgehärtete Maschinenbett bietet eine hohe Steifigkeit und gute Dämpfungseigenschaften. Ein TFT-Bildschirm vermittelt zusätzlich den zeitgemäßen Industriestandard.

Ein gehärtetes Maschinenbett erlaubt hohe Arbeitsgeschwindigkeiten und Teile in Werkzeugmachergenauigkeit.

© Emco

CNC-ähnliche Oberfläche

Die beiden deutschen Hersteller GDW und Seiger werden in Österreich von Lackner & Urnitsch vertreten. Die bayerische GDW setzt bei ihren Leit- und Zugspindel-Drehmaschinen auf hochwertige Maschinenelemente. Das sorgt für Präzision und Laufruhe. Neben den technischen Daten ein wesentlicher Grund für den Autobauer Opel, sich elf dieser konventionellen Drehmaschinen für die Ausbildung der jährlich 120 Lehrlinge in das Ausbildungszentrum in Rüsselsheim zu stellen. Wenn dort im Grundlehrgang die Fertigkeiten im Drehen erlernt werden, muss sich jeder Jugendliche mit einer Drehmaschine schnell und gut zurechtfinden. Die Maschinen sind zwar vor allem für die Ausbildung gedacht, doch wegen der komfortablen CNC-ähnlichen Benutzerführung fertigen fallweise auch andere Abteilungen im Betrieb ihre Aufträge damit. Etwa Kleinserien von 100 bis 500 Stück.

Bei Seiger in Lippstadt, eine knappe Autostunde südwestlich von Bielefeld (Zentrale von DMG Mori) entfernt, stößt man neben Plan-, Zyklen- und 4-Bahnenbett-Drehmaschinen auf die konventionellen Drehmaschinen SLZ 420K und SLZ 420 SK. Die lassen sich manuell bedienen mit einem Hauch digitaler Unterstützung, um die Maßhaltigkeit der Werkstücke weiter zu erhöhen. Alle wichtigen Baugruppen fertigt Seiger selbst, die Zukaufteile bezieht man überwiegend regional von namhaften Herstellern.

Digitale Positionsanzeigen an den manuell bedienten Werkzeugmaschinen erhöhen die Maßhaltigkeit der Werkstücke.

© Seiger

Günstiger Einstieg

Optimum, in Österreich vertreten durch Aircraft, fertigt seit 20 Jahren seine Werkzeugmaschinen in Deutschland, Österreich und seit Kurzem auch in China. Eine komplett ausgestattete Leit- und Zugspindel-Drehmaschine mit digitaler Positionsanzeige und stufenloser Drehzahlregelung erhält man hier bereits um wenige Tausend Euro. Und man kann je nach individuellem Budget und Anforderung aus vielen Modellen der „OPTIturn“-Baureihe auswählen, darunter befinden sich auch typische „Mechanikerdrehmaschinen“.

Einfach und flexibel

Retro, in Österreich vertreten durch Linda Maschinen, ist ein Schweizer Hersteller von Drehmaschinen zur wirtschaftlichen Bearbeitung von Einzelteilen und Kleinserien. Die Baureihe „Retro-Turn RLX“ kombiniert einfache Bedienung mit manueller Flexibilität. Mit Handbetrieb gleicht die Bedienung nahezu einer konventionellen Drehmaschine mit Digitalanzeige, ist aber mit zusätzlichen hilfreichen Funktionen ausgestattet, wie elektronische Anschläge, Einmalzyklen für Radien oder das „auf Maß drehen“.

© Retro

High-Speed-Bearbeitung mit hoher Präzision auch bei sehr großen Werkstücken und langen Fahrwegen.

Brasilianische Variante

Der brasilianische Hersteller Romi, in Österreich vertreten durch Metzler, fertigt mit den Baureihen ES40 und T stabile, vielseitig einsetzbare konventionelle Drehmaschinen, die ein ordentliches Drehmoment und Leistung bieten. Mit vielen Optionen lassen sich die Maschinen individuell aufrüsten. Wer etwa Gewinde schneiden will, hat zwei Konfigurationen zur Auswahl: die eine für metrische Gewinde und Zollgewinde, eine andere für Modulgewinde und Diametral Pitch (Inchmaß). Romi investiert jährlich rund sechs Prozent des Umsatzes in Forschung und Entwicklung. In den 13 Fabriken entstehen pro Jahr rund 2.900 Maschinen. Bislang wurden mehr als 150.000 Maschinen ausgeliefert. Im Heimmarkt Südamerika sieht man sich als Marktführer bei Werkzeugmaschinen. Neben den konventionellen Universal-Drehmaschinen werden auch Zyklen-Drehmaschinen, CNC-Drehzentren, CNC-Bearbeitungszentren und CNC-Bohrwerke hergestellt. Von den 2.600 Mitarbeitern sorgen über 200 Ingenieure und Techniker für die Qualität, die heute am Weltmarkt bei Werkzeugmaschinen verlangt wird. So werden zum Beispiel die sensiblen Spindeln in völlig staubfreien Labors montiert und danach noch ausführlich getestet. Aus der eigenen Fertigung stammen die schweren Gussbetten, bei den anderen Komponenten für die Werkzeugmaschinen vertraut man auf renommierte Lieferanten.

Deutscher Klassiker

Vielen Metalltechnikern noch aus ihrer Ausbildungszeit bestens bekannt ist der bayerische Maschinenbauer Weiler, in Österreich vertreten durch Schachermayer. Rund 550 Mitarbeiter produzieren Präzisionsdrehmaschinen, die zur Fertigung von Einzelteilen und Kleinserien eingesetzt werden. Über 160.000 Maschinen wurden bislang verkauft, darunter konventionelle, zyklengesteuerte sowie CNC-Drehmaschinen. Die Produktion sowie Forschung und Entwicklung erfolgen ausschließlich in Deutschland. Mit den bislang über 160.000 verkauften Einheiten sieht sich Weiler als Marktführer im deutschsprachigen Raum für konventionelle und zyklengesteuerte Präzisionsdrehmaschinen.

Bei den Leit- und Zugspindeldrehmaschinen stehen mehrere Baureihen zur Auswahl: Die „Primus“ als kleinste konventionelle Drehmaschine bewährt sich vor allem in der Ausbildung. Eine Spitzenweite von 500 mm erlaubt die Bearbeitung mittelgroßer Werkstücke. Bekannter aus der Lehrzeit dürfte wahrscheinlich die „Praktikant“ sein, aktuell geeignet für die Einzelteil-Fertigung mit bis zu 650 mm Spitzenweite. Reicht die Praktikant nicht aus, kommt die „Condor“ ins Spiel, mit Spitzenweiten bis zu 800 mm und einer modernen Anzeige- und Regelelektronik.

Für Spitzenweiten bis 1.000 mm und ­hohe Vorschub- und Drehgeschwindigkeiten empfiehlt sich die „Commodor“-Baureihe. Und die DA-Baureihe komplettiert die konventionellen Drehmaschinen mit einer Spitzenweite bis zu 2.000 mm. Zwölf Drehmaschinen vom Typ Praktikant stehen, aufgerüstet mit digitalen Positionsanzeigen, in der Landesberufsschule Salzburg 1 den jährlich rund 1.000 Lehrlingen zur Verfügung, die sich damit zu Fachkräften in der Kraftfahrzeugtechnik qualifizieren können. Gerade der Ausbildungsbetrieb fordert die Maschinen stark: Robust, präzise und dabei natürlich noch preisgünstig müssen sie sein, meistens mit wenig Platz auskommen und die Bedienung soll für die jungen zukünftigen Fachkräfte leicht verständlich sein.

Konventionelle Präzisions-Drehmaschinen bewähren sich besonders in der Aus- und Weiterbildung.

© Weiler

Vieles ist möglich

Der bulgarische Maschinenbauer ZMM schließlich, in Österreich vertreten durch Hesse, fertigt eine breite Palette an konventionellen Drehmaschinen. Die ZMM CU 325 mit einer Spitzenweite bis zu 750 mm ist bereits für wohlfeile 16.000 Euro erhältlich. Die ZMM CU 1250 RD mit einer maximalen Spitzenweite bis zu beachtlichen 6.000 mm kostet bereits rund 122.000 Euro inklusive einer sehr hochwertigen 3-Achsen-Digitalanzeige. 

© Hesse/ZMM

Die konventionelle Drehmaschine CU800-RD von ZMM zeichnet sich durch Spitzenweite bis zu 4.000 mm, ein variables 4-Stufen-Getriebe sowie eine 3-Achsen Digitalanzeige für konstante Schnittgeschwindigkeit aus.

[Quelle: METALL 5/2021]

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