Brennpunkt

Durchblick im Normendschungel

Bauwirtschaft
13.01.2022

Von: Christina Mothwurf
Wichtiges Werkzeug oder lästiges Übel? Viele Tischler*innen sind mit der Vielzahl an Normen und Verordnungen überfordert. Das Tischler Journal wirft einen konstruktiv-kritischen Blick auf das notwendige Regelwerk.
Normen

Beschläge setzen, Türen montieren, gemeinsam mit anderen Gewerken Projekte umsetzen: Normen sind im Tischlereialltag weit mehr als nur ein bürokratisch-unüberschaubares Regelwerk, das es zu beachten gilt. Den schlechten Ruf, der den meist kompliziert formulierten technischen Vorgaben vorauseilt, haben die Regelwerke allerdings nicht verdient. Schließlich können sie mitunter auch eine gute Orientierungshilfe für Handwerker*innen darstellen und bieten wesentliche Anhaltspunkte – gerade wenn es um Haftungsübernahmen oder die Zusammenarbeit mit anderen Gewerken geht. Sie erleichtern damit den Betriebsalltag durchaus – vorausgesetzt, man weiß über die gängigsten Normen Bescheid. 

Wichtige Absicherung

Helmut Mitsch
Helmut Mitsch

Aber warum braucht es eigentlich Normen? Zuerst ist der Blick auf die Produktnorm sinnvoll – schließlich musste irgendwann auch festgelegt werden, was es braucht, damit eine Schraube auch in das dazugehörige Gewinde passt und unterschiedliche Personen im Bereich Handwerk am selben Wissensstand sind. Darüber hinaus wird die Erstellung von Normen auch über den Konsumentenschutz beeinflusst. Soll heißen: Damit am Ende für den Kund*innen alles passt, müssen sich die Vertragspartner*innen einig sein. "Im Fall des Tischlers hat in der Zusammenarbeit mit anderen Gewerken oder den Kunden früher die Handschlagqualität gereicht", so Helmut Mitsch, Landesinnungsmeister der Tischler in Niederösterreich. Und genau hier liegt die große Crux: Um im Haftungsfall und in der Diskussion mit einem Sachverständigen stichhaltige Argumente parat zu haben, braucht es mittlerweile einfach Normen. "Ansonsten müssten die Betriebe in ihren Vertragsbedingungen mit ihren Partnern alles Mögliche regeln, das sich in einem Vertragsdokument fast nicht stemmen lässt", so Mitsch weiter. Ein gutes Beispiel ist der Bereich Fertigung und Einbau von Fenstern: Hier werden Oberflächenbeschaffenheit, Sicherheitsmaßnahmen und Einbauparameter ganz genau festgehalten – im Streitfall eine enorme Erleichterung. "Bei großen Projekten wird von den Generalunternehmern darüber hinaus ohnehin meistens ein Sachverständiger eingesetzt, der ganz automatisch überprüft, ob die Normen eingehalten wurden. Und wenn der sagt: 'Das ist innerhalb der Norm', dann erspare ich mir als Handwerksbetrieb auch im Nachhinein oft mühsame Diskussionen", so Mitsch. Im Unterschied zu Kund*innen, die natürlich subjektiv bewerten, nehmen Sachverständige die nötige objektive Beurteilung vor.

Wenn Fragen zu Normen auftauchen, sollen und können sich die Betriebe an die Interessenvertretung wenden. Dafür sind wir schließlich da.

Helmut Mitsch

Gewachsenes Wissen

Andreas Stranig, Geschäftsführer Tischlerei Stranig
Tischlermeister Andreas Stranig

Nicht nur im privaten, sondern vor allem im gewerblichen Bereich können Normen eine Art Sicherheitsnetz für die Handwerker*innen darstellen. So zum Beispiel bei der Tischlerei Stranig in Radstadt. Der Salzburger Familienbetrieb fertigt als Möbeltischler unter anderem Kleinserien und Einzelanfertigungen nach Maß für Objekte im öffentlichen Bereich – zum Beispiel für Schülerwohnheime, Internate, Kindergärten, Schulen, Unis oder Seniorenwohnheime. "Gerade im Bereich Stock- und Etagenbetten, wo wir hochqualitative und TÜV-geprüfte Produkte bieten, sind Normen für unsere gewerblichen Kunden sehr beruhigend", erklärt Geschäftsführer Andreas Stranig. Auch für den Betrieb ist die Norm wesentlich – zum Beispiel, wenn ein Unfall passiert. "Wenn der Sachverständige bei der Prüfung der Umstände dann feststellen kann, dass alle Normen eingehalten wurden, erspart sich der Betrieb viele Scherereien." Gewisse Normen einzuhalten ist damit wesentlich für das Handwerk, gleichzeitig sieht Stranig allerdings auch einen großen Unterschied zwischen Möbel- und Bautischler*innen. "Als Möbeltischler lernt man ein paar ganz wesentliche Normen während der Ausbildung, die man immer wieder braucht. Im Bereich der Bautischlerei gibt es meines Erachtens nach deutlich mehr Normen, deren Beachtung schnell zur Herausforderung werden kann." Als Möbeltischler*in hat man in Sachen Normen also eine entspanntere Haltung? Jein. "Solange alles passt und der Kunde zufrieden ist, kann ein Regelwerk schon als lästig angesehen werden. Erst wenn ein Problem auftaucht und ein Sachverständiger hinzugezogen werden muss, wird es kritisch. Allerdings kommen jedes Jahr zahlreiche Normen dazu, da verliert man schon mal schnell den Überblick." Ob sich Stranig als Möbeltischler ein Mehr an Information wünscht? "Die Betriebe werden ja nicht automatisch über jede neue Norm informiert – und ehrlicherweise muss man sagen, dass das auch kontraproduktiv sein kann, wenn bei jeder Änderung eine Flut an Informationen daherkommt." 

Wenn der Sachverständige bei der Prüfung der Umstände feststellen kann, dass alle Normen eingehalten wurden, erspart sich der Betrieb viele Scherereien.

Andreas Stranig

Gewerke im Austausch

Worauf der Salzburger Tischlermeister in jedem Fall setzt, ist ein engmaschiger Austausch mit anderen Gewerken auf einer Baustelle – und hier formuliert er ganz klar den Wunsch der Informationsgleichstellung. Soll heißen: Auch Architekt*innen sollten über gängige und geltende Normen Bescheid wissen. "Den größten Fehler, den man machen kann, ist, Pläne ohne Hausverstand und Überprüfung umzusetzen", erzählt Stranig. "Wenn man im Gespräch mit Kunden, Planern und Gewerken bleibt, lassen sich viele Fehlerquellen im Voraus ausmerzen. Und nicht alles, was gut aussieht, lässt sich laut Norm handwerklich auch umsetzen und macht Sinn." Das Unternehmen selbst hat durch sein Engagement im Bereich öffentlicher Bauten schon viel Erfahrung mit Normen – und genau hier ist es natürlich besonders wichtig. Allerdings beruhigt Stranig auch: "Man kann auch als Handwerksbetrieb nicht immer alles wissen. Wichtig ist, dass man weiß, wo man nachschauen kann und die Informationen bekommt, die man braucht."

Erleichterter Zugang

Fest steht also: Normen sind auch im Tischlereialltag nicht wegzudenken. Allerdings sind laut Stranig nicht nur der Zugang, sondern auch die sprachliche Umsetzung eine Hürde für die Betriebe: "Normen sollten eigentlich so verfasst werden, dass man sie auch versteht, wenn man sie liest", kritisiert er. "Bei einem großen Bereich, der für Handwerksbetriebe sehr unübersichtlich gestaltet ist, bräuchte es auf zahlreichen Ebenen eine Erleichterung." Verbesserungspotenzial sieht er nicht nur bei der Formulierung, sondern auch beim Zugang: "Wenn ich etwas in einer Norm nachlesen muss, stehen die Infos nicht kostenfrei zur Verfügung – bei mehreren Normen, die für einen Betrieb geltend werden können, ist das kein unwesentlicher Posten." Auch Mitsch plädiert für die Umsetzung einer einfachen Sprache im Normungsbereich. Dieser lasse sich allerdings nicht so leicht umsetzen, schließlich sind bei der Entwicklung der Normen viele Köpfe am Werk, darunter auch die Interessenvertretung, die hier immer wieder versucht, schlankere und klar verständliche Lösungen zu schaffen. Gar nicht so einfach – und wie sich im Gespräch herausstellt, auch ein recht zeitintensives Unterfangen: "Innerhalb der Innung haben wir auch mehrere Arbeitsgruppen, die sich mit dem Thema auseinandersetzen." 

Neben brandschutz- und sicherheitstechnischen Normen braucht es im Türenbereich auch Einbaunormen, die die Vorarbeit von anderen Gewerken regeln.

Helmut Mitsch

Türen und Möbel

Für die Zukunft wird hier übrigens schon seit geraumer Zeit an zwei wichtigen Neue­rungen gearbeitet, die für die Betriebe wichtig sein werden – die Türeneinbaunorm sowie die Werkvertragsnorm für Möbeltischler*innen. "Neben brandschutz- und sicherheitstechnischen Normen braucht es im Türenbereich auch Einbaunormen, die die Vorarbeit von anderen Gewerken regeln – zum Beispiel, ob der Stromanschluss passt oder nach welchen Maßstäben das Putz- und Mauerwerk vorbereitet sein muss", so Mitsch. Derzeit sei hier eine veritable Lücke, die es zugunsten der Betriebe zu schließen gilt. Auch im Rahmen der Werkvertragsnorm werden Parameter erarbeitet, die im Streitfall enorme Erleichterung bieten: "Wenn ich als Tischler beispielsweise eine Küche montieren will und nicht weiß, wie die Leitungen verlaufen, brauche ich einen Plan – wenn der nicht zur Verfügung gestellt werden kann, muss über die Norm geregelt werden, dass der Betrieb nicht die Kosten für die Bereitstellung zahlen muss", erklärt Mitsch. "Oder wenn ich keinen Strom für die Montage zur Verfügung habe, muss der Bauherr auf seine Kosten eine Stromversorgung zur Verfügung stellen." All diese Dinge seien derzeit nicht klar geregelt und sollen in Zukunft die Basis dafür sein, dass sich der Handwerksbetrieb gar keine Gedanken mehr darüber machen muss, wer im Streitfall belangt werden kann. 

Ein Plädoyer für die Norm

Mitsch, der selbst in zahlreichen Normungsausschüssen sitzt, plädiert also ganz klar für eine Implementierung des Regelwerks im Betriebsalltag – zugunsten der Handwerker*innen: "Mir ist bewusst, dass die Normen zum Teil enorm unübersichtlich und schwer zu lesen sind. Deshalb sehen wir es im Rahmen unserer Tätigkeit als Interessenvertreter zum einen als unsere Aufgabe, bei der Entwicklung der Normen mitzuarbeiten, und zum zweiten, die Betriebe dabei zu unterstützen, diese auch umzusetzen." Auf der Website der WKO sind deshalb alle Normen, die für die Tischlereibetriebe relevant sind, aufgelistet (siehe Kasten). Und als engagierter Landesinnungsmeister ist für Mitsch auch klar: "Es ist unsere Aufgabe, die Betriebe zu unterstützen. Wenn Fragen zu den Normen und einer sinnvollen Umsetzung auftauchen, sollen und können sich die Betriebe an uns wenden. Dafür sind wir schließlich da." (yr)

INFO

Normen für Tischler*innen

Je nach Einsatzbereich gibt es unterschiedliche Normen, die für die Tischlereibetriebe geltend sind - auf der Website der WKO für Tischler und Holzgestalter ist deshalb eine Übersicht abrufbar, die den aktuellen Stand widerspiegelt und über neue Entwicklungen informiert:

Normen Tischler und Holzgestalter

Branchen
Tischlerei