Wettbewerb für Absolvent*innen: Superscape 2020

Innovationspreis
16.11.2020

Von: Redaktion Architektur & Bau Forum

Siegerin des diesjährigen Innovationspreises ist Eva Herunter, mit ihrem Projekt „Die anderen Räume“.

Zunehmend lösen sich die Grenzen zwischen öffentlichem und privatem Raum, zwischen Wohnen und Arbeiten, zwischen digital und analog auf. Für eine zukunftsfähige, nachhaltige und lebenswerte Stadtentwicklung eröffnet die Idee der „Mischnutzung“ vielfältige Potenziale. Die urbane Produktion und ihre steigende Bedeutung als wichtiger Bestandteil der durchmischten Stadt spielt dabei eine wichtige Rolle. Aufgabe war es, im Kontext von Bevölkerungswachstum, steigender Urbanisierung sowie gesellschaftlicher Wandlungsprozesse, innovative Potenziale und Problemlösungen der Architektur und Stadtplanung auszuloten ebenso wie visionäre Zukunftsblicke und gestalterische Experimente zu wagen, die auf Herausforderungen des städtischen Raums im Jahr 2050 eingehen.

Die Juroren Angelika Fitz, Claudia Nutz und Andreas Rumpfhuber haben sechs Konzepte für die Shortlist nominiert, die bis Ende August weiter ausgearbeitet werden sollten. Hieraus wurde das Siegerinnenprojekt „Die anderen Räume“ ausgewählt. Ende September wurde der mit 10.000 Euro dotierte Preis von den Auslobern, JP Immobilien und WBV-GPA, offiziell übergeben.

Lebendige Stadtbrachen

Das Siegerprojekt „Die anderen Räume“ von Eva herunter greift die Diskussion um Produktion, Pflege, Umwandlung und Zerfall in Stadt-Landschaften auf. Dort wo sich menschliche Eingriffe mit der Eigendynamik nicht-menschlicher Stoffwechselvorgänge überschneiden, findet sich die Substanz für die Stadt der Zukunft. Dabei wird die Frage nach der Nutzung von Stadtbrachen der postindustriellen Stadt gestellt und dazu aufgerufen, diese Räume als große zusammenhängende Flächen für die Stadt zu sichern und die bisher konsumwirtschaftlich genutzten Flächen vorerst sich selbst zu überlassen.
Die ‚Stadtbrache‘ wird zum urbanen Element der Zukunft ernannt. Denn in solch wilden Zwischenräumen stecken nicht nur große Mengen an Energie zu ökologischer Reproduktion, sondern auch soziale Potenziale als letzte Frei-Räume einer immer dichter und schneller werdenden reglementierten Stadt. Gerade die Abwesenheit einer klar definierten Funktion macht die Brache so produktiv, offen zur Aneignung und frei für unvorhersehbare und unplanbare Nutzungen. Eine Strategie der Nicht-Planung, Nicht-Programmierung und Nicht-Organisierung soll also an diesen Orten walten. Denn sie macht Raum für verdrängte und oft vergessene Teilnehmende im Ökosystem Stadt: Tiere, Bakterien und Pflanzen. Werden die gezielt rückgebauten Flächen ihrer Eigendynamik überlassen, entsteht eine neue aktive Stadt-Landschaft. Sie könnte den Wiener Grüngürtel schließen und ihn um neuartige, lebendige und vielfältige Grünräume erweitern.

Eva Herunter (*1991) hat an der Akademie der bildenden Künste in Wien und EPFL Lausanne Architekturstudium. Und verfügt über Arbeitserfahrung in Graz, Wien, Berlin und Hong Kong. Sie lebt und arbeitet derzeit in Wien.

Das Jurystatement zum Siegerprojekt

Das Projekt „Die anderen Räume“ von Eva Herunter besticht durch seine Einfachheit und Poetik, die sich auf provokant „unproduktive“ Weise dem diesjährigen Thema von Superscape 2020 der Mixed-Used City nähert. Mit dem Aufgreifen des Aspekts der „dritten Landschaft“ – im Falle Wiens der sog. „Gstettn“ – sowie ihrer Lokalisierung anhand von Beispielen (u.a. in Siebenhirten/ Inzersdorf, Erdberg/Lobau, Floridsdorf) gelingt es, Substantielles für die Stadt von morgen anzusprechen. Bis 2050 soll, der Vision des Projekts folgend, ein großer zusammenhängender Grünraum, eine wilde Stadtnatur auf ehemaligen Industrie-, Infrastruktur- und Gewerbeflächen, entstehen. Die poetische Dimension des Konzepts sowie der Ansatz „produktive Räume“ auch anders zu denken, wurde von der Jury positiv bewertet.
Die Sicherung von „Stadtbrachen“ der postindustriellen Stadt hat hohe gesellschaftliche Relevanz und ist ein wichtiger Beitrag für die Koexistenz von Menschen, Tieren und Pflanzen in der Stadt der der Zukunft. Die Beschreibung von Räumen, die in der Wahrnehmung unserer leistungs- und serviceorientierten Gesellschaft in Vergessenheit geraten sind, ist wertvoll und eröffnet im Rahmen des Themas „Wohnen. Arbeiten und urbane Produktion“ Möglichkeiten, Konsum und Produktion neu zu denken. Die Konzeptidee wurde als Aufruf verstanden, „andere Räume“ für eine zukünftige, nachhaltige Entwicklung verfügbar zu halten. Mit ihrem poetischen Plädoyer für ein neues Verhältnis von Stadt und Natur, von Produktion und Reproduktion, von Wachstum und Nachhaltigkeit vermittelt die Preisträgerin ein „positives Ansteckungspotenzial“. Weitsicht und Konsequenz auf formaler und systemischer Hinsicht zeichnen das Superscape 2020 - Gewinnerprojekt aus.

Wien-Founders Lab-Preisträger

Aus den 25 aus Wien eingegangenen Einreichungen wählte die Jury gemeinsam mit der Wirtschaftsagentur Wien das Projekt „Stadtbauernhof“ von Vanessa Braun & Daniel Löschenbrand als Sieger aus. Diesen wird nun die Teilnahme am begehrten zweimonatigen Lern- und Workshopformat „Founders Lab“ für Herbst 2020 ermöglicht wird.

Die Idee des Stadtbauernhofes folgt dem Prinzip eines materiell geschlossenen Kreislaufs, in dem gearbeitet, produziert und gewohnt wird. Den Archetyp der Mixed-Use-City sehen die Braun und Löschenbrand in einem Bauernhof, der durch kurze, wirtschaftliche Kreisläufe die Resilienz von Nachbarschaften stärken soll. Die Strategie definiert sich durch das Aufgreifen aktueller Themen wie partizipative Stadtökologie, das Intensivieren lokaler Netzwerke, die Aktivierung diverser städtischer Komponenten, produzierendes Grün sowie urbane Lebensmittelproduktion.

Im Founders Lab – Creative Industries, einem neuen berufsbegleitenden Lern- und Workshopformat, werden die Teilnehmern zwei Monate lang professionell begleitet, individuell von hochkarätigen Experten und Trainer aus der Kreativwirtschaft gecoacht und im Netzwerk der Wiener Kreativwirtschaft verankert.

Zum Preis

Der Ausschreibungsprozess des Superscape verläuft zweistufig. In der ersten Phase wurden Absolventen eines Studiengangs der Architektur, Landschaftsarchitektur, Raumplanung oder Design einer Universität, Fachhochschule oder Akademie aufgefordert, bis 16. März 2020 in einfacher Form ihre Ansätze und Ideen zum Thema skizzenhaft einzureichen. Die Fachjury wählte dann aus den eingereichten Konzepten eine Shortlist. Deren Teilnehmer wurden eingeladen, ihre Ansätze in der zweiten Wettbewerbsphase bis 31. August 2020 vertiefend auszuarbeiten. Im Zuge eines zweiten Jurymeetings Anfang September wurde daraus das Gewinnerprojekt gekürt.

www.superscape.at

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