Höhere berufliche Bildung

Neue Pläne für Weiterbildung nach der Lehre

Weiterbildung
01.03.2022

Nach der Lehre gibt es derzeit nur eingeschränkte Möglichkeiten für zusätzliche Befähigungen. Die Regierung plant daher, analog zur akademischen Bildungskarriere, einen neuen Weg der Weiterbildung, auch um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken. Eine Stakeholder-Runde soll die Eckpunkte festlegen.
Regierung plant höhere berufliche Bildung für Lehrabsolvent*innen

Im Ministerrat am 23. Februar 2022 hat die Regierung ihre Pläne für eine höhere berufliche Bildung verkündet. Dabei geht es nicht um die Lehre an sich. Österreichs Berufsausbildung, mit Lehre und den berufsbildenden mittleren und höheren Schulen, wird weltweit als Best-Practice-Beispiel gesehen. Auch die duale Ausbildung der Lehre ist ein gut etabliertes System. Darüber hinaus sind die Möglichkeiten aber oft eingeschränkt. Derzeit kann beispielsweise in nur 70 von 215 Lehrberufen eine Meisterprüfung abgelegt werden. Wer dennoch eine höhere berufliche Bildung anstrebte, musste für eine tertiäre Höherqualifikation entweder in eine akademisch-wissenschaftliche Bildungseinrichtung wechseln oder versuchen, sich aus einer Vielzahl von Kursen den Richtigen zu wählen. Dadurch war die Weiterbildung nach der Lehre eher die Ausnahme als die Regel.

Startschuss für einen Systemumbruch

Ziel der höheren beruflichen Bildung soll es daher sein, den Lehrabsolvent*innen, vergleichbar mit der akademischen Bildungskarriere, einen neuen Weg der Weiterbildung zu ermöglichen, inklusive besserer Karriere-Chancen. "Wir setzten damit den Startschuss für einen Systemumbruch in der österreichischen Berufsbildung", verkündete Wirtschaftsministerin Margarete Schramböck. Und Bildungsminister Martin Polaschek betonte: "Die Etablierung der Höheren Berufsausbildung in Österreich ist eine vielversprechende Chance, die Durchlässigkeit zwischen Berufsbildung und Hochschulbildung zu fördern und Personen mit beruflichen Qualifikationen mehrere Pfade einer weiterführenden Ausbildung zu ermöglichen".

Tertiäre Höherqualifikation nach der Lehre

Für Mariana Kühnel, stellvertretende Generalsekretärin der Wirtschaftskammer Österreich (WKÖ), wurde damit ein Meilenstein für das österreichische Bildungssystem gesetzt, da das bewährte System der dualen Berufsausbildung eine neue Dimension bekommt. "Damit wird der Weg frei für eine nahtlos an die Lehre anschließende Höherqualifikation bis auf tertiäres Niveau. Darum haben wir als Wirtschaftskammer Österreich gekämpft", erklärt Kühnel. Für sie ist vor allem die Signalwirkung enorm wichtig. "Den Karrierechancen sind mit dem beruflichen Einstieg in eine Lehre keine Grenzen gesetzt." Auch für Renate Scheichelbauer-Schuster, Obfrau der WKÖ-Bundesparte Gewerbe und Handwerk, ist es ein immens wichtiger Schritt zur Aufwertung des dualen Systems. "Das gibt ambitionierten Jugendlichen, die im Beruf ihre praxisorientierten Fähigkeiten ausleben wollen, dieselben Entwicklungschancen in die Hand wie Schülerinnen und Schülern oder Studierenden, die stärker auf theoretisches Wissen fokussiert sind", freut sich die Spartenobfrau, immerhin ist der Bereich Gewerbe und Handwerk der größte Lehrlingsausbilder des Landes.

Zusätzliche Sprossen auf der Karriereleiter

Die Krönung der fachlichen Kompetenzen wird im Handwerk der Meistertitel bleiben. Die berufsbegleitend-praktische Karriereleiter soll jedoch künftig zusätzliche Sprossen für Bildungswillige haben. Damit wird eine Lücke, die derzeit zwischen der Lehrabschlussprüfung (auf Stufe 4 des Nationalen Qualifikationsrahmens NQR) und der Meisterprüfung (NQR-Stufe 6) bzw. der Befähigungsprüfung klafft, geschlossen. „Mit der NQR-Stufe 5 werden formale Abschlüsse mit einem Titel möglich sein, die gleichwertig mit einem HTL-Abschluss eingestuft und voraussichtlich höher zu bewerten sein werden als eine AHS-Matura. Diese Qualifikationen sind angesichts des großen Fachkräftebedarfs äußerst gefragt; die Absolventinnen und Absolventen werden sich ihre Jobs aussuchen können“, ist Scheichelbauer-Schuster überzeugt.

Rahmenbedingungen noch offen

Diese NQR5-Qualifikationen umfassen besonders viele Green Jobs. Für Scheichelbauer-Schuster eröffnet genau das besonders viele Zukunftsperspektiven, denn diese Berufsbilder werden ihrer Meinung nach nötig sein, um die Klimaschutzziele umzusetzen.  Als konkrete Beispiele nennt sie für Rauchfangkehrer die Qualifikation im Bereich Energieberatung, bei Elektrotechnikern die Spezialisierung auf „Green Technology“ oder die Fortbildung von KFZ-Technikern zur Hochvolt-Fachkraft. Vorstellbar ist für die Spartenobfrau aber auch eine Fokussierung auf Themen wie Management, Führungskompetenz, Rechnungswesen und Marketing.

Die genauen Möglichkeiten und Rahmenbedingungen stehen derzeit jedoch noch nicht fest. Im ersten Schritt wird ein Stakeholder-Prozess mit den Sozialpartnern, Bildungseinrichtungen, Bildungsexperten und Unternehmensvertreter*innen gestartet werden. Dabei sollen die Eckpunkte für die Qualifikationsentwicklung und -vergabe, Qualitätssicherung, Monitoring und wissenschaftliche Begleitung der neuen Bildungssäule festgelegt werden. Erst danach geht es an den Entwurf eines neuen Gesetzes.