Ergonomie

Drehen und wenden, wie man will

Wie schwere Bauteile ohne Gefährdung von Mensch und Werkstück bewegt und umgedreht werden.

17.03.2021
Werkstatt
Redaktion Metall
17.03.2021
© Barth GmbH

Wie schwere Bauteile ohne Gefährdung von Mensch und Werkstück bewegt und umgedreht werden.

In vielen Werkshallen müssen täglich Werkstücke oder Werkzeuge mit mehreren Tonnen Gewicht gewendet werden. Nicht selten kommt dabei eine zum Kippen neigende Form des Objekts hinzu, die ein gefahrloses Wenden erschwert. Hallenkräne sind für diese Manöver nur bedingt geeignet, da das Werkstück bei ungünstigem Handling in die Anschlagseile fallen und damit das Hebezeug beschädigen sowie in der Nähe befindliche Personen gefährden kann.

Auch bei den oft verwendeten elektrisch betriebenen Werkzeugwendern können offene Scher- und Quetschstellen mit scharfen Kanten oder nicht geschützten beweglichen Teilen des Antriebs eine Gefahr für den Bediener darstellen.

Schwere Wendung

Die deutsche Leiritz Maschinenbau GmbH bietet hier neben Standardmodellen auch individuelle Lösungen ihres „Tool­ Mover“ an. Der nahezu vollständig geschlossen konstruierte Werkzeugwender mit Elektro-Antrieb kann für viele Zwecke individuell angepasst werden. Zum Beispiel können verschieden gestaltete Plattformen oder C-Haken-Öffnungen für das Wenden von Coils eingesetzt werden. Scher- und Quetschstellen seien bei dieser Konstruktion bis auf ein Minimum reduziert, versichert der Hersteller, sodass das Risiko für Verletzungen von Mitarbeitern erheblich reduziert sei.

Nach Beladung durch einen Kran oder Gabelstapler ist das kompakte Gerät in der Lage, jegliches Werkzeug oder Bauteil bis zu einem Gewicht von 80 Tonnen um 90 Grad zu drehen. Die etwa viertelkreisförmige Vorrichtung mit zwei zueinander im rechten Winkel stehenden Auflageplattformen wird dabei von unten durch einen Motor mit Frequenzumrichter betrieben, der ein möglichst sanftes An- und Abfahren des Wendevorgangs garantiert. Zusätzlich kann die Zwischenposition nach dem Aufrichten variabel und stufenlos bei weniger als 90° fixiert werden, was ein unbeabsichtigtes Kippen verhindert.

Je nach Form und Empfindlichkeit des Werkstücks können dabei unterschiedliche Anpassungen des Geräts vorgenommen werden, sodass die Wendevorrichtung in verschiedensten  Bereichen wie dem Formenbau oder der Stanztechnik, aber auch in der Automobilindustrie oder der Gießereibranche eingesetzt werden könne, erklärt Sebastian Ehard, Geschäftsführer der Leiritz Maschinenbau GmbH. „Sollen beispielsweise besonders asymmetrische Teile mit dem Tool Mover bewegt werden, können wir die Auflageplattform anpassen und gegebenenfalls Zusatzelemente und Hilfsmittel entwerfen.“

Um den Werkzeugwender auch für den Bediener möglichst sicher zu gestalten, wurde der Tool Mover in geschlossener Bauweise konstruiert, sodass sämtliche Antriebsteile und beweglichen Elemente verdeckt sind. Scher- und Quetschstellen wurden zur Vermeidung von Verletzungen auf ein Minimum reduziert. Ein Signalgeber sorgt außerdem dafür, dass der Beginn des Wendevorgangs sowohl optisch durch ein Blitzlicht als auch akustisch durch einen Warnton von der Umgebung wahrgenommen wird.

Mit dem Tool Mover Werkstücke bis zu 80 Tonnen sicher wenden.

© Leiritz Maschinenbau GmbH
© Leiritz Maschinenbau GmbH

Der Tool Mover ist auch ohne elektrischen Antrieb erhältlich.

Schwerpunkt-Setzung

Für Anwendungsszenarien mit geringeren Einsatzzeiten ist der Tool Mover auch ohne elektrischen Antrieb erhältlich. „Bei dieser Variante kann die Plattform mit dem zu bewegenden Teil für den Wendevorgang über einen Kran positioniert werden“, erklärt Leiritz-Chef Ehard. Durch eine innovative Abrollkontur werde sichergestellt, dass während des Wendevorgangs der Drehpunkt stets vor dem Gesamtschwerpunkt bleibt und somit ein kontrollierter und sicherer Kippvorgang garantiert ist. „Hierbei sind den Dimensionen des Werkstücks theoretisch keine Grenzen gesetzt“, so Ehard.

Entlastung am Arbeitsplatz

Rückenbeschwerden stellen in der Gesundheitsstatistik die zweithäufigste Einzeldiagnose in Bezug auf die Anzahl an Krankheitstagen dar. Eine ergonomische Arbeitsplatzgestaltung ist hier besonders wichtig, um Ausfällen vorzubeugen. Dennoch erfolgt in vielen Betrieben das Bewegen und Ausrichten von Werkstücken zwischen den Montagestationen nach wie vor durch körpereigenen Einsatz des Personals. Dabei werden die Bauteile entweder von mehreren Mitarbeitern getragen und gewendet oder auf einen Rollwagen zum Weitertransport gestemmt. „Es geht ja nicht einfach nur da­rum, Lasten auf die passende Arbeitshöhe zu bringen“, erläutert Markus May, Geschäftsführer der Barth GmbH. „Es steigt dadurch vor allem das Risiko für Verletzungen, und auch der Aufwand ist unverhältnismäßig hoch. Denn es werden immer mehrere Personen benötigt: Ein Werker kann nicht allein das Werkstück stemmen.“

Die Barth GmbH hat verschiedene Wende- und Drehvorrichtungen entwickelt, die sich auf die wesentliche Funktion konzentrieren und dabei möglichst platzsparend und einfach zu bedienen sein sollen. Die robuste Bauweise der Modelle wendoSYST, wendoLift und kippLift in Kombination mit verschiedenen Aufnahmevorrichtungen und Spannelementen gewährleiste eine sichere Fixierung des Bauteils während des Wende-, Dreh- oder Kippvorgangs, erklärt der Hersteller. Die einfache Bedienung über Fußpedal, Fernbedienung und Handkurbel ermögliche einer einzelnen Person dabei auch das Werkstückhandling. Außerdem ließen sich die Vorrichtungen gleichzeitig als Beschickungs-, Arbeits- und Montagetisch nutzen.

Rundum-Bearbeitung

„Viele Bauteile werden immer größer und schwerer, sodass ein Drehen ohne mechanische Hilfe selbst mit zwei Personen kaum möglich ist“, erläutert Markus May. „Außentüren z. B., die heutzutage mehrfachverglast werden oder sicherheitsverstärkt sind, wiegen viel mehr als früher.“ Mit dem WendoSyst können solche Werkstücke leicht gedreht und so von allen Seiten bearbeitet werden. Das Drehen der festgeklemmten Werkstücke im 45°-Raster ermögliche Rundumbearbeitungen wie beispielsweise Silikonieren in einem Spannvorgang. „Dies erlaubt eine ergonomische Bearbeitung von allen Seiten, ohne dass der Werker eine ermüdende Haltung einnehmen muss“, so May. Über die Höhenverstellung und den Längsauszug könne die Drehvorrichtung an die Abmessungen der verschiedenen Werkstücke angepasst werden – für Bauteile bis zu einer Breite von 1,70 m und einer Länge von 3 m.

Wenden schwerer Teile

Für das Wenden schwerer und großformatiger Bauteile biete laut May der WendoLift eine sichere Möglichkeit für das Handling: Die Vorrichtung kippt das Werkstück nach innen, sodass es nicht nach außen fallen kann und ohne zusätzliche Fixierung auskommt. Basis des WendoLift-Aufbaus ist ein Hubtisch der 1.000-kg-Klasse mit einem akku-hydraulischen Aggregat. Mit einer Fernbedienung lässt sich die Hydraulik aktivieren, über die das Werkstück automatisch nahezu in die Senkrechte gezogen und nach dem manuellen Umklappen des Werkstückes dann entgegen dieser Richtung wieder in die Waagerechte gebracht werden kann. Dadurch kann das Wenden ohne großen körperlichen Kraftaufwand durch nur eine Person erfolgen. Die höhenverstellbare Auflagefläche dient gleichzeitig als Arbeitsbereich und ist zum Schutz der Werkstoffoberflächen mit einem Schutzstoff beschichtet.

Auch der KippLift aus der Barth-Produktion diene nicht nur zum Transportieren und Aufstellen, sondern eigne sich ebenfalls als Arbeitstisch, sagt May. Die pulverbeschichtete Stahlkonstruktion und der stabile Kipprahmen halten das Bauteil sicher in Position; starke Gasdruckfedern unterstützen den Kippvorgang, der mit einer Handkurbel erfolgt. Die Arbeitsfläche kann durch Längsauszüge deutlich erhöht werden, sodass sich auch Bauteile mit einer Länge von vier Metern kippen lassen. [gr]

So wie dieser WendoLift wird jede Vorrichtung kundenspezifisch angefertigt.

© Barth GmbH
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