Heizung

Das Gas der Zukunft

Das Ziel ist ambitioniert: Österreichs Energiesystem soll bis 2040 weitgehend dekarbonisiert sein. Eine wichtige Rolle dabei spielt Grünes Gas als erneuerbarer Energieträger und „Wegbegleiter der Energiewende“.

14.12.2020
Energie
Gudrun Haigermoser
14.12.2020
© GettyImages

Das Potenzial zur Herstellung von Grünem Gas ist in Österreich ausreichend vorhanden.

GEBÄUDE INSTALLATION spricht mit Experten über den Stand der Entwicklungen und wie der Umstieg unter Nutzung vorhandener Geräte und Infrastruktur gelingt.

Das Potenzial ist groß

„Das Potenzial für erneuerbares Gas in Österreich ist groß, und es macht sehr viel Sinn, auf diesen Energieträger zu setzen“, erklärt Mag. Michael Mock, Geschäftsführer der ÖVGW (Österreichische Vereinigung für das Gas- und Wasserfach). Das umweltfreundlich gewonnene Gas ist genauso speicherfähig wie Erdgas und kann – im Unterschied zu Strom – solange in den großen unterirdischen Gasspeichern aufbewahrt werden, bis es benötigt wird. Laut Studien der Montanuniversität Leoben, der Johannes Keppler Universität Linz sowie Bioenergie2020+ ist in Österreich theoretisch die Produktion von vier bis fünf Milliarden Kubikmetern Grünem Gas bzw. Green Gas auf Reststoffbasis pro Jahr möglich. Bei der Herstellung von erneuerbarem Wasserstoff ist die Prognose schwieriger, da die Menge mit dem Ausbau von Sonnen-, Wind- und Wasserkraft zusammenhängt. Beim Fachverband Gas Wärme rechnet man mit ein bis zwei Milliarden Kubikmetern jährlich. „Das bedeutet bei einem aktuellen Gasbedarf von rund acht Milliarden Kubikmetern, dass wir mittel- bis langfristig fossiles Gas komplett durch erneuerbares ersetzen können. Und sollte die heimische Produktion den Bedarf nicht decken, gibt es ja noch die Möglichkeit des Imports von Grünem Gas. Gaspipelines und –speicher sind vorhanden und jederzeit auch für Green Gas nutzbar“, so der Experte.

„Der Biogas-Markt läuft sukzessive an, die Energieversorger bauen ihre Kapazitäten aus. Wie es aber weitergeht, ist von den Rahmenbedingungen abhängig, die die Politik erst schaffen muss“, ergänzt Michael Huber, Produktmanager Gas beim Kesselhersteller Hoval. Eine Umstellung des in Österreich 44.000 Kilometer langen Gasnetzes oder der Gasthermen sei dafür jedenfalls nicht nötig.

Gas kann man herstellen

Gas kommt also nicht nur natürlich in der Erde vor, Gas kann man auch erzeugen: Bei der Herstellung von Grünem Gas gibt es im Wesentlichen zwei große Linien: Zum einen Biogas, das aus biogenen Reststoffen wie Abfällen aus der Landwirtschaft oder Schadholz hergestellt wird. „Der Ansatz basiert darauf, keine Energiepflanzen sondern wirklich Reststoffe, die sonst nicht weiter verwertet würden, für die Produktion zu nutzen“, sagt Michael Mock von der ÖVGW.

Die zweite Schiene basiert auf der Verwendung von Wasserstoff, der durch Methanisierung quasi zu einem erneuerbaren Erdgas wird. Das gängigste Herstellungsverfahren ist, überschüssige erneuerbare Energie aus Sonnen-, Wind- und Wasserkraft in Wasserstoff umzuwandeln und damit speicherbar zu machen. So kann u.a. im Sommer gewonnener Überschussstrom aus der Sonne gespeichert und im Winter genutzt werden.

Neben Bio- und Synthesegas kann grüner Wasserstoff auch direkt in das Gasnetz eingespeist werden. Nach derzeitigem Stand der Wissenschaft können jedenfalls bis zu zehn Prozent des Erdgases durch reinen Wasserstoff ersetzt werden. Was notwendig ist, um noch mehr Wasserstoff in die Erdgasinfrastruktur aufzunehmen, daran wird geforscht.

Die Politik ist am Zug

Aktuell gibt es in Österreich an die zwanzig Biogasanlagen, die insgesamt pro Jahr circa 15 Millionen Kubikmeter Grünes Gas aufbereiten und einspeisen. Diese vergleichsweise geringe Menge und den nur langsam vorankommenden Ausbau führen Experten vor allem auf die fehlende Förderung von Ökogas – im Gegensatz zum Ökostrom – zurück. Daher fordert man auch in Sachen Förderungen eine Gleichberechtigung mit anderen erneuerbaren Energien für Grünes Gas und ein Ende der „Diskriminierung“.

Um den Anteil von Grünem Gas spürbar zu erhöhen, ist also die Politik am Zug. Allerdings können die Konsumenten bereits – zumindest einen kleinen – Schritt in die richtige Richtung tun, indem sie sich für einen Misch-Tarif bzw. einen reinen Grüngas-Tarif entscheiden. Informationen dazu gibt es unter anderem auf der Webseite der E-Control (Energie-Control Austria für die Regulierung der Elektrizitäts- und Erdgaswirtschaft). „Die Nachfrage ist allerdings überschaubar, weil die Konsumenten noch viel zu wenig für dieses Thema sensibilisiert sind“, sagt Michael Mock. Umso wichtiger sei es, das Bewusstsein zu schärfen, den hohen Umweltnutzen sichtbar zu machen und damit den höheren Preis – das arbeitsintensivere Grüne Gas ist aktuell noch teurer als Erdgas – zu rechtfertigen.

So schlagen die Verbände wie VÖK und ÖVGW vor, ähnlich wie beim Strom eine Ökogasförderung einzuführen: Die Investitionssicherheit für Anlagenbetreiber würde steigen, die Preissteigerung wäre Anfangs nicht spürbar und man würde mittel- bis langfristig die Potenziale heben.

Ein Teil des Programms

Und noch ein interessantes Faktum: Der Raumwärme-Markt macht rund 15 Prozent des Gasbedarfes in Österreich aus. Anders gesagt, verbrauchen die rund eine Million Gasheizungen im Land etwa eine Milliarde Kubikmeter Gas im Jahr. So ist auch die Bedarfsdeckung durch Grünes Gas ein Teil des Regierungsprogramms – wenn auch in einem geringeren Ausmaß als das die Experten für möglich erachten und obwohl der Posten Gas im aktuellen Gesetzesentwurf zum Ausbau der erneuerbaren Energien (EAG), das Anfang 2021 in Kraft treten soll, nicht vorkommt: Bis 2030 sollen etwa 500 Millionen Kubikmeter ins Netz eingespeist werden. Damit könnte man eben die Hälfte aller Gasheizungen zu 100 Prozent mit erneuerbarem Gas betreiben. „Das ist das kostengünstigste und umweltfreundlichste Prozedere. Man kann bestehende Geräte einfach weiter betreiben und stellt damit den Raumwärmemarkt innerhalb kurzer Zeit auf umweltschonende Beine“, so Mock. Ein weiterer Vorteil: Grünes Gas funktioniert nicht nur mit den heutigen Technologien, es ist auch zukunftsfit und z. B. für gerade in Erprobung befindliche Technologien wie Gas-Wärmepumpen einsetzbar. Zudem macht die Kombination mit Solar- und Photovoltaik-Anlagen viel Sinn.

Stabilität in der Krise

Michael Mock bringt noch ein weiteres Argument ins Spiel, das vor allem in der aktuellen Situation ein zentrales ist: „Dass die Bewältigung der Klimakrise trotz Corona eines der wichtigsten gesellschaftspolitischen Themen ist, ist klar. Man sollte die Menschen aber gerade jetzt nicht verunsichern, indem man ihnen vorschreibt, sich ein neues Heizsystem anschaffen zu müssen.“ Besser sei es, leichter umsetzbare Möglichkeiten wie eben die Erhöhung des Green Gas-Anteils zur Erreichung der Klimaziele bewusster zu machen. „Man kann einen ganzen Jahresbedarf an erneuerbarem Gas in den vorhandenen Speichern lagern, das ist beim Strom z. B. nicht möglich“, so Mock.

„Green Gas ready“

Die gute Nachricht dazu – und ein zentraler Mehrwert des Systems: Alle im Einsatz befindlichen Gas-Brennwertgeräte sind zu hundert Prozent „Green Gas ready“. Die Therme erkennt denn Unterschied nicht, beim Umstellen auf umweltfreundliches Gas ist von Seite der Nutzer bzw. des Fachinstallateurs oder Herstellers nichts zu tun. Das Gerät läuft einfach weiter.

„Ob die Basis für Green Gas nun Biogas oder aus Wasserstoff gewonnenes Synthesegas ist – beides weist die gleiche Qualität wie Erdgas auf und kann uneingeschränkt für die bestehenden Gasbrennwertgeräte verwendet werden“, bestätigt Hoval-Produktmanager Michael Huber. Auch für den Fachinstallateur ändert sich in Sachen Installation und Wartung nichts. Der Betrieb ist ebenso einfach wie beim klassischen Erdgas, der Wirkungsgrad bei modernen Brennwertgeräten gleich hoch.

Zukunft der Brennwerttechnik

Österreich ist ein landwirtschaftlich geprägtes Land, somit steht eine große Menge an Reststoffen für die Herstellung von Biogas zur Verfügung. Allerdings wird Wasserstoff eine ebenso wichtige Rolle in der Zukunft spielen – in Ländern mit anderen wirtschaftlichen Strukturen ebenso wie hierzulande „weil man sich im Vergleich zum Synthesegas einen Produktionsschritt erspart“, erklärt Michael Huber. Daher gehen die Entwicklungen der Hersteller u.a. in diese Richtung: „Alle Gasbrennwertgeräte arbeiten problemlos mit Biogas, auch zehn Prozent Wasserstoff im Netz sind kein Problem“, sagt der Hoval-Vertreter. Man entwickle aber in Hinblick auf die Ökodesign-Richtlinie der Europäischen Union, die gerade überarbeitet wird und für die man entsprechende Vorgaben erwartet, einen neuen Brennwertkessel. Dieser werde nächstes Jahr auf den Markt kommen und mittelfristig für einen Wasserstoffanteil bis zu 30 Prozent geeignet sein. Michael Huber erwähnt in diesem Zusammenhang ein interessantes heimisches Forschungsprojekt: „Underground Sun Conversion“ erforscht die Möglichkeiten zur Speicherung von Wind- und Sonnenenergie in Form von Wasserstoff in natürlichen Erdgaslagerstätten. Auch in Sachen Effizienzsteigerung und Erhöhung der Wirkungsgrade wird bei Gasbrennwertgeräten laufend „geschraubt“.

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