Stahlpreise

Es brodelt am Markt

Angesichts der derzeit stark steigenden Stahlpreise zeigen sich Branchenvertreter und Experten besorgt. METALL hat das aktuelle Phänomen genauer beleuchtet.

03.02.2021
Stahl
Theresa Kopper
© GettyImages/maki_shmaki

Nur langsam sinkende Infektionszahlen, geschlossene Geschäfte und Restaurants sowie zunehmend krisenmüde Bürger – Europa ist derzeit aufgrund der Corona-Pandemie noch weit weg vom Normalzustand. Dass das auch zunehmend Auswirkungen auf Konjunktur und Wirtschaftswachstum hat, ist unbestritten. Doch während in den heimischen Hemisphären die Wirtschaftsprognosen zum Teil tiefrot sind, befindet sich Chinas Ökonomie bereits wieder auf der Überholspur. Das führt zu gewissen Ungleichgewichten, die derzeit auch die Stahlpreise nicht kalt lassen. Im Gespräch mit METALL berichtet etwa Bundesinnungsmeister Harald Schinnerl von Preiserhöhungen um 30 bis 80 Prozent. Die Verfügbarkeit sei momentan katastrophal: „Die Lieferzeiten verdoppeln oder verdreifachen sich“, so Schinnerl. Weil sich große, liquide Firmen mit Stahl eindecken, verknappe sich das Angebot zusätzlich und die Preise würden weiter in die Höhe getrieben, beobachtet der Innungsmeister.
 

Viele Ursachen

Auch Norbert Thumfart von der ARGE Stahl- und Metalldistribution zeigt sich besorgt angesichts der aktuellen Situation. Die Ursache sieht er vor allem in der aktuell boomenden Konjunktur in China gepaart mit einem Exportverbot für Schrott. „Das macht aus China, traditionell ein Stahlexporteur, derzeit einen Stahlimporteur.“
Das bestätigt auch Nicole Voigt, Managing Director & Partner und Stahlexpertin bei der Boston Consulting Group. „Die Stahlnachfrage in China ist derzeit auf Rekordhöhe, die Produktion bei einer Milliarde Tonnen.“ Das wirkt sich auf die Rohstoffpreise aus. Die internationalen Eisenerzpreise, die von China dominiert werden, sind auf einem historischen Hoch, haben sich zwischen Mai und Dezember 2020 verdoppelt. Das treibe die europäischen Stahlpreise, obwohl die Nachfrage während Corona sehr gering war. 
Hinzu kommt, dass in Europa im ersten Halbjahr 2020 mehrere Millionen Tonnen an Hochofenkapazität aufgrund der Corona-Krise stillgelegt wurden, was einen erheblichen Einbruch der Roheisenproduktion mit sich brachte und zu einer Verknappung des Stahlangebots führte. Und die Wiederinbetriebnahme der Hochöfen braucht Zeit. „Die schnell steigende Nachfrage haben die Stahlhersteller nicht erwartet, dementsprechend schnell war die Produktion ausgebucht“, sagt Voigt. 
 

Die Stahlnachfrage in China ist derzeit auf Rekordhöhe, die Produktion bei einer Milliarde Tonnen. Das wirkt sich auf die Rohstoffpreise aus.

Nicole Voigt, Managing Director & Partner und Stahlexpertin bei der Boston Consulting Group (BCG)

Finanz- vs. Corona-Krise

Eine Situation, die durchaus an jene von 2008 erinnern könnte, und trotzdem ist die Ausgangssituation eine völlig andere, wie die Expertin erklärt: „Beim Ausbruch der Wirtschaftskrise 2008 hatte die Stahlindus­trie, getrieben durch den China-Boom (2002–2008) sehr gute Jahre hinter sich und war finanziell vergleichsweise gesund. Zudem gab es damals noch jährliche Rohstoffpreise, und die Stahlfirmen wussten noch nicht, wie weit man Hochöfen und Kokereien auf einem sehr niedrigen Betriebspunkt betreiben konnte. Es galt das Menge-vor-Preis-Mantra. Der Produktionsrückgang war trotzdem stärker als in der aktuellen Situation.“ Nach der Krise waren die Wachstumsraten der Stahlproduktion für ein paar Monate höher als vor der Krise. „Bei Corona sieht es dagegen so aus, als ob einige Nachfrageindustrien – wenn überhaupt – erst 2023–2025 wieder auf Vorkrisenniveau kommen würden.“

Wann sinken die Preise wieder?

In der Branche jedenfalls geht man davon aus, dass der Preisanstieg nur ein vorübergehender ist und sich mit dem Hochfahren der Hochöfen rasch einpendeln dürfte. „Allerdings braucht das etwas Zeit und die Hersteller die Sicherheit, dass die Krise zu Ende geht“, erklärt Voigt. Dass im vierten Quartal 2020 aber die meisten stillgelegten Hochöfen nach und nach wieder hochgefahren wurden, sei ein gutes Zeichen. Wie lange es bis zu einer Normalisierung des Preises noch dauern wird, sei nicht konkret vorhersehbar. Außerdem bleibt das grundsätzliche Problem einer weltweiten Überkapazität bei der Stahlproduktion auch nach dem Preisfall bestehen. Volatile Preise sind also auch weiterhin nicht ausgeschlossen.

„Besonders ärgerlich“

Jene Stahlhändler, die vorher bei niedrigen Preisen eingekauft haben, dürften sich zwar freuen, dass ihr Lagerbestand derzeit an Wert gewinnt. Insgesamt aber zeigt sich in Branchenumfragen, dass der aktuelle Preisanstieg die ohnehin schon schwere Gesamtsituation für Stahlhändler als auch -verarbeiter erschwert. „In Zeiten wie diesen, in denen sowieso alles nur sehr zögerlich vergeben wird, ist das besonders ärgerlich“, sagt etwa Peter Zeman, Geschäftsführer der Zeman Gruppe. 

Gerade jetzt, wo es die Wirtschaft gebrauchen könnte, schleppen sich Investitionen teilweise sehr. Der Preisanstieg macht das natürlich nicht besser.

Peter Zeman, Geschäftsführer der Zeman-Gruppe

„Gerade jetzt, wo es die Wirtschaft gebrauchen könnte, schleppen sich Investitionen teilweise sehr. Der Preisanstieg macht das natürlich nicht besser.“ Zwar ist sein Unternehmen aktuell nicht mit größeren Konsequenzen konfrontiert, dem Markt tue die Situation, die vor allem kalkulatorische Unsicherheiten bringt, aber alles andere als gut.

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