Gewerbe und Handwerk

Die Wirtschaft zieht an

Konjunktur
11.10.2021

Die Erholung im Gewerbe und Handwerk geht rascher als erwartet, ist aber insgesamt noch unvollständig. Unabhängig von der Corona-Krise ist der Fachkräftemangel das größte Problem der Betriebe.

Das österreichische Gewerbe und Handwerk erholt sich schneller als erwartet vom Einbruch durch die Corona-Krise. Im ersten Halbjahr fehlten allerdings noch 700 Millionen Euro Umsatz auf Vorkrisenniveau. Wertmäßig sind die Umsätze bzw. Auftragseingänge im ersten Halbjahr um 5,6 Prozent gestiegen und damit besser als das BIP insgesamt, das bei Plus 4,8 Prozent liegt. "Die positiven Tendenzen im Gewerbe und Handwerk setzen sich fort. Zwar langsam, aber doch", so Renate Scheichelbauer-Schuster, Obfrau der Bundessparte Gewerbe und Handwerk in der Wirtschaftskammer Österreich. Vor allem zwei Aspekte hebt die Spartenobfrau hervor: "Die hohe Investitionsbereitschaft unserer Betriebe und die stabile Personalplanung. Beides zeigt, dass das Vertrauen in Gewerbe und Handwerk ungebrochen ist", sagt Scheichelbauer-Schuster.

Geschäftslage im Gewerbe und Handwerk gut

"Die Betriebe bewerten ihre Geschäftslage beinahe wieder so gut wie vor der Corona-Krise", so Christina Enichlmair von KMU Forschung Austria. Zwischen den Branchen sind die Unterschiede aber beträchtlich. So konnten alle investitionsgüternahen Branchen im dritten Quartal 2021 gestiegene Auftragsbestände verzeichnen – im Durchschnitt um knapp ein Fünftel gegenüber dem Vergleichsquartal 2020. "Insgesamt stehen die investitionsgüternahen Branchen wirklich gut da. Die Auslastung im Bau- und Baunebengewerbe etwa ist aktuell höher als im Vergleichszeitraum zum Vorjahr und verzeichnet bemerkenswerte Steigerungen im Auftragsbestand", sagt Enichlmair. Besonders hoch waren diese Zuwächse bei Hafner*innen, Platten-/Fliesenleger*innen und Keramiker*innen (+31 Prozent), bei Sanitär-, Heizungs- und Lüftungstechniker*innen (+29 Prozent) sowie bei Dachdecker*innen, Glaser*innen und Spengler*innen (+27 Prozent).

Die zwei großen Problemfelder im Gewerbe und Handwerk sind aktuell der Fachkräfte- bzw. Personalmangel, sowie Lieferengpässe aufgrund von Preissteigerungen bei Rohstoffen und Materialmangel.

Hoher Personalbedarf

Personal- und Fachkräftemangel sind ein Thema, dass das Gewerbe und Handwerk schon sehr lange begleitet und nur zu einem geringen Teil mit der Corona-Krise zu tun hat. Aktuell ist der Personalbedarf laut KMU-Umfrage auf einem historisch hohen Wert. "Eine geplante Erhöhung um fünf Prozent ist der höchste Wert, den wir jemals für ein viertes Quartal verzeichnet haben", sagt Enichlmayr. "Diese geplante Erhöhung des Personalbedarfs würde einer zusätzlichen Beschäftigung von rund 35.000 Personen entsprechen", so Scheichelbauer-Schuster. "Leider gibt es kein Universalrezept gegen den Fachkräftemangel. Vielmehr geht es darum, an unterschiedlichen Schrauben gleichzeitig zu drehen", meint die Spartenobfrau. Als Beispiele nennt sie die Wiedereingliederung von Arbeitslosen, die Schaffung von Anreizen für ältere Mitarbeiter*innen länger beruflich aktiv zu bleiben, den Ausbau von Kinderbetreuungseinrichtungen um Eltern das Berufsleben zu erleichtern, sowie eine Steigerung der Mobilität und die Wichtigkeit der Lehrlingsausbildung.

Lehre im Aufwind

"Vor allem im Bereich der Lehre können wir auf eine sehr erfreuliche Entwicklung zurückblicken. Die Erfolge bei den EuroSkills haben unsere kühnsten Erwartungen übertroffen. Mehr als die Hälfte aller Medaillen für Österreich konnten Berufe aus dem Gewerbe und Handwerk erzielen. Die Berufseuropameisterschaften haben einmal mehr gezeigt, dass die duale Ausbildung in Österreich ein Erfolgskonzept ist", betont Scheichelbauer-Schuster. "Vor allem die Lehrlingsausbildung ist mir persönlich ein ganz großes Anliegen, daher freue ich mich sehr über die positive Entwicklung in diesem Bereich. Die Zahlen belegen, dass das Gewerbe und Handwerk in der Lehrlingsausbildung ihrer Führungsrolle gerecht wird. Eine Lehre garantiert zukunftssichere Jobs mit ausgezeichneten Karrierechancen und ist ein Tor zur Selbstständigkeit", so die Spartenobfrau. Auch die Anerkennung in der Gesellschaft ist da: bei einer Umfrage wurde bestätigt, dass "Meister*in" im Handwerk auf Platz 2 bei den angesehensten Berufen in Österreich ist. Platz 1 belegen Ärzt*innen. "Unsere Meister*innen genießen also in der Bevölkerung ein außergewöhnlich hohes Vertrauen", sagt Scheichelbauer-Schuster. Aktuell werden im Gewerbe und Handwerk 47.294 Lehrlinge ausgebildet. Das sind 0,8 Prozent mehr als noch vor einem Jahr. Bei den Anfänger*innen sind es sogar 580 Lehrlinge (+4,4 Prozent) mehr.

"Uns ist es vor allem wichtig, dass die Ausbildung immer als letzten Stand der Technik ist. Alle fünf Jahre werden die Lehrinhalte überprüft und aktualisiert, modernisiert und weiterentwickelt. Anerkannte Abschlüsse sind ein wichtiger Anreiz für Lehrlinge und sie werden dadurch auch in der Gesellschaft mehr angenommen", so Bundesspartengeschäftsführer Reinhard Kainz.

Fazit Konjunkturentwicklung im Gewerbe und Handwerk

Eine generelle Erleichterung ist spürbar und geht zum Teil schneller voran als befürchtet. Die Betriebe im Gewerbe und Handwerk blicken durchwegs sehr positiv in die Zukunft. "Ich hoffe, dass diese Erwartungen auch erfüllt werden", so Renate Scheichelbauer-Schuster.