Materialkrise

Es wird eng am Glasmarkt

Glasmarkt
20.07.2021

Aktualisiert am 22.07.2021

Fast die gesamte Baubranche ist seit Monaten von LieferengpÀssen und Preiserhöhungen betroffen. Die Glasbranche schien bis jetzt ganz gut durch die Materialkrise zu kommen. Doch auch am Glasmarkt spitzt sich die Lage deutlich zu.

Auch am Glasmarkt leeren sich die Lager zunehmend.

Die AuftragsbĂŒcher der Baubranche sind voll, sowohl in der Industrie als auch bei den Verarbeitern. Trotzdem ist die Stimmung angespannt. Denn alle wollen und wenige können. Die Baustoff-Lager sind leer. Waren im April vor allem Stahl, DĂ€mmstoffe und Holz von LieferengpĂ€ssen betroffen, weitet sich die Materialkrise immer mehr aus.
Die GrĂŒnde sind genauso vielschichtig wie die Auswirkungen. AusfĂ€lle beim Rohstoffeinkauf, Mangel an Frachtcontainern, verzögerte Grenzkontrollen oder fehlendes Verpackungsmaterial sorgen fĂŒr ProduktionsengpĂ€sse mit teilweise massiven Lieferverzögerungen – und laufende Verteuerungen.

Marktnachfrage ĂŒbersteigt LieferkapazitĂ€ten

Der Glasmarkt war schon im Corona-Jahr 2020 durch Stilllegungen von Floatglaswannen oder „Hot hold“-Betrieb etwas beeintrĂ€chtigt. Inzwischen ĂŒbersteigt die Marktnachfrage deutlich die LieferkapazitĂ€ten. Die allgemeine Materialknappheit hat auch den Glasmarkt erfasst. „Die Glasbranche ist hier leider keine Ausnahme. Nicht nur bei Sonderprodukten, sondern auch bei Standardprodukten wird es jeden Tag enger. Eine regulĂ€re Lieferkette ist leider nicht gegeben, auch langfristige Zusagen sind nicht erhĂ€ltlich – kurz gesagt, eine echte Katastrophe fĂŒr einen Produktionsbetrieb und natĂŒrlich auch weiterfĂŒhrend fĂŒr alle Weiter- und Wiederverarbeiter“, muss Harald Bissenberger, Prokurist bei der Ertl Glas AG im niederösterreichischen Amstetten eingestehen.

Inzwischen sind nicht nur einzelne Glasarten von der Knappheit betroffen, sondern so gut wie alle.

Werner KrĂŒgl, C. Bergmann KG

Werner KrĂŒgl, Prokurist und Spartenleiter Glas bei der C. Bergmann KG in Traun, Oberösterreich, kann das nur bestĂ€tigen: „Inzwischen sind nicht nur einzelne Glasarten von der Knappheit betroffen, sondern so gut wie alle. Es ist fĂŒr uns extrem mĂŒhsam, die benötigten GlĂ€ser zu bekommen“. Bei Pilkington Österreich sind laut Vertriebsleiter Wolfgang Pichler vor allem SpezialglĂ€ser betroffen: „FarbglĂ€ser und GlĂ€ser mit speziellen Beschichtungen haben lange Lieferzeiten, aber auch bei Standard-FloatglĂ€sern kommt es immer wieder zu Verzögerungen“. Und nicht nur hier: „Auch bei PVB-Folien zur Erzeugung von VSG herrscht ein Lieferengpass und es kommt teilweise zu Lieferverschiebungen“, muss Pichler ergĂ€nzen.
Und auch in der Glas-Zubehör-Industrie sind bereits EngpĂ€sse zu bemerken: „Zurzeit ist die VerfĂŒgbarkeit von BeschlĂ€gen, Werkzeugen und weiteren Produkten noch gewĂ€hrleistet. Jedoch gibt esvereinzelt schon EngpĂ€sse und zahlreiche Informationen von Rohstoff-Lieferanten, dass es zu EngpĂ€ssen kommen wird. Die Erfahrung der letzten Wochen zeigt, dass sich die Situation rasch Ă€ndern kann“, beschreibt Franz Schreibmaier, GeschĂ€ftsfĂŒhrer von Bohle Österreich die derzeitige Lage. 

Massive Preiserhöhungen

Die Knappheit der Rohstoffe treibt die Preise in die Höhe. „TĂ€glich bekommen wir von unseren Zulieferanten fĂŒr Metalle, Chemie und zahlreichen weiteren Rohstoffen AnkĂŒndigungen fĂŒr teilweise massive Preiserhöhungen. Meist in einem höheren zweistelligen Prozentbereich“, sagt Schreibmaier.
Nachdem die Industrie die Preissteigerungen nicht endlos schlucken kann, werden die Produkte teurer. „Die Basis-Glaspreise werden stĂ€ndig erhöht, auch fĂŒr uns war es unumgĂ€nglich, zwei Preiserhöhungen umzusetzen. Und es ist durchaus möglich, dass eine weitere Erhöhung Anfang Herbst erfolgen muss“, erklĂ€rt Wolfgang Pichler von Pilkington Austria. Auch Werner KrĂŒgl von C. Bergmann hat keinen Spielraum: „Wir sind nicht mit merklichen, sondern mit drastischen Preiserhöhungen konfrontiert. Das Ausmaß ist so, dass es wirtschaftlich unmöglich ist, diese nicht an unsere Kunden weiterzugeben“.

Keine Entspannung in Sicht

Die Frage, ob im zweiten Halbjahr 2021 mit einer Entspannung der Situation zu rechnen ist, beantworten die Lieferanten unisono mit „Nein“. Harald Bissenberger von Ertl Glas rechnet eher noch mit einer Zuspitzung und sieht die Lage auch im kommenden Jahr kritisch. Wolfgang Pichler von Pilkington schlĂ€gt in dieselbe Kerbe: „Ich sehe keine Entspannung, die Glas-Lager sind leer, und man kann keinen RĂŒckgang des Bedarfs fĂŒr das nĂ€chste Halbjahr erkennen. Im Gegenteil, die AuftragsbĂŒcher unserer Kunden sind gut gefĂŒllt“.
Franz Schreibmaier fasst die unschönen, aber realistischen Aussichten zusammen: „Wenn man die weltweite Entwicklung von Corona-Mutationen beobachtet und die schon angespannte Preis- und Liefersituation, so kann man sich eine Entspannung wĂŒnschen – realistisch erscheint sie leider zurzeit nicht“. Wir bleiben dran und halten Sie ĂŒber die aktuelle Lage am Glasmarkt am Laufenden.

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