WKÖ-Konjunkturumfrage

Alarmierende Signale bei Gewerbe und Handwerk

Konjunktur
05.10.2022

Die Konjunktur-Umfrage im Bereich Gewerbe und Handwerk lässt die Alarmglocken schrillen. Die extrem hohen Energiekosten ziehen vielen Betrieben den Boden unter den Füßen weg. Viele Unternehmen fragen sich, wie lange sie die jetzige Situation noch durchhalten.
Durch die exorbitanten Energiepreise ist die Gefahr von Verlusten und Insolvenzen extrem hoch.

Die aktuelle Konjunktur-Umfrage von der KMU Forschung Austria im Auftrag der WKÖ Gewerbe und Handwerk zeigt ein alarmierendes Stimmungsbild. Mehr als 80 Prozent der Betriebe melden reale Umsatzverluste, die Erwartungen für die nächste Zeit sind ebenso negativ.  

Stimmung kippte rapid ins Negative

Schon im ersten Halbjahr 2022 gingen die Umsätze und Auftragseingänge gesamt gesehen real um vier Prozent zurück. Dennoch war die Stimmung zum Großteil noch gut. Mittlerweile ist die Stimmung ins Negative gekippt. Für das vierte Quartal 2022 dominiert der Pessimismus, das gilt für alle Bereiche. "Die Kurve zeigt deutlich nach unten - bei den konsumnahen Branchen ebenso wie bei jenen, die den Baubereich umfassen. Besonders pessimistisch sind derzeit neben dem Baugewerbe das Bauhilfsgewerbe, die Fahrzeugtechnik und der Holzbau eingestellt", berichtet Christina Enichlmair von KMU Forschung Austria.

Dabei sah es bei den investitionsgüternahen Branchen im 3. Quartal 2022 noch recht gut aus. Im Vergleich zum 3. Quartal 2021 stieg der durchschnittliche Auftragsbestand um 9,4 Prozent. Besonders hohe Steigerungen verzeichneten die Sanitär-, Heizungs- und Lüftungstechnik (+26.9 %), der Bereich Maler und Tapezierer (+16,7 %) sowie die Kunststoffverarbeitung (+15 %). Schon etwas geringer fielen die Steigerungen in den Bereichen Hafner, Platten- und Fliesenleger, Keramiker (+2,3 %) und Holzbau (+2,6 %) aus. Auch im Baugewerbe legten die Aufträge noch zu (+3,4 %), doch im Vergleich zum Vorquartal, wo es einer Steigerung von plus 17,7 Prozent gab, zeigt sich bereits der Einbruch. Doch wenn die Bauwirtschaft, die als Konjunktur-Lokomotive gilt, ins Trudeln kommt, wirkt sich das automatisch auf die nachgelagerten Betriebe aus.

Gefahr von Verlusten und Insolvenzen steigt

Die Aussagen der verschiedenen Branchen sind erschreckend ähnlich. So ist beispielsweise seitens des Holzbaus zu vernehmen, dass die extrem hohen Holzeinkaufspreise und Strompreise nicht weitergegeben werden können. Aus dem Baugewerbe, mit ähnlichen Problemen konfrontiert, mehren sich die Meldungen, dass man mit einer Stagnation rechnet. Viele Unternehmen fragen sich, wie lange sie die jetzige Situation noch durchhalten. Die Gefahr von Verlusten und Insolvenzen ist allgegenwärtig.

Für das vierte Quartal erwarten daher nur noch 22 Prozent der befragten Unternehmen eine positive Geschäftsentwicklung. Für Renate Scheichelbauer-Schuster, Obfrau der Bundessparte Gewerbe und Handwerk in der WKÖ, ist die Lage daher sehr bedrückend. "Wir gehen in eine äußerst ungewisse Zukunft", mahnt sie und gibt zu bedenken, dass die Gefahr besteht, dass viele Betriebe verloren gehen, nicht für eine kurze Zeit, sondern dauerhaft. "Einmal weg heißt für immer weg", so Scheichelbauer-Schuster.

Weitere Unterstützungsschritte nötig

Den überwiegend klein- und mittelständischen Unternehmen fehlt aufgrund der schwierigen Gesamtsituation momentan jede Planbarkeit: Wie hoch wird die Energierechnung 2023 ausfallen? Bekomme ich noch Material und wenn ja, zu welchem Preis? Was bedeuten die Lohnverhandlungen für meine Personalkosten? Der vor kurzem angekündigte Energiekostenzuschuss ist natürlich eine wichtige Unterstützung. "Aber er kann nur ein erster Schritt sein. Weitere Schritte zur Unterstützung der Betriebe sind unbedingt notwendig", fordert Reinhard Kainz, Geschäftsführer der WKÖ-Sparte. Denn: Mit dem Energiekostenzuschuss werden bestenfalls ein Drittel der höheren Energieausgaben kompensiert. Und der Geltungszeitraum deckt derzeit nur den Zeitraum Februar bis September 2022 ab. "Es muss rasch geklärt werden, wie es weitergeht", ergänzt Scheichelbauer-Schuster.

Was es bräuchte, wäre eine Verlängerung des Energiekostenzuschusses über das Jahr 2022 hinaus, da dann die exorbitanten Energiekosten aufgrund neuer Verträge verstärkt schlagend werden. Außerdem brauche es eine Aufstockung der Budgetmittel: "Die 1,3 Milliarden Euro werden keinesfalls reichen". Sollte diesbezüglich nichts passieren, müsste man mit Konsequenzen wie einem Konjunktur-Abschwung und einer höheren Arbeitslosigkeit rechnen. Das wäre in Bezug auf den Fachkräftemangel doppelt bitter.

Appell für Aufträge der öffentlichen Hand

Nach der Corona-Pandemie sei in vielen Betrieben die finanzielle Decke zu dünn, um die Kosten selbst zu stemmen. Daher wären dringend europäische Notfallinstrumente erforderlich, die die Strom- und Gaspreise dauerhaft runterbringen und unternehmerisches Handeln in Europa wieder möglich machen. "Alles andere sind Pflaster, aber keine Hilfsmittel", warnt Scheichelbauer-Schuster, die vorrangig das Ende des Merit-Order-Prinzips im Visier hat. In der Zwischenzeit könnte beispielsweise mit einem dauerhaften Verlustrücktrag und staatlich besicherten Kreditgarantien die Liquidität der Unternehmen abgesichert werden. Alles Instrumente, die sich schon in der Corona-Pandemie bewährt haben, ebenso wie die Kurzarbeit.

Abschließend appelliert Scheichelbauer-Schuster an die öffentliche Hand, die Krise nicht durch das Zurückhalten von Investitionen weiter zu verschärfen, sondern im Gegenteil gerade jetzt vermehrt Aufträge zu vergeben.