Interview

"Manche drehen am Rad"

Ziegel
21.07.2021

Aktualisiert am 22.07.2021

Zwischen Tradition, Nachhaltigkeit und Digitalisierung findet Wienerberger seinen Weg durch die aktuelle Krise, wie Österreich-Geschäftsführer Johann Marchner erzählt.

Nach zahlreichen Stationen in der österreichischen Baustoffindustrie ergänzt Johann Marchner seit Mai 2019 das Wienerberger Führungsteam – zuerst als Geschäftsführer Vertrieb und seit März 2020 als Geschäftsführer von Wienerberger Österreich.

Ziegel zählen zu den traditionsreichsten Bau­stoffen der Welt, aber auch hier ist derzeit ­vieles im Umbruch. Wie lange man derzeit auf Ziegel warten muss, wie Wienerberger ­Österreich das Ziel "Zero Emission" schaffen will und welches Thema in Österreich wieder ein Revival erleben soll, berichtet Johann Marchner, Geschäftsführer der ­Wienerberger Ziegelindustrie, im Interview.

Die Corona-Aufregung des letzten Jahres hat sich etwas gelegt, dafür sorgt nun der Bauboom für Kopfzerbrechen. Wie geht es ­Wienerberger derzeit in der aktuellen Materialkrise?

Johann Marchner: Die gesamte Baubranche und auch wir sind bislang vergleichsweise gut durch die Pandemie gekommen, dafür haben wir jetzt eine ­Situation, die ich in fast 25 Jahren ­Baustoffindustrie so noch nicht erlebt habe. Viele scheinen das ­Gefühl zu haben, dass Bauen morgen nicht mehr möglich ist, und drehen am Rad. In unsicheren Zeiten wird gern in feste Werte wie Immobilien investiert, denn alle machen sich Sorgen, wie viel ihr Geld im ­nächsten Jahr noch Wert ist. Das ist zwar grundsätzlich ­positiv, mit dieser extrem hohen Nachfrage konnte jedoch niemand rechnen, und das stellt uns vor große Heraus­forderungen. Wir liefern vielen Kunden schon deutlich größere Mengen als im Vorjahr, und es reicht noch immer nicht.

Haben Sie Möglichkeiten, kurzfristig den Output zu erhöhen?

Marchner: Wir hatten für dieses Jahr sowieso schon mehr eingeplant, aber alle unsere Werke, egal ob ­Hintermauer oder Dachziegel, laufen auf Hochtouren – nicht nur für den heimischen Markt, sondern auch für den Export. Die Situation ist in den angrenzenden Märkten nicht anders, die Nachfrage ist überall hoch.

Was denken Sie, wie lange hält diese Situation noch an?

Marchner: Eine leichte Entspannung erwarte ich jetzt im Laufe des zweiten Halbjahres. Die Preissituation ist extrem überhitzt, und mittelfristig wird die Investitionseuphorie dadurch gedämpft werden. Das sieht man aktuell auch gut in den USA, wo durch den gestiegenen Holzpreis die Nachfrage deutlich zurückgegangen ist. Ich denke, so wird es auch bei uns kommen. Wobei wir dann immer noch eine grundsolide Auslastung und keinen Grund zu jammern hätten.

Haben Sie aktuell Lieferengpässe bei speziellen Produktgruppen?

Marchner: Nicht wirklich Engpässe, aber die ­Lieferzeiten haben sich in allen Produktgruppen verlängert. Normalerweise können wir in sieben bis 14 Tagen liefern, derzeit haben wir Lieferfristen von vier Wochen und mehr.

Die Bereiche Dach und Wand boomen derzeit ­gleichermaßen. Wie läuft das Geschäft mit ­Fassadenprodukten?

Marchner: Fassade spielt bei Wienerberger Österreich leider noch eine untergeordnete Rolle. Nachdem wir uns aber in den vergangenen zwei Jahren im Dach- und Wandbereich neu aufgestellt haben, ­wollen wir uns nun verstärkt der Fassade widmen. Das ist mir persönlich ein großes Anliegen, denn neben dem Dach ist die Fassade die zweite wichtige Visitenkarte eines Gebäudes. In der Wienerberger-Gruppe gibt es neue keramische Klinker-Applikationen, für die man bei der Verarbeitung nicht mal Klinker-­Experten benötigt. Sobald wir in Österreich ein entsprechendes Team aufgebaut haben, wollen wir diese Linie auch am heimischen Markt ausrollen. Gerade in Österreich hat Klinker eigentlich eine große Tradition, die aber im Laufe der Jahre in Vergessenheit geraten ist. Ich denke aber, dass wir den Klinker wieder aus der Nische holen können. Eine weitere interessante Entwicklung ist, dass auch Dachziegel immer häufiger an der Fassade zum Einsatz kommen. Diese Anwendung ist technisch ausgereift und bietet für Architekten spannende neue Gestaltungsmöglichkeiten.

Technologisch werden wir die Klimaziele schaffen, aber es wird nicht zum ­Nulltarif gehen – so ehrlich muss man sein.

Johann Marchner, Geschäftsführer Wienerberger Österreich

Vor kurzem hat die Wienerberger- Gruppe in ihrem Sustainability-Report ein ehrgeiziges Nachhaltigkeitsprogramm präsentiert. Was wird der Beitrag von Österreich sein?

Marchner: Der Green Deal ist eine Verpflichtung für uns alle, und ich bin trotz ­aller hohen Ziele sehr zuversichtlich, dass wir diesen Kraftakt meistern werden. Techno­logisch können wir die Klimaziele ­erreichen, aber es wird nicht zum Null­tarif sein – so ehrlich muss man sein. In ­Österreich ist unser Ziel Zero Emission – das wollen wir in 15 Jahren erreichen. Maßnahmen wie den Umstieg auf Ökostrom und eine Hoch­temperaturwärmepumpe ­haben wir als ­Wienerberger Österreich schon lange umgesetzt. Der nächste Meilenstein wird nun eine neue Ofentechnologie sein, die den CO2-Footprint drastisch reduzieren soll.

Diese neue Ofentechnologie soll im Werk Uttendorf implementiert werden. Wie ist hier der Status?

Marchner: Wir sind gerade, was die Techno­logie betrifft, in der Entscheidungsphase. So ein Technologiewechsel ist immer eine sehr weitreichende und risiko­reiche Entscheidung. Aber bis Ende des Jahres ­werden wir so weit sein, dass wir mit der Umsetzung starten können.

Wenn in 15 Jahren Zero Emission das Ziel ist – wo stehen Sie derzeit in diesem Prozess?

Marchner: Ich würde sagen bei circa 25 Prozent, denn der größte Hebel wird ­definitiv der Technologiewechsel in der Produktion sein. Weitere Stellschrauben sind zum Beispiel eine optimierte Kreislaufwirtschaft oder klimafreundliche ­Logistikketten. Wir arbeiten zudem auch gerade an der EPD (Environmental Product Declaration, Anm.) für den Standort Uttendorf, um unsere Anstrengungen auch belegen zu können. Um die dafür notwendigen Daten zu generieren, benötigen wir aber zusätzlich vollständig digitalisierte Prozesse.

Im vergangenen Jahr haben Sie bereits von der geplanten End-to-End-Digitalisierung gesprochen. Wie weit sind Sie schon gekommen?

Marchner: Wir sind auf einem sehr guten Weg. Unser Bestellapplikation, die wir im vergangenen Jahr gelauncht haben, wird im Hintergrund zu einer echten Zero Touch Order. Das bedeutet, immer mehr ­Schnittstellen werden vollständig digitalisiert. Mir ist bewusst, dass es für Marktteilnehmer anfangs gefühlt ein Mehraufwand ist, über unser Online-Tool zu bestellen. Aber wenn wir unsere Wertschöpfungskette gemeinsam effizienter gestalten wollen, müssen unsere Kunden eben auch unsere Intelligenz, sprich unsere Tools, nutzen – anders wird es nicht gehen.

Klingt so, also wäre der Service noch nicht flächendeckend im Markt angekommen?

Marchner: Die Bestellrate über ­ziegelbestellung.com ist schon vergleichsweise hoch – knapp über die Hälfte aller Bestellungen laufen über die Applikation. Und das Feedback ist auch wirklich gut. Immer mehr Bauunternehmen statten ihre Bauleiter mit Tablets und Co aus. Dann macht es auch Sinn, die Bestellprozesse entsprechend anzupassen. Zumal sich auch die Bauleiter damit viel Zeit und Arbeit ersparen.

Wird das Bestell-Tool auch für den Dachbereich ausgerollt?

Marchner: Derzeit nicht. Dafür haben wir in diesem Bereich eine andere Applikation in Vorbereitung. Und zwar soll der Dach­decker damit das Dach inklusive Mengenermittlung planen und das passende Material auf Knopfdruck bestellen können. Aktuell befinden wir uns gerade noch in Feldtests, aber die Ausrollung ist in Kürze geplant