Beschaffungskrise

Mehr Versorgungssicherheit

Gastkommentar
28.05.2021

 

Mit mehr Versorgungssicherheit künftigen Krisen resilienter gegenübertreten! Kommentar von BM Margarete Schramböck

Die Folgen der Covid-19-Krise haben uns die Abhängigkeit Österreichs und ganz Europas von der Verfügbarkeit von Rohstoffen vor Augen geführt. Im Frühjahr 2020 kam es etwa durch Grenzschließungen, Exportverbote sowie dem Ausfall von Personal unmittelbar zu kurzzeitigen Unterbrechungen in wichtigen Lieferketten. Besonders deutlich wurde diese Abhängigkeit von den Produktionsketten in Asien, als es zu Engpässen bei der Verfügbarkeit von medizinischer Schutzausrüstung kam. Obwohl die Betriebe Ende 2020 und Anfang 2021 die Produktion größtenteils wieder mit voller Kapazität aufgenommen haben, sind immer noch weitreichende Effekte entlang dieser Lieferketten spürbar.

Fast täglich sind wir mit Berichten über Verzögerungen, Preissteigerungen oder Ausfällen bei Rohstoffen, Vorprodukten oder auch Endprodukten konfrontiert. Aktuelle Ereignisse wie etwa die Blockade des Suezkanals oder vermehrte Cyberattacken verschärfen diesen Umstand. Gerade in der Handwerks- und Baubranche und hier besonders bei den kleinen und mittleren Unternehmen entstehen bei Fixpreisaufträgen durch Preissteigerungen bei Rohstoffen und Vorprodukten massive Finanzierungsprobleme und vielfach drohen dadurch bedingt auch Insolvenzgefahren. Hier ist Kulanz von allen Seiten gefragt.

Zusätzlich zur Ankurbelung der Wirtschaft ist es daher in den nächsten Monaten dringend erforderlich, unsere Wirtschaft noch resilienter zu machen und unsere Autarkie weiter zu stärken. "Re-shoring" ist in den letzten Jahren immer mehr ein Thema geworden. Dadurch können wir neue Beschäftigungsmöglichkeiten im Land schaffen, die Wirtschaft stärken und unabhängiger gestalten. Daher braucht es eine Renaissance der Produktion in Europa. Wir müssen Wertschöpfungsketten zurückholen und wieder stärker hier produzieren. Neben Forschung und Entwicklung (F&E) muss unser Schwerpunkt die moderne digitalisierte Produktion sein. So können entlang von Wertschöpfungsketten zukünftige Versorgungsrisiken verringert werden.

Durch die Vorteile der Digitalisierung werden viele Produktionsauslagerungen künftig nicht mehr notwendig sein. Digitalisierung ermöglicht oft sowohl eine günstige Produktion als auch eine rasche vor-Ort-Verfügbarkeit. Daher müssen wir hier noch besser werden und unsere Unternehmen vorbereiten. Dafür haben wir mit KMU Digital, den Forschungskompetenzen für die Wirtschaft, den Digital Pro Bootcamps und den Digital Innovation Hubs entsprechende Fördermaßnahmen geschaffen.

Eine bedarfsgerechte Versorgung mit Roh- und Grundstoffen stellt die Basis für eine nachhaltige Wirtschaft dar. Die eigene Ressourcenbasis gewinnt daher bei der Entwicklung innovativer Produkte an Bedeutung. Wichtig ist dafür eine verantwortungsvolle und sichere Versorgung Österreichs mit primären und sekundären Rohstoffen. Diese sind natürlich schwer zu ersetzen, daher müssen die Beschaffung und auch die Bevorratung überdacht werden. Mittelfristig sollten wir Rohstoffe effizienter einsetzen oder Alternativen finden. Auch hier kann durch Digitalisierung eine energieeffiziente Produktion und eine schonende Materialnutzung sichergestellt werden. In Österreich wird gerade die nationale "Rohstoffstrategie 2030" erarbeitet. Die Vision ist durch die intelligente Gewinnung und Verarbeitung von primären und sekundären Rohstoffen mit Fokus auf die nationalen Vorkommen, die Wertschöpfungsketten zu verlängern und damit den heimischen Wirtschafts- und Industriestandort zu stärken.

Nur wenn der Wirtschafts- und Arbeitsstandort wettbewerbsfähig bleibt, können Betriebe gehalten und Arbeitsplätze geschaffen werden. Dazu tragen auch wichtige Vorhaben von gemeinsamem europäischem Interesse, sogenannte IPCEI, bei. Sie stellen ein Gegengewicht zu den massiven Subventionen in den USA und Asien dar. Hierdurch sollen strategische Wertschöpfungsquellen in Österreich und der EU international konkurrenzfähig gestaltet werden.

Mehr Eigenständigkeit darf aber nicht in mehr Abschottung münden: Exportbeschränkungen etwa wären kontraproduktiv, weil meist auf Maßnahmen mit Gegenmaßnahmen der Handelspartner/innen geantwortet wird. Deshalb müssen wir auch unsere Exportwirtschaft noch weiter stärken, denn Globalisierung und Handel waren für Österreich in den letzten Jahrzehnten Wohlstandstreiber. Jeder zweite Arbeitsplatz hängt bei uns vom Export ab. Wir setzen daher weiterhin auf eine offene Handelspolitik und strategische Partnerschaften. Denn Europa muss unbedingt und noch besser zusammenarbeiten, um die Versorgung für die Menschen abzusichern. (dd)

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