Wasserstoffstrategie

Basis für den nationalen Wasserstoff-Ausbau ist gelegt

Wasserstoff
08.06.2022

Mit einiger Verzögerung hat die Regierung Anfang Juni ihre Wasserstoffstrategie für grünen Wasserstoff präsentiert. Damit steht der grundsätzliche Fahrplan, genauere Details fehlen allerdings noch.
Bis 2030 sollen 80 Prozent des heimischen Wasserstoffs klimaneutral sein.
Bis 2030 sollen 80 Prozent des heimischen Wasserstoffs klimaneutral sein. , restricted_html

Wer Energiewende und Klimaschutz sagt, muss auch Wasserstoff sagen. Bezüglich Nachhaltigkeit führt nämlich kein Weg an neuen Wasserstoff-Lösungen vorbei. Vor allem in den schwer zu dekarbonisierenden Sektoren, also der chemischen Industrie, der Eisen- und Stahlerzeugung sowie der Zement- und Glasindustrie, wird grüner Wasserstoff in Zukunft eine wichtige Rolle spielen, um die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen zu reduzieren und die industriellen CO2-Emissionen zu verringern.

Wasserstoff-Wechsel: Aus Grau wird Grün

Die Europäische Kommission und die meisten EU-Länder verfügen schon seit einiger Zeit über Wasserstoffstrategien. Unter dem Motto "Grüner Wasserstoff für Österreich" haben am 2. Juni 2022 Klimaministerin Leonore Gewessler und Wirtschaftsminister Martin Kocher nun nachgezogen und die lang ersehnte Wasserstoffstrategie der Regierung vorgestellt. Damit wurde ein weiterer Schritt für die geplante Klimaneutralität 2040 gesetzt. Im sechzig Seiten starken Positionspapier geht es um Ziele sowie Aktionsfelder für einen gezielten und effizienten Einsatz von grünem Wasserstoff. Vorgesehen sind auch eine halbe Million Euro an Förderungen bis 2030.

Schon jetzt kommt in der heimischen Industrie Wasserstoff zum Einsatz. Doch die rund 150.000 Tonnen Wasserstoff pro Jahr werden derzeit fast ausschließlich mit fossiler Energie produziert. Diese Art von Wasserstoff wird grauer Wasserstoff genannt. Dieser soll durch grünen Wasserstoff, der durch die Elektrolyse mit ausschließlich erneuerbaren Energiequellen hergestellt wird, ersetzt werden. Das Ziel der Regierung dafür ist durchaus ambitioniert: Bis 2030 sollen 80 Prozent des Wasserstoffs klimaneutral sein.

Sieben Wasserstoff-Ziele, acht Aktionsfelder

Um das zu schaffen müssen bis dahin Elektrolysekapazitäten, also Öko-Strom-Kapazitäten, von einer Gigawattstunde aufgebaut werden, um vier Terrawattstunden Erdgas zu ersetzen. Außerdem braucht es die Etablierung der Wasserstoffproduktion als integralen Bestandteil des Energiesystems, die Entwicklung einer geeigneten Wasserstoff-Infrastruktur, den Aufbau internationaler Partnerschaften, die Stärkung des Wirtschafts- und Technologiestandortes Österreich und natürlich die gezielte Unterstützung für die Produktion von erneuerbarem Wasserstoff. Genau so wurden die Ziele in der Wasserstoffstrategie aufgelistet. Ein dezidierter Abwicklungsplan findet sich dafür aber nicht.

Formuliert wurden acht Aktionsfelder für die Umsetzung: unter anderem der zeitnahe Markthochlauf mittels Vorzeigeprojekte, der Aufbau der Infrastruktur, der gezielte Einsatz von Wasserstoff in der Industrie, die Intensivierung von Forschung und Entwicklung,  das Schaffen von Förderungen und Anreizen für die Produktion von erneuerbarem Wasserstoff und die Gründung der Wasserstoff-Plattform H2Austria.

Wasserstoff vorrangig im Hochtemperaturbereich

Definitivere Angaben gibt es hinsichtlich der Gebiete wo grüner Wasserstoff eingesetzt werden soll. In der höchsten Priorität finden sich neben der chemischen Industrie und der Stahlindustrie der Flugverkehr, der Schiffsverkehr und der Spitzenlastenausglich für volatile Energien. Rund um das Mittelfeld sind die Hochtemperaturprozesse der thermischen Verwertung, der LKW-Fernverkehr, die Reisebusse sowie die Speicherung und die Flexibilitätsleistungen positioniert. Als ineffizient wurden die Niedertemperaturprozesse der thermischen Verwertung, Verteiler-LKW, PKW und die Wohnraumwärme eingestuft. Grund dafür ist, wie Wirtschaftsminister Martin Kocher bei der Pressekonferenz erklärte, dass Wasserstoff zwar für viele Anwendungen genutzt werden kann, dringend benötigt wird er allerdings vor allem im Hochtemperaturbereich. 

Mehr Tempo in der Umsetzung gefordert

Für WKÖ-Präsident Harald Mahrer wurde mit der heimischen Wasserstoffstrategie endlich ein wichtiger, erster Schritt gesetzt. "Jetzt geht es aber darum, die Verzögerung aufzuholen und der Umsetzung Tempo zu machen", mahnt er. Seiner Meinung nach brauche es rasch den lange geforderten Energie-Masterplan. Immerhin benötige es für die Erreichung der Klimaneutralität 89 – 138 TWh grüne Gase. "Diese Menge an Wasserstoff in Österreich zu erzeugen ist jedoch unmöglich. Dafür müssten die gesamten heute in Österreich verfügbaren Strommengen nur für die Wasserstoffproduktion eingesetzt werden", gibt WKÖ-Generalsekretär Karlheinz Kopf zu bedenken. Wichtig wäre daher ein genauer Plan für Wasserstoffimporte und internationale Kooperationen, der auch die entsprechenden Infrastrukturmaßnahmen beinhaltet. "Ansonsten werden wir noch weiter ins Hintertreffen geraten". Zusätzlich brauche es dringend die nach wie vor fehlende Investitionszuschussverordnung für Wasserstoff und ein Grün-Gas-Gesetz. Zusätzlich gelte es einen Transformationsfonds einzurichten, der hilft mehr Wasserstoff in der Industrie einzusetzen. "Österreich muss sich an den Wasserstoff-Vorreitern Niederlande und Deutschland orientieren, damit wir nicht den Anschluss verlieren", sind sich beide WKÖ-Spitzenfunktionäre einige.

Wasserstoff-Transformationsfonds dringend notwendig

Ähnlich sieht das die Industriellenvereinigung, die schon seit geraumer Zeit in den Starlöchern steht. Denn in der Industrie ist Wasserstoff, wie IV-Präsident Georg Knill es formuliert, das Gas der Zukunft. Schon im März dieses Jahres hat Knill in einem offenen Brief an die Umweltministerin einen schnelleren Ausbau der erneuerbaren Energie und einen Transformationsfonds gefordert. Diesen mahnt der IV-Präsident nun auch wieder ein, sowie eine rasche Umsetzung der für die Wasserstoffstrategie notwendigen rechtlichen und finanziellen Rahmenbedingungen, wie etwa eine Beschleunigung von Genehmigungsverfahren. Wichtig sei es jetzt die Handlungsfelder aus der Strategie zu konkretisieren und umzusetzen, insbesondere im Hinblick auf internationale Kooperationen und der raschen Entwicklung einer europäischen Wasserstoffwirtschaft, inklusive der entsprechenden Infrastruktur.

Mammutaufgabe für die Metallindustrie

Dass die beiden Branchenvertretungen bezüglich der Umsetzung Druck machen, kommt nicht von ungefähr. Die europäische Politik hat die Industrie vor eine schicksalhafte Entscheidung gestellt: Entweder die Unternehmen arbeiten bis spätestens 2050 klimaneutral oder es gibt keine Arbeit mehr. Vor allem die Metallindustrie steckt dadurch in einem Dilemma. Einerseits ist sie als Hersteller wichtiger technischer Elemente Teil der Energiewende, andererseits ist sie, allen voran die Stahl- und Aluminiumproduzenten, alleine für rund acht Prozent der weltweiten CO2-Emissionen verantwortlich. Um selbst das Ziel der Klimaneutralität bis 2050 zu schaffen, braucht es eine gewaltige Transformation, die ohne Technologiewechsel auf neue CO2-freie Produktionsverfahren mit Wasserstoff und erneuerbaren Energien nicht zu schaffen ist. So eine Mammutaufgabe braucht klarer Weise Zeit, aber natürlich auch Geld. Der kostenintensive Technologiewechsel der krisengeschüttelten Branche muss also zeitgerecht gestartet werden und wird nur mit massiver Unterstützung gelingen.

Wasserstoffstrategie zum Downloaden:

Die gesamte Wasserstoffstrategie und auch die Zusammenfassung finden Sie auf der Homepage des Bundesministeriums für Klimaschutz, Umwelt, Energie, Mobilität, Innovation und Technologie: 

https://www.bmk.gv.at/themen/energie/energieversorgung/wasserstoff/strategie.html

Übersicht über die verschiedenen Wasserstoff-Arten

Die verschiedenen Arten des Wasserstoffs unterscheiden sich aufgrund der Herstellung.

Grüner Wasserstoff: Herstellung durch Elektrolyse, also Aufspaltung von Wasser, mittels ausschließlich erneuerbaren Energiequellen; als Nebenprodukt entsteht Sauerstoff.

Grauer Wasserstoff: Herstellung aus fossilen Brennstoffen; neben Wasserstoff entsteht auch CO2

Blauer Wasserstoff: Herstellung aus fossilen Primärenergieträgern, das anfallende CO2 wird über Abscheidung gebunden, gespeichert (Carbon Capture and Storage) oder in einem geschlossenen Kreislauf gehalten

Türkiser Wasserstoff: Herstellung über thermische Spaltung von Methan (Methanpyrolyse), anstelle von CO2 entsteht fester Kohlenstoff 

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