Toilette

Das letzte Tabu

Toilette
24.02.2021

Vom stillen Örtchen zum stilvollen Genius Loci: Das Klo der Zukunft spart Wasser, schont die Umwelt und kann bequem per Smartphone gesteuert werden. Was nach Science-Fiction klingt, ist in Asien schon lange Realität. Höchste Zeit, die Toilette durch eine neue Brille zu betrachten.

Wir alle müssen durchschnittlich vier- bis fünfmal am Tag, und doch reden wir nicht gerne darüber. Womöglich ist auch dies eine der Ursachen, weshalb sich das WC seit der Erfindung des Wasserklosetts kaum verändert hat und bis heute Unmengen an wertvollem Trinkwasser verbraucht. Wenngleich Wasser in unseren Breitengraden ein recht günstiger Rohstoff ist, erscheint die Verschwendung jener wertvollen Ressource allein schon aus moralischen Gründen sowie unter dem Gesichtspunkt des Umweltschutzes als nicht mehr akzeptabel. Die weltweite Trinkwasserknappheit ist ein globales Problem und betrifft uns alle gleichermaßen. Und ja, auch in Österreich, dem Vorreiter in Sachen Klimaschutz, ist hier noch viel Luft nach oben. Angesichts dieser Herausforderungen und des tabuisierten Stigmas, das dem stillen Örtchen von jeher anhaftet, wird es Zeit, die Bedeutung der Toilette neu zu denken.

Zeitalter der Kloake

Über lange Zeit erfolgte die Verrichtung der niedrigen Bedürfnisse völlig schambefreit in aller Öffentlichkeit. In den Städten der alten Römer galten die Latrinen, wie diese öffentlichen Toiletten genannt wurden, als beliebte Orte der sozialen Interaktion. Dank des ausgeklügelten Abwassersystems der Cloaca Maxima wurden sämtliche Hinterlassenschaften kanalisiert und abgeführt. Mit dem Untergang des römischen Reiches verschwanden jedoch sämtliche Toiletten und Kanalsysteme. Mehrere Jahrhunderte lang war es seitdem gang und gäbe, sich am Straßenrand zu erleichtern oder den Unrat von einem Warnruf begleitet in hohem Bogen aus dem Fenster zu schütten. In ganz Europa stank es mörderisch, und mit dem Anwachsen der großen Industriestädte wurden die Fäkalien zu einem ernsten Gesundheitsproblem. Auch die Gassen von Wien zeugten von jenem einschlägigen Geruch. Hier wurden die Abwässer lange in den Wienfluss oder die Donau geleitet, und tausende Menschen infizierten sich mit Cholera, Typhus und Hepatitis. In der Donaumetropole erkannte man schnell die prekäre Gefahr, die von den sich zuspitzenden hygienischen Verhältnissen ausging, weshalb in Wien 1739 die erste städtische Kanalisation Europas gebaut wurde. Wenig später meldete der Engländer Alexander Cummings das „water closet“ zum Patent an – sämtliche Haushalte wurden an die Kanalisation angeschlossen – und wir verloren unsere Exkremente aus dem Blick.

Hightech-Örtchen mit Stil

Weil das Fäkalienproblem mit der Erfindung der wasserbetriebenen Toilette als gelöst galt, gab es seitdem in der westlichen Welt keine weiteren Neuerungen – ganz im Gegensatz zu Japan oder Südkorea, wo die Menschen über komfortable Hightech-Örtchen verfügen, die zum Denken und Lesen einladen. Die japanische Bevölkerung hat eine regelrechte Sauberkeitskultur entwickelt, die von einer echten Leidenschaft für Toiletten getragen wird. Diese Einstellung trug in der Vergangenheit maßgeblich zur Entwicklung moderner Toilettensysteme bei, die ständig verbessert werden. Der japanische Toilettenhersteller „Toto“ steht wegen seiner Anzahl an Patenten sogar im Guinnessbuch der Rekorde. Das wahre Erfolgsprodukt aus Japan ist der 1980 entwickelte „Washlet“: ein Sitz, der sich an die unterschiedlichsten Gepflogenheiten der Nutzer*innen anpasst und das Gesäß nach dem verrichteten Geschäft durch einen warmen Wasserstrahl reinigt. Darüber hinaus entwickelte Toto eine Art Tornadospülung. Die Reinigung erfolgt dabei nicht über die jeweilige Menge, sondern durch eine spiralförmige Spülung des Wassers. Auf diese Weise ist es möglich, sämtliche Exkremente mit wenig Wasser hinunterzuspülen, weshalb diese Toiletten einen äußerst effizienten Wasserverbrauch aufweisen. Nicht zuletzt deshalb verkauft Toto seine Toiletten bisher vor allem in jene Länder, in denen das Wasser bereits knapp geworden ist oder das Geld für eine aufwändige Abwasseraufbereitung fehlt.

Die intelligente Toilette

Einen Schritt weiter geht die intelligente Toilette, die vor allem im medizinischen Bereich zur Anwendung kommt. Sie wird hauptsächlich in Kliniken installiert und kann etwa das Gewicht, den Blutdruck und den Harn-Glukosewert prüfen, Schwangerschaften feststellen und Informationen über den weiblichen Menstruationszyklus liefern. Einmal installiert, können sämtliche Messwerte an eine Cloud geschickt werden, wo die Daten analysiert und postum an das Smartphone zur Auswertung gesendet werden. Der Mehrwert jener Technologien ist jedoch fraglich. Einerseits deswegen, weil die Mediziner*innen noch immer den Werten des Blutbildes eine größere Bedeutung beimessen als jenen der Ausscheidungen, und andererseits, weil jene modernen Toilettensysteme mit einem Stückpreis von über 6.000 Euro schlichtweg zu teuer sind. Die japanischen Wissenschaftler*innen konzentrieren ihre Forschung daher auf den Dickdarm. Anders als Urin, der steril ist, enthalten Exkremente wertvolle Informationen über unseren Gesundheitszustand – das wussten bereits die Ärzt*innen der Renaissance nur allzu gut. So diente ihnen die Untersuchung von Stuhlgang und Urin als ein wichtiges Diagnoseverfahren. Auch heute weiß man: Der Kot gibt viel Auskunft über unsere Darmflora und damit über unseren Gesamtgesundheitszustand.

Mission sauberes Indien

Ein weit größeres gesundheitliches Risiko ist jedoch der Umstand, wenn die Toilette gänzlich fehlt: Laut aktuellen Schätzungen haben etwa 800 Millionen Inder*innen keinen Zugang zu Toiletten – ein kulturelles Problem. Bis heute bevorzugen die meisten Inder*innen das Defäkieren im Freien wie etwa am Ufer des Ganges, der nicht von ungefähr als giftigster Fluss der Welt gilt. Um dem entgegenzuwirken, wurde der Bau von Toiletten von der indischen Regierung zur nationalen Aufgabe erhoben. Indien ist seitdem zu einem idealen Experimentierfeld für Prototypen geworden, für Toilettensysteme, die weitaus ressourcenschonender sind als die klassischen, wasserbetriebenen Klosetts. Neben Trocken-WCs und anderen autarken Systemen hat sich dabei die Nanomembrantoilette am meisten bewährt, da diese vollkommen ohne Wasser auskommt. Sie wurde im Vereinigten Königreich entwickelt und eignet sich insbesondere für Stadtviertel ohne Kanalisation. Bei jenem System werden sämtliche Flüssigkeiten durch eine Nanomembran gefiltert, Urin und Kot werden voneinander getrennt. Während der Kot durch einen energieerzeugenden Brennvorgang zu Asche verwertet wird, verwandelt sich der Urin in steriles Wasser und kann anschließend im Haushalt oder Garten wiederverwendet werden.

Siegeszug der Toiletten

Diese vielversprechenden Technologien sind bisher nur wenigen Menschen vorbehalten. Das ist weit weniger auf gesellschaftliche Hürden als vielmehr auf die hohen Kosten zurückzuführen. Ziel sollte es daher sein, die Prototypen in eine industrielle Produktion zu überführen und auf diese Weise deren Preis zu senken. Die technischen Verfahren werden immer ausgereifter, und die Industrie erkennt zunehmend das Gewinnpotenzial dieses Wirtschaftszweigs, der sich immer mehr von allen Vorurteilen befreit hat. Insbesondere die wassersparenden sowie die autarken Toilettensysteme bergen viel Potenzial. Zahlreiche Start-ups und etablierte Toilettenhersteller entwickeln diese Technologien kontinuierlich weiter, sodass sie in Zukunft millionenfach hergestellt werden können und denjenigen Zugang zu sauberen Toiletten ermöglichen, die sie am dringendsten benötigen. In Sachen nachhaltige Entwicklung sehen die UN-Ziele vor, bis 2030 allen Menschen der Welt den Zugang zu Toiletten zu gewähren. Unterstützt von allgemeinen Paradigmenwechseln unserer globalisierten Gesellschaft und unter der Verwendung innovativer Technologien, ist die Zuversicht groß, dass bald alle ihr „Geschäft“ umweltfreundlich verrichten werden können.

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