Konjunkturumfrage WKÖ

2021 endete mit bitterem Beigeschmack

Konjunktur
18.01.2022

Der Aufschwung in den ersten drei Quartalen 2021 im Bereich Gewerbe und Handwerk bekam einen kräftigen Dämpfer. Der Lockdown am Ende des Jahres, Omikron, die höheren Material- und Energiekosten sowie der Fachkräftemangel bestimmen den Trend.
Zwei Hände eines Tischler, der ein Holzstück hobelt.

Am Beginn des vierten Quartals 2021 waren die Erwartungen der Sparte Gewerbe und Handwerk noch im grünen Bereich. Die Geschäftslage wurde von den Betrieben mehrheitlich fast so gut bewertet wie vor der Corona-Pandemie. Besonders positiv war die Entwicklung in den Bereichen Personaldienstleister und Sicherheitsgewerbe, Metalltechniker, Dachdecker sowie Kunststoffverarbeiter.

Nach dem vierten Lockdown vom 22. November bis 13. Dezember 2021 und der stärkeren Verbreitung von Omikron sieht die Sachlage jedoch ganz anders aus. "Das Jahr 2021 endete mit einem bitteren Beigeschmack" bringt es Renate Scheichelbauer-Schuster, Obfrau der Bundessparte Gewerbe und Handwerk in der Wirtschaftskammer Österreich (WKÖ) auf den Punkt. "Die Betriebe starten mehrheitlich mit einer extrem hohen Verunsicherung und negativen Erwartungen in das neue Jahr 2022". Mit ein Faktor sind die Kostenexplosionen bei Material und Energie sowie der Fachkräftemangel.

Zwei bis drei Milliarden Euro fehlen

Auf Basis der aktuellen Konjunkturumfrage der KMU Forschung Austria, die vierteljährlich im Auftrag der Sparte durchgeführt wird, geht man für 2021 von einem Sparten-Umsatz von 105 bis 106 Mrd. Euro aus. Das wären um rund fünf bis sechs Mrd. Euro mehr als im Jahr 2020 (100,4 Mrd. Euro). Damit ist zwar ein Aufwärtstrend zu erkennen, aber von den 108,3 Mrd. Euro im Jahr 2019 ist das Gewerbe und Handwerk noch immer weit entfernt. "Auf das Vorkrisenniveau fehlen noch zwei bis drei Milliarden Euro", so Christina Enichlmair von der KMU Forschung Austria. Da die definitiven Zahlen für 2021 noch nicht vorliegen, handelt es sich dabei um Schätzungen. Enichlmaier ist davon überzeugt, dass die 5,6 Prozent Umsatzplus der ersten drei Quartale von 2021 nicht gehalten werden können, "vielleicht gehen sich aber rund fünf Prozent in der Umsatzentwicklung aus".

Blitzumfrage der WKÖ

Der vierte Lockdown hat natürlich nicht alle Branchen gleich getroffen. Eine Blitzumfrage der WKÖ, durchgeführt von der KMU Forschung Austria Ende Dezember/Anfang Jänner, hat ergeben, dass 46 Prozent der Unternehmen vom Bau, Baunebengewerbe, Tischler und Metallgewerbe gar keine Auswirkungen spürten. Ernüchternd dagegen das Ergebnis der konsumnahen Branchen. Vor allem die Bereiche Friseure, Fußpflege-Kosmetik-Masseure, Berufsfotografen sowie Mode und Bekleidungstechnik waren vom Lockdown und den Beschränkungen besonders stark betroffen.

Fachkräftemangel und Lieferkettenprobleme

Die investitionsgüternahen Branchen sind so gesehen auch im 4. Quartal 2021 mit einem blauen Auge davon gekommen. Der durchschnittliche Auftragsbestand ist im Vergleich zum 4. Quartal 2020 um 25,8 Prozent gestiegen. Besonders hohe Steigerungen verzeichneten die Dachdecker, Glaser und Spengler (+38,6%), die Elektro-, Gebäude-, Alarm- und Kommunikationstechniker (+32,9%) und die Hafner, Platten- und Fliesenleger, Keramiker (+29,6%). Dazu kommt, dass 97 Prozent der Betriebe der investitionsgüternahen Branchen eine Auslastung von mehr als einer Woche haben, bei 12 Prozent der Unternehmen liegt die Auslastung sogar über zwanzig Wochen.

Unter dem Strich oft Verluste

Trotzdem ist nicht alles eitel Sonnenschein. Die Mehrheit der Betriebe (53%) könnte erst in drei Monaten zusätzliche Aufträge ausführen. Die Gründe dafür liegen zwar teils an der hohen Auslastung, doch der Fachkräftemangel und die Lieferkettenprobleme bringen oft Sand ins Getriebe. 80 Prozent der Betriebe am Bau und im baunahen Gewerbe hatten in den letzten drei Monaten mit Problemen bei der Materialbeschaffung zu kämpfen, bei den Tischlerei-Betrieben waren es sogar 93 Prozent. Aber auch mit der Auslastung ist das so eine Sache, denn die Auslastungen können oft nicht ausgeschöpft werden. Unter dem Strich muss oft ein Verlust verbucht werden.

Appell an öffentliche Auftraggeber

Insgesamt gesehen treffen die Preissteigerungen vor allem die energieintensiven Branchen mit voller Härte, wie zum Beispiel die Textilreiniger. Der Gaspreis hat innerhalb eines einzigen Jahres um das Siebenfache zugelegt. Aber nicht nur bei den Energiekosten, auch bei den Materialkosten gibt es Kostenexplosionen, von denen vorrangig die baunahen Bereiche betroffen sind. Von Dezember 2020 auf Dezember 2021 stiegen die Kosten für Metall um 71 Prozent, verzinktes Feinblech sogar um 96 Prozent. Nicht ganz so rasant, aber dennoch spürbar legten die  Kosten für Materialien der Sanitär- und Heizungsinstallateure (+11%) und für PVC-Kanalrohre (+23%) zu. Reinhard Kainz, Geschäftsführer der Bundessparte, appelliert daher an die öffentlichen Auftraggeber, auf diese Situation Rücksicht zu nehmen, "damit nicht Betriebe mitsamt ihren Beschäftigten im Fortbestand gefährdet werden".

Fachkräftemangel bleibt ein Problem

Positive Signale gibt es hingegen bei den Meister- und Lehrlingszahlen. Im Vergleich zu 2019 wurden um 25 Prozent mehr Meisterprüfungen abgelegt. Für Scheichelbauer-Schuster ein Zeichen dafür, dass es vielleicht ein höheres Interesse gibt, sich selbstständig zu machen, was auf ein Umdenken im Zuge der Krise schließen lässt. Erfreulicher Weise hat auch die Zahl der Lehrlinge zugenommen. Mit Stand Ende Dezember 2021 waren es 13.596 Lehrlinge, um 4,7 Prozent mehr als im Vorjahr. Insgesamt gibt es einen Zuwachs von 0,5 Prozent. Derzeit absolvieren 46.875 junge Menschen eine Lehre im Bereich Gewerbe und Handwerk. "Die Fördermaßnahmen des Wirtschaftsministeriums haben geholfen", freut sich Renate Scheichelbauer-Schuster, die nicht verhehlt, dass der Fachkräftemangel in der Prioritätenliste immer höher rückt. Die Ankündigung von Wirtschaftsministerin Margarete Schramböck, abermals 20 Mio. Euro für Lehrlingsförderungen zur Verfügung zu stellen, kommt daher besonders gut an. "Durch Corona wurde der Trend zwar unterbrochen, aber nicht gebrochen", so Scheichelbauer-Schuster. (ar)