Versprochen ist gebrochen
Die Regierung ist gut ein Jahr im Amt. Von der Bauwirtschaft gab es anfangs noch Vorschusslorbeeren – doch mittlerweile hat sich Ernüchterung breit gemacht: erst kam ein dürftiges Paket zum Bürokratieabbau, dann die neue Hitzeschutz-Verordnung – und nun das völlig überraschende Aus für die Förderungen von thermischen Sanierungen.
Damit hatte niemand gerechnet: Seit 2. Februar 2026 können keine Anträge mehr für den Sanierungsbonus für eine thermisch-energetische Sanierung gestellt werden. Stattdessen steht der Topf von jährlich 360 Millionen Euro nun zur Gänze für den Tausch von Heizungen zur Verfügung. Das Umweltministerium begründete diese Entscheidung damit, dass der Kesseltausch eine „deutlich höhere CO₂-Einsparung pro eingesetztem Euro erzielt“ als die thermische Sanierung.
Thermische Sanierung: Aus für Förderungen
Was die Heizungshersteller freut, stößt der heimischen Bauwirtschaft bitter auf – zumal die Förderaktion für thermische Sanierung erst im vergangenen Oktober neu eingeführt worden war. Schon damals hielt sich die Begeisterung der Baubranche in Grenzen, da die Fördersummen pro Projekt deutlich reduziert worden war. Lediglich die Tatsache, dass die neue Offensive für einen fünfjährigen Zeitraum garantiert wurde, hatte die Bauwirtschaft als erfreuliches Signal für eine längerfristige Planbarkeit positiv aufgenommen.
So kann man sich irren. „Dass nun bereits drei Monate nach Inkrafttreten der neuen Förderoffensive alle baulichen Sanierungsmaßnahmen aus dem Förderprogramm gestrichen wurden, konterkariert die Planbarkeit des Programms und zeigt, dass die Politik offensichtlich nach wie vor die nachteiligen Auswirkungen einer kurzfristigen Stop and Go-Politik unterschätzt“, meint der Bundesinnungsmeister des Baugewerbes Robert Jägersberger ernüchtert.
Er hält auch wenig von der Argumentation des Ministeriums in Bezug auf die höhere Effizienz der Förderung des Kesseltausches. „Von zahlreichen Experten wurde eindeutig klargestellt, dass ein reiner Kesseltausch ohne energiesparende Begleitmaßnahmen in der Regel wenig Sinn macht. Schließlich bleibt der Gesamtenergieverbrauch bei einem reinen Kesseltausch zu einem Großteil unverändert und es kommt lediglich eine CO₂-ärmere Technologie zum Einsatz“, verdeutlicht Jägersberger. Wesentlich sinnvoller wäre es aus seiner Sicht, auf ein Gesamtpaket zu setzen, das auch eine nachhaltige Reduktion des Energieeinsatzes bewirkt. „Ohne begleitende bauliche Maßnahmen wird dies in der Regel nicht zu bewerkstelligen sein.“
Unverständlich und frustrierend
„Es ist unverständlich und frustrierend, dass ausgerechnet jene Maßnahme zurückgedrängt wird, die dauerhaft wirkt – nämlich die Reduktion des Energiebedarfs selbst“, sagt Peter Schmid, Vorstandsvorsitzender der GDI 2050, der Interessenvertretung der Dämmstoff- und Fensterindustrie. „Ein getauschter Kessel bleibt abhängig von Energieträgern und Strom. Eine sanierte Gebäudehülle macht unabhängiger – und zwar langfristig.“ Nur die thermisch-energetische Sanierung reduziere die Verluste über die Gebäudehülle – und damit den Heizenergiebedarf insgesamt.
„Das senkt die Abhängigkeit von Energie in jeder Form: Öl, Gas, Pellets oder Strom“, so Schmid. „Wer jetzt einseitig auf den Heizungstausch setzt und die Gebäudehülle vernachlässigt, tauscht lediglich Abhängigkeiten aus, statt sie zu reduzieren.“ Laut Wien Energie sei Österreich bereits seit 2001 Nettostromimporteur. „Effizienz ist die günstigste Form von Versorgungssicherheit“, betont auch Clemens Demacsek, Geschäftsführer der GDI 2050.
All diese Überlegungen sind bei der Regierung offenbar auf taube Ohren gestoßen. So wie die Argumente gegen die neue Hitzeschutz-Verordnung, die Ende des Jahres beschlossen wurde – kurz nachdem die Regierung zuvor vollmundig ihr Paket zum Bürokratieabbau präsentiert hatte.
Regierung: Wenig Euphorie
Es ist kein Wunder, dass bei deren Bewertung durch die Bauwirtschaft rund einem Jahr nach ihrem Start wenig Euphorie zu spüren ist. „Die Regierung hat mit einem ambitionierten Regierungsprogramm einen aus meiner Sicht ordentlichen Start hingelegt“, meint Baugewerbe-Vertreter Jägersberger – um gleich einzuschränken: „Letztendlich hängt der Erfolg von der Finanzierbarkeit und der Umsetzung der geplanten Maßnahmen ab. Angesichts der Budgetmisere auf Bundes-, Landes- und Gemeindeebene schwindet die anfängliche Hoffnung jedoch zusehends.“
Anton Glasmaier Vorstandsvorsitzender von Beton Dialog Österreich und Geschäftsführer des Verbands Österreichischer Betonfertigteilwerke, klingt ebenfalls ernüchtert: „Auch ein Jahr nach Amtsantritt der aktuellen Bundesregierung ist der erhoffte Aufschwung der Baukonjunktur ausgeblieben,“ meint er. „Neben einer dringend notwendigen Belebung des Wohnbaus braucht es aus Sicht der österreichischen Zement- und Betonbranche vor allem klare politische Rahmenbedingungen, um die Bauwirtschaft zukunftsfit und klimaneutral zu transformieren.“
Dazu zählt Glasmaier drei Maßnahmen. Als Erstes wünscht er sich einen eigenständigen Bauminister, der die wesentlichen Kompetenzen rund um Bauen, Wohnen, Infrastruktur und Baustoffpolitik in einem Ressort bündelt. „Die Transformation des Bauens hin zur Klimaneutralität ist eine komplexe Querschnittsaufgabe, die derzeit auf mehrere Ministerien und Ebenen verteilt ist“, so der Vertreter der Betonfertigteil-Branche. Zudem braucht es seiner Meinung nach im Rahmen des Finanzausgleichs deutlich mehr Budgetmittel für die Gemeinden: „Sie stehen gleichzeitig vor wachsenden Herausforderungen im Bereich leistbares Wohnen, Neubau oder Sanierung öffentlicher Gebäude wie Schulen und Kindergärten sowie der Anpassung an den Klimawandel.“
Faire Behandlung von Baustoffen
Und drittens erwartet Glasmaier sich eine „faire und technologieoffene“ Behandlung von Baustoffen in Förder- und Bewertungssystemen. „In den vergangenen Jahren wurden staatliche Anreize stark auf einzelne nachwachsende Baustoffe fokussiert, während mineralische Baustoffe vielfach pauschal benachteiligt wurden.“ Er fordert einen Paradigmenwechsel in der Nachhaltigkeitsbewertung: „Nachhaltigkeit darf nicht auf die Herstellungsphase von Baustoffen reduziert werden, sondern muss den gesamten Lebenszyklus eines Bauwerks berücksichtigen – von der Errichtung über Nutzung und Instandhaltung bis hin zu Rückbau und Wiederverwertung.“ Gerade hier, so Glasmaier weiter, „zeigen mineralische Baustoffe wie Beton ihre Stärken“.
Bundesinnungsmeister Jägersberger weist auf Maßnahmen im Regierungsprogramm hin, „die kein Geld kosten und daher zügig angegangen werden sollten“. Er denkt dabei an „echte Entbürokratisierungs-Maßnahmen, die nicht sofort durch eine praxisferne Hitzeschutz-Verordnung konterkariert werden“ und der Etablierung eines neuen Baustandards „ähnlich dem bayerischen Gebäudetyp E“. Ein weiteres Thema ist ihm ein ganz besonderes Anliegen: kürzere Verjährungsfristen für Schadenersatz. „Fristen von 30 Jahren sind in einer Welt, in der sich die Bautechnik immer schneller entwickelt, aus der Zeit gefallen“, meint Jägersberger. „Wir verarbeiten Materialien, wo die Produkthaftung zehn Jahre beträgt, müssen aber 30 Jahre für die von uns erbrachte Leistung haften. Das ist nicht praxistauglich.“



