Grenzen zwischen Maschine und Werkzeug verschwimmen
Während vielfach Investitionen in Baumaschinen zurückgehalten werden, erlebt der Markt für Anbaugeräte und Schnellwechsler momentan enormen Aufwind. Unter anderem, weil sich dank der Systeme aus einem einfachen Bagger eine Basis für unterschiedlichste Anwendungsszenarien machen lässt. Die Zukunft verspricht dank künstlicher Intelligenz und automatisierter Vernetzung weitere Produktivitätssteigerungen.
Stagnierende Auftragslage, steigende Kosten und ein Mangel an fachkundlichem Personal – die Situation der heimischen Baubranche ist auch im gerade gestarteten Jahr 2026 alles andere als gut. Dennoch – möglicherweise auch gerade deshalb – entwickelt sich der Markt für Anbaugeräte und Schnellwechsler aktuell sehr gut. Digitalisierung und Automatisierung prägen die Produktentwicklung, Hersteller setzen dabei auf intelligente Lösungen, welche die Produktivität messbar steigern sollen.
„Die Bauwirtschaft in Österreich steht unter Druck. Das gilt auch für viele andere europäische Märkte. Hohe Zinsen, zurückhaltende Investoren und verschobene Wohnbauprojekte bremsen den Absatz neuer Maschinen“, erläutert etwa Katinka Kincses, Product Manager Attachments bei Bobcat. „Das wirkt sich zwangsläufig auch auf Anbaugeräte und Schnellwechsler aus. Doch damit endet die Geschichte nicht. Österreichische Bauunternehmen sind pragmatisch. Statt Maschinen stillzulegen, suchen sie nach Lösungen. Sie mieten häufiger, kaufen Gebrauchtmaschinen und holen das Maximum aus ihren bestehenden Flotten heraus.“
Während Bauunternehmen also bei Neuinvestitionen in Trägergeräte vielfach zögern, steigt die Nachfrage nach Anbaugeräten. Wenig Wunder, kann ein Bagger mit Schnellwechsler und verschiedenen Werkzeugen doch gleich mehrere Spezialmaschinen ersetzen. Mit einem breiten Spektrum an Anbauwerkzeugen lässt sich ein Trägergerät für zahlreiche Aufgaben nutzen – von Aushub und Materialtransport bis zu Präzisionsarbeiten. Wodurch sowohl die Anschaffungskosten als auch der Transportaufwand und Koordinationsbedarf gesenkt werden können.
Gut gefüllte Auftragsbücher
„Schnellwechselsysteme haben sich als Standard etabliert. Egal ob als hydraulisches System – mit manuellem Schlauchwechsel – oder als Schnellwechselsystem mit automatischer Kupplungsfunktion, wie beispielsweise unser „HUPPQuick“-System“, verweist Manuel Grabher, Head of Marketing bei Huppenkothen. Der Absatz von Anbaugeräten erlebe dem Branchenkenner zufolge aktuell „keinen Einbruch“. „Der Markt an Anbaugeräten wächst und der Bagger entwickelt sich vom reinen Grabgerät hin zu einem Multifunktionstool.“
Die Stimmung in der Branche sei gemischt, „trotz teilweise gut gefüllter Auftragsbücher“, befindet wiederum Martin Mizerovsky, seines Zeichens Geschäftsführer Kiesel Austria. „Die Marktlage für Anbaugeräte und Schnellwechsler in Österreich ist derzeit angespannt, aber mit ersten Stabilisierungstendenzen. Die Bauwirtschaft bleibt 2026 unter Druck, was Investitionen bremst, doch einzelne Segmente – insbesondere Modernisierung, Infrastruktur und Ersatzbeschaffung – zeigen leichte Erholungssignale.“
In der Baubranche sind die Anforderungen an Baumaschinen heute so hoch wie nie zuvor. Um den unterschiedlichen Herausforderungen auf Baustellen gerecht zu werden, spielt die Vielseitigkeit der Einsätze eine entscheidende Rolle. Liebherr bietet beispielsweise eine Kombination aus Baumaschine, Anbauwerkzeug und Schnellwechselsystem, um eine Vielzahl von Anwendungen effizient zu bedienen. Im vergangenen Jahr präsentierte das Unternehmen etwa den Mehrschalengreifer „GMM 20-5“, der mit extremer Belastbarkeit und hoher Widerstandsfähigkeit punkten soll. Große, strömungsoptimierte Ölkanäle ermöglichen beim Mehrschalengreifer hohe Arbeitsgeschwindigkeiten und dadurch einen effizienten Maschinenbetrieb.

Vernetzte Systeme
Ein zentraler Trend bei Schnellwechslern und Anbausystemen ist mittlerweile die Integration von digitalen Funktionen in Anbaugeräte und Schnellwechsler. Während Baumaschinen seit Jahren mit Telematik und Flottenmanagementsystemen arbeiten, holen nun auch Anbaugeräte auf. Intelligente Sensorik, IoT-Anbindung und digitale Identifikation erlauben es, Zustandsdaten direkt zu erfassen, Wartungsintervalle zu prognostizieren und die Nutzung effizienter zu planen.
„Früher war ein Anbaugerät vor allem eines: Stahl. Ein Löffel, ein Hydraulikhammer, vielleicht ein Greifer. Robust, aber ohne Intelligenz. Diese Zeiten ändern sich schnell. Heute verwandeln Digitalisierung und Konnektivität Anbaugeräte in intelligente Partner“, unterstreicht Bobcat-Managerin Kincses. Die Geräte seien dadurch nicht mehr passiv, sondern aktiv in den Arbeitsprozess eingebunden. „Aus Sicht des Produktmanagements bleibt Stahl wichtig. Doch Software und Sensorik sind hinzugekommen. Bei Bobcat entwickeln wir Anbaugeräte als integrierte Systeme. Elektronik, Hydraulik und Maschinenintelligenz greifen ineinander. Das Anbaugerät ist Teil des Systems – nicht nur ein Zubehörteil. Konnektivität ist dabei der entscheidende Treiber.“
Dementsprechend seien Anbaugeräte von Bobcat „als echte Plug-and-Play-Lösungen konzipiert“. „Viele Laderanbaugeräte arbeiten mit dem Attachment Control Device (ACD, Anm.d.Red.). Diese Technologie erkennt automatisch, welches Anbaugerät angeschlossen ist. Die Maschine lädt selbstständig die passenden Hydraulik- und Steuereinstellungen. Der Bediener muss nichts einstellen. Die Maschine weiß, wie sie optimal arbeiten soll.“ Genau hier sieht Bobcat die Zukunft, betont die Managerin. „Automatische Erkennung. Automatische Anpassung. Digitale Anzeigen. Ziel ist es, Komplexität zu reduzieren und gleichzeitig die Produktivität zu steigern. Im Idealfall reagiert die Maschine sofort und signalisiert: Ich kenne dieses Werkzeug – und ich nutze es optimal.“ Digitalisierung beeinflusse die Entwicklung von Anbaugeräten nicht nur, „sie definiert sie neu“.

Fehlbedienung vermeiden
Dies sieht Mizerovsky ähnlich. „Automatische Werkzeugerkennung und automatische Einstellung der Hydraulikparameter wird künftig immer wichtiger – Schäden durch Fehlbedienung/falsche Parameterauswahl durch den Fahrer werden vermieden.“ Digitalisierungslösungen seien „genaugenommen auch Anbaugeräte“, welche die Baumaschine als Geräteträger ergänzen würden. „Neben den klassischen Anbaugeräten kann zum Beispiel die Maschinensteuerung den Arbeitsprozess deutlich vereinfachen und den Ablauf auf ein neues Level heben.“ Maschinen könnten somit vernetzt arbeiten und würden zentral über eine Cloud mit den gleichen Daten versehen. Womit „Zeit und Kosten“ gespart würden und Personalressourcen weniger stark gebunden würden.
Hersteller wie beispielsweise Rototilt oder HKS Dreh-Antriebe treiben diese Entwicklung voran, indem sie mechanische Systeme mit digital unterstützten Schnittstellen kombinieren. Parallel dazu arbeitet die Branche an offenen Standards, die eine herstellerübergreifende Kompatibilität zwischen Schnellwechslern und Werkzeugen ermöglichen sollen. Für Distributoren wie beispielsweise Kuhn Baumaschinen ein wichtiger Vorteil, wächst doch seitens der Kund*innen die Nachfrage nach Lösungen, die Flexibilität und Kosteneffizienz verbinden.
„Schnellwechsler gehören zu den größten Produktivitätsgewinnen der letzten Jahre“, unterstreicht Kincses. „Ich nenne sie gern die Boxencrew der Baustelle. Sie minimieren Stillstand und halten die Maschine im Einsatz. Der wichtigste Vorteil ist die Geschwindigkeit. Früher bedeutete ein Werkzeugwechsel: aussteigen, schwere Bolzen bewegen und wertvolle Zeit verlieren. Heute dauert der Wechsel nur Sekunden.“ Bediener*innen könnten dabei in der Kabine bleiben. „Ein Anbaugerät wird abgelegt, das nächste aufgenommen und sicher verriegelt. Dann geht die Arbeit weiter.“ Über den Tag gerechnet würden dabei aus „Minuten schnell mehrere Stunden zusätzlicher Arbeitszeit“. Allerdings sei Zeit nur ein Faktor. „Es geht auch um Effizienz und Komfort.“ Bediener*innen könnten im sicheren Arbeitsumfeld der Kabine bleiben. „Das erhöht nicht nur die Produktivität, sondern auch die Arbeitssicherheit.“ Ein weiterer Vorteil sei die Vielseitigkeit. „Schnellwechsler ermöglichen es, mit weniger Maschinen mehr Aufgaben zu erledigen.“
Gerätewechsel in Minuten statt Stunden
„Durch den schnellen Werkzeugwechsel kann für jede Anwendung innerhalb der kürzesten Zeit das richtige Anbaugerät/Werkzeug montiert werden“, unterstreicht auch Huppenkothen-Manager Grabher. „Die Hemmschwelle eine Werkzeugwechsels ist viel geringer“, da nicht ausgestiegen und manuell gekuppelt werden müsste, darüber hinaus werde die Effektivität und Produktivität erhöht. „Zudem reduziert es den Verschleiß bei Verwendung eines falschen Anbaugerätes für die entsprechende Aufgabe. Der Markt an Anbaugeräten wächst und der Bagger entwickelt sich vom reinen Grabgerät hin zu einem Multifunktionstool.“
Schnellwechsler sind „der Schlüssel zum Glück“ meint indes Kiesel-Geschäftsführer Mizerovsky . „Nur durch den Einsatz vollhydraulischer Schnellwechsler wird der Bagger zum multifunktionalen Geräteträger. Es gibt für nahezu jede Anwendung ein Anbaugerät. Der Schnellwechsler ist entscheidend, um Anbaugeräte schnell und einfach wechseln zu können.“ Es sei für Bauunternehmen „zwingend erforderlich, den Bagger zum Geräteträger auszurüsten“. Nur so könnten „Handarbeit-Prozesse“ mechanisiert werden, betont der Branchenkenner. „Durch Mechanisierung der Baustelle werden Bauprojekte wirtschaftlich und effizient umgesetzt.“
Ein anderer Trend steckt noch in den Kinderschuhen, wird aber zunehmend wichtiger – künstliche Intelligenz. „KI wird auch bei der Optimierung beim Einsatz von Anbaugeräten eine große Rolle spielen. Damit beschäftigen wir uns intensiv und haben vor wenigen Wochen zentrale Innovationen angekündigt“, so Kincses. Unter anderem kündigte Bobcat im Rahmen dessen eine On-Machine-KI-Funktion für kompakte Baumaschinen an, den „Bobcat Jobsite Companion“. „Die Prototyp-Technologie unterstützt Bediener in Echtzeit. Sie automatisiert alltägliche Maschinenaufgaben und erleichtert den Arbeitsalltag. Fragen oder Sprachbefehle genügen. Das System reagiert über Sprache und Display.“
KI-optimierte Geräteeinstellungen
Der Jobsite Companion passe Anbaugeräte-Einstellungen automatisch an die Umgebung an und gebe praxisnahe Handlungsempfehlungen. „Zudem automatisiert es mehr als 50 Funktionen. All das, ohne dass die Hände von den Bedienelementen genommen werden müssen.“ Die Technologie basiere auf einem proprietären KI-Large-Language-Model von Bobcat und laufe vollständig direkt auf der jeweiligen Maschine. „Eine Cloud-Anbindung ist nicht erforderlich. So bleibt das System auch auf abgelegenen oder netzschwachen Baustellen voll funktionsfähig.“ Die Lösung sei die „bedeutendste Weiterentwicklung der Benutzeroberfläche seit fast zwei Jahrzehnten“. „Es ist nicht nur intelligentere Technologie. Es ist ein intelligenteres Nutzungserlebnis mit Expertenwissen direkt in der Kabine.“ Zwar sei die Lösung „derzeit noch ein Prototyp“, ohne kommerzielle Verfügbarkeit. „Die Technologie wird jedoch konsequent in Richtung Markteinführung weiterentwickelt.“
Anbaugeräte und Schnellwechselsysteme sind heute entscheidende Faktoren für Effizienz und Wettbewerbsfähigkeit. Ihre Ausgestaltung (robust, digital vernetzt und interoperabel) wird darüber bestimmen, wie Bauunternehmen künftige Herausforderungen meistern. Die Hersteller – von Bobcat über HKS, Huppenkothen, Kiesel, Kinshofer, Kuhn Baumaschinen, Liebherr, Rädlinger, Rototilt, Westtech, Wimmer Hartstahl bis Winkelbauer – bieten hier Lösungen, die Produktivität messbar steigern und Kosten senken.




