Reden statt streiten
Jährlich gehen am Bau Milliarden-Beträge durch Streitereien und Konflikte drauf. Experten haben eine klare Meinung: Streiten ist menschlich, Reden klug. Mit einem professionellen Konfliktmanagement lässt sich viel Geld sparen.
„Streiten ist im Privatleben völlig normal und muss ja nicht schlecht sein“, meint Josef Ketter. Kleiner, aber wichtiger Nachsatz: „Wenn es danach zu einer Versöhnung kommt.“ Was im Privaten als reinigendes Gewitter dienen kann, empfiehlt der Konfliktmanager und Mediator im Geschäftsleben eher weniger: „Im Kontext von Unternehmen ist Streiten kontraproduktiv, weil es meistens einen Gewinner und einen Verlierer gibt – oder zumindest fühlt sich jemand als Verlierer.“ Und das, so Ketter weiter, wirke sich negativ auf die weitere Zusammenarbeit aus. Sein eindeutiger Ratschlag: „Deshalb empfehlen wir nicht zu streiten, sondern miteinander zu reden.“
Konflikte am Bau
Gerade die Bauwirtschaft ist anfällig für Konflikte. Enge Zeitpläne, hohe finanzielle Risiken, komplexe Vertragswerke und zahlreiche beteiligte Akteure schaffen ein Umfeld, in dem Missverständnisse und Interessenkonflikte nahezu systemisch angelegt sind. Die finanziellen Auswirkungen sind erheblich. Eine Studie aus dem Jahr 2015 beziffert die jährlichen Konfliktkosten in der deutschen Bauwirtschaft mit rund 40 Milliarden Euro. Darin enthalten sind Anwalts- und Gerichtskosten, interne Ressourcen, Sachverständigenhonorare sowie weitere Verfahrenskosten. Um diese abzudecken kalkulieren die Unternehmen mit ein. Laut Ketter, der selbst im Baumanagement tätig ist, habe man früher einen Risikoaufschlag von drei Prozent einkalkuliert. Heute liege dieser bei 3,5 bis 5 Prozent.

Copyright: beigestsellt
Dennoch beschäftigen sich laut ihm vorliegenden Daten nur etwa 22 Prozent der Geschäftsführungen aktiv mit Konfliktmanagement. „Der Großteil lässt es laufen“, sagt Ketter. „Führungskräfte sind häufig zeitlich stark eingebunden oder verfügen nicht über die notwendige Ausbildung in Konfliktführung.“ Er bietet einen Workshop und einen Aufbaulehrgang an, in denen die notwendigen Skills vermitteln werden.
Für den Experten beginnt professionelles Konfliktmanagement daher nicht erst mit der Eskalation, sondern deutlich früher – mit der Konfliktvermeidung. „Einen Konflikt, den es nicht gibt, muss ich nicht lösen“, meint er. Zentrale Voraussetzung dafür sei, die Zuständigkeiten und Aufgaben im Projekt glasklar festzulegen: Wer liefert wann was wie? Auf Baustellen laufen viele Prozesse parallel. Entscheidungen werden oftmals m Gespräch getroffen, mehrere Personen fühlten sich angesprochen – am Ende ist nicht eindeutig definiert, wer wofür verantwortlich ist. „Das ist ein klassischer Auslöser für Konflikte“, so Ketter. Ebenso wichtig sei es, Erwartungshaltungen offenzulegen und Kommunikationslücken zwischen Baustelle, Büro und Auftraggeber zu schließen. Auch kulturelle und sprachliche Missverständnisse müssten frühzeitig thematisiert werden.
Gutes Frühwarnsystem
Der zweite Schritt ist ein funktionierendes Frühwarnsystem. „Konflikte entstehen nicht abrupt, sondern kündigen sich an“, warnt Ketter. Typische Signale seien ein gereizter Tonfall, Sarkasmus, auffälliges Schweigen oder „Dienst nach Vorschrift“. Auch ein zunehmend formeller oder schärferer Schriftverkehr kann ein Indikator sein. Ketter empfiehlt in dieser Phase eine Drei-Fragen-Regel: Was läuft hier gerade schief – auch unter der Oberfläche? Warum ist dieses Thema jetzt so wichtig für die andere Person? Und: Was kostet uns dieser Konflikt, wenn er weiterläuft? Insbesondere die letzte Frage sollte aus seiner Sicht den wirtschaftlichen Blick schärfen und verdeutlichen, dass Nichtstun ebenfalls Kosten verursacht.
Ist der Konflikt bereits offen ausgebrochen, sieht der Experte als dritten Schritt die Deeskalation: „Drohungen, Machtspiele oder das Beharren auf der eigenen Rechtsposition verschärfen die Situation.“ Ebenso wenig zielführend seien Gespräche „zwischen Tür und Angel“. Stattdessen gelte es, Personen und Probleme klar zu trennen. Hilfreich sei es, den Fokus auf Interessen statt auf Positionen zu legen, aktiv zuzuhören und gemeinsame Ziele zu betonen. Ein gutes Beispiel für diesen Zugang ist aus seiner Erfahrung folgende Frage: „Was brauchen Sie, damit wir das sauber lösen können?“
Mediation versteht Ketter als strukturiertes, freiwilliges und vertrauliches Verfahren, bei dem eine neutrale Person die Beteiligten dabei unterstützt, eigenverantwortlich Lösungen zu entwickeln. Anders als in Gerichts- oder Schiedsverfahren treffe der Mediator keine Entscheidung. Ketter: „Gerade in der Bauwirtschaft, in der die Parteien häufig auch nach einem Konflikt weiter zusammenarbeiten müssen, ist dieser Ansatz sehr zielführend.“




