Design von „Handgedacht": Da steckt Jazz drin

Zwischen „Patchwork-Design“ und kompletten Raumkonzepten entwickeln Martin Aigner, Moritz Schaufler und Benjamin Sodemann mit ihrem Label Handgedacht maßgeschneiderte Kundenlösungen mit prägnanter Handschrift. 

07.03.2018
Einrichtung
Thomas Prlic
© Thomas Steinert

Die Konstruktion des Küchenschranks erinnert an einen Werkzeugkoffer.

© Thomas Steinert

Bei der Aufbewahrungstruhe tüftelten die Tischler lange an einer Grifflösung – und frästen dann einfach einen Kreis in die Multiplex-Fronten.

© Thomas Steinert

Aus Plattenresten, gebrauchten Fenster- und Türelementen entstand eine Büroeinrichtung.

Man nehme ein paar alte Möbelteile, viel Einfallsreichtum, eine ordentliche Prise Improvisationstalent und jede Menge handwerkliches Geschick – und mache daraus eine neue Einrichtung. „Patchwork-Design“ nennen Martin Aigner, Moritz Schaufler und Benjamin Sodemann vom Wiener Tischler- und Gestaltungskollektiv Handgedacht dieses Arbeitsprinzip. 
Die Idee dahinter ist, bei einem Projekt die Ressourcen des Auftraggebers in den Entwurf mit einzuplanen. So kann der Kunde etwa gebrauchtes Holz und Möbelelemente zur Verfügung stellen oder bei der Montage selbst mit Hand anlegen – je nach Verfügbarkeit und individuellen Wünschen wird dann das Einrichtungskonzept umgesetzt. Auf diese Weise haben die drei Tischler schon einmal aus Plattenresten aus der eigenen Werkstatt sowie gebrauchten Fenster- und Türelementen ein Büro neu eingerichtet. Oder die schon etwas in Mitleidenschaft  gezogenen Teile einer 50er-Jahre-Küche innerhalb von zwei Tagen zu einer neuen Küche „kompiliert“.

Die Kunst der Improvisation

Natürlich ist für so eine Arbeitsweise auch viel Vertrauen auf der Kundenseite notwendig. Dabei bedeutet das Patchwork-Konzept nicht unbedingt, dass ein Projekt besonders kostengünstig umgesetzt wird. Statt hoher Materialkosten fällt dafür beispielsweise mehr Arbeitszeit beim Aufbau an. Die neue 50er-Jahre-Kücheninterpretation ist etwa komplett vor Ort neu entstanden. „Um so etwas professionell umsetzen zu können, muss man schon auch handwerklich fit sein“, sagt Benjamin Sodemann. „Aber die Art zu arbeiten macht natürlich auch Spaß“. Sein Mitstreiter Martin Aigner vergleicht das spontane, oft intensive Patchwork-Arbeiten mit Musik machen: „Das ist fast wie beim Jazz, dabei zählt auch die Kunst der Improvisation. Und wenn der Jazz einmal Fahrt aufnimmt, dann geht es so richtig ab.“
Seit drei Jahren arbeiten Aigner, ­Schaufler und Sodemann mit ihrem Label Handgedacht an der Umsetzung von großen und kleinen Einrichtungskonzepten. Das „Patchworken“ macht dabei nur einen Teil der Aufträge aus. Ansonsten plant und fertigt das Team die ganze Tischler-Bandbreite – einzelne Möbelstücken wie etwa Regale ebenso wie Küchen, Wohnräume, Büros oder Messestände. Als „Tischlerei & Gestaltungsbüro“ beschäftigt man sich dabei zunehmend auch mit kompletten Raumkonzepten. 

Handschrift Marke Handgedacht

Geplant und getischlert wird in einer Werkstatt in den Wiener Gürtelbögen (unter der U-Bahnlinie 6), in denen sich das Team – mitsamt zweier Lehrlinge – eingemietet hat. Bis auf eine umfangreiche Ausstattung an Hand- und Elektrowerkzeugen sowie Standardmaschinen wie einer Formatkreissäge verzichten die drei – nicht nur aus Platzgründen – bewusst auf einen Hightech-Maschinenpark. Gefräste Platten und ähnliche Materialien, die man nicht selbst verarbeiten kann, kauft das Handgedacht-Kollektiv vorgefertigt beim Zulieferer. In der kleinen Werkstatt wird trotzdem intensiv gesägt, geschliffen und gebohrt. 
„Wir nutzen die Zulieferer einfach in bestimmten Bereichen als verlängerte Werkbank. Dank der Digitalisierung und der entsprechenden Onlineshops bieten sich hier viele Möglichkeiten – und wir sind ja trotzdem Handwerker“, sagt Benjamin Sodemann. Er kümmert sich mit seinem Kollegen Moritz Schaufler vor allem um das Tagesgeschäft, während Martin Aigner hauptverantwortlich für die Planung ist – und so auch den „regulären“ Projekten abseits der gejazzten Baustellenimprovisationen die charakteristische Handschrift Marke Handgedacht verleiht. 

Überraschende Details

Zu Beginn eines jeden Projekts steht dabei ein intensives Erstgespräch mit dem Kunden. Die weitere Umsetzung versteht ­Aigner als gemeinsamen Gestaltungsprozess, bei dem er sich aber sehr aktiv mit eigenen Ideen und Konzepten einbringt. „Ich kann gut mit kniffligen Räumen umgehen und hebe dann oft einen Aspekt hervor, der den Kunden überrascht“, sagt ­Aigner. So sorgt etwa bei einem Küchenprojekt ein leichter Knick im Küchenblock dafür, dass der Koch am Herd gleichzeitig den Gästen zugewandt ist – und nicht einfach nur die Wand anstarrt. Statt einem durchgehenden Linienraster bestimmen unterschiedliche Ladenhöhen das Frontbild der Unterschränke. Geöffnet werden die Laden über Griff-Nischen, die in den Höhen versetzt angeordnet sind und so dem gesamten Kochbereich sein charakteristisches Design verleihen. Der große Schrank gegenüber bietet auch auf der Türinnenseite jede Menge Stauraum und erinnert mit den eigens angefertigten Türbändern eher an einen Werkzeugkoffer denn an einen typischen Schrank. „Wir wollten hier eine Werkstattlösung und keine typische Küchenlösung“, sagt Aigner. 

Möbel wie ein Maßanzug

Eine nicht alltägliche Funktions- und Gestaltungslösung fand das Handgedacht-Team auch für ein anderes Küchenprojekt. Dabei integrierten sie das Kochfeld in ein leichtes, tragbares Untergestell, das sich je nach Platzbedarf in der Küche versetzen lässt. Wenn der Essbereich erweitert werden soll, wird das darauf platzierte Kochelement einfach woanders abgestellt. Das zur Küche gehörende Regal wiederum besteht aus einer Rückwand mit Loch-Raster, in dem sich Stäbchen als Halterungen für die Regalbretter flexibel anordnen lassen. Für einen besseren Halt der Bretter sind die Stäbchen um zwei Grad nach innen geneigt – effektiv, aber für den Benutzer kaum sichtbar. 
„Jede unserer Lösungen ist wie ein Maßanzug für den Kunden“, beschreibt ­Martin Aigner die Arbeit an solchen Möbelkonzepten. Dabei verleihen immer wieder einzelne, schlau durchdachte Details den Möbeln einen gestalterischen „Dreh“ – und drücken so einem Projekt den charakteristischen Stempel auf.  
So entwickelte man etwa ein einfaches, schnell aufbaubares Bücherregal, das nur zwischen Boden und Decke eingespannt ist – und dafür in der Breite flexibel anpassbar und multiplizierbar ist. Für einen Badezimmerausbau wiederum setzte man auf eine asymmetrische Linienführung in der Front­ansicht. Die aus weißen Multiplex-Platten bestehenden Elemente sollten sich dabei durch kreisrunde, ausgefräste Grifflöcher öffnen lassen. Eine kleine, Knick-artige Ausnehmung in einer der Ladenfronten für die Kabelführung des Föns und die Anordnung der Verschnittlinien der Laden- und Tür­fronten ergeben hier zusätzliche, markante Designdetails. 
Auch die Grifflösung bei dem Projekt für eine runde Aufbewahrungstruhe ist nicht ganz alltäglich – und dabei ebenso funktional wie gestalterisch passend: Als Griff für die einzelnen Schubladen dient hier einfach ein in die Multiplex-Fronten eingefrästes Kreiselement. Die Idee dazu entstand nach langem Tüfteln erst in der Werkstatt. „Eine Multiplex-Platte schaut als Material lässig aus, und sie ermöglicht außerdem solch eine Flexibilität“, sagt Benjamin Sodemann. „Man muss damit gewisse Entscheidungen für Details nicht schon in der Planungsphase treffen.“ Und so bleibt auch bei vorab gut durchkonzipierten Einrichtungsprojekten noch Platz für Spontanität. Wer den Tischlerjazz einmal im Blut hat, der wird ihn eben so schnell nicht mehr los. 
www.handgedacht.wien 

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