Nützliche Bilder

30.03.2016

Architekturfotografie und ihr medialer Kontext Auch wenn die Fotografie die tatsächliche Wirkung von Architektur nicht wiedergeben kann, war und ist sie eine unentbehrliche Komplizin ihrer Vermittlung. Kein Architekturvortrag, keine Werkmonografie, kein analoges oder digitales Architekturmedium, kein Portfolio kommt ohne Bilder aus, ja oft sind sie das Einzige, das von der medial vermittelten Architektur im Gedächtnis bleibt.

Was wird gezeigt, was ausgespart und was verdeckt? Schon mit der Wahl des Kamerastandpunkts werden für die Aussage des Bildes wesentliche Entscheidungen getroffen.

Wie sehr die Rezeption von Bauwerken von ikonischen Fotografien geprägt ist, zeigt sich, wenn man in der direkten Anschauung eines Gebäudes die eigenen Sinneseindrücke mit den gespeicherten Bildern abzugleichen sucht – und zur Kenntnis nehmen muss, um wie viel kleiner beispielsweise eine Villa von Le Corbusier in natura wirkt. Doch die offensichtliche Inkongruenz zwischen abgebildeter und erlebter Architektur verhalf der Architekturfotografie im Verlauf des 20. Jahrhunderts dazu, die Trennung zwischen objektiver und subjektiver Fotografie immer wieder zu überwinden.

Bilderskepsis und Bilderrausch 

Die normativen Muster didaktischer Repräsentation von Architektur (wolkenloser Himmel, Menschenleere, freigestellter Baukörper) sind längst einem viel breiteren Spektrum fotografischer Interpretation des Gebauten gewichen. Und doch hat die leichte Konsumierbarkeit und die Eigendynamik von Bildern immer wieder Zweifel an der fotografischen Vermittlung von Architektur genährt. Noch in den 1950er-Jahren äußerte sich der Kirchenbaumeister Rudolf Schwarz abfällig über den Ästhetizismus des Mediums und bezeichnete den Fotoapparat als „eine Maschine, die an einem bestimmten Punkt aufgestellt wird und nur durch ein einziges Auge einen großen Raum anstiert. Wir haben uns alle vielleicht noch nicht klargemacht, wie inadäquat und im Grunde unwürdig diese Methode ist.“ Seine Verweise auf die Werkgerechtigkeit fotografieloser Fachbücher des 18. Jahrhunderts verkannten in ihrer nostalgischen Zurückweisung den interpretatorischen Spielraum eines Mediums, das die Verbreitung von Architektur zunächst nur zu beschleunigen schien. 
Die Macht der Bilder und ihre ohnmächtige Zirkulation in Massen-, Fach- oder Special-Interest-Medien hat schließlich in den vergangenen Jahren nicht nur ein vielbeklagtes leeres Rauschen erzeugt, sondern auch zu einer Verschiebung des Aufmerksamkeitspegels geführt. Gemeinsam mit den Bauten, die auf den schnellen Bildeffekt setzten, verloren auch die sie umwerbenden Fotos allmählich ihren Glanz, beinahe so, als hätte die Flut makelloser Bilder in ihrer Tendenz zur Nivellierung mit Erfolg an das Diskriminierungsvermögen der Betrachter appelliert. Dank dieses Blickwechsels wird Architekturfotografie, die stets mit ihrer Rolle als sekundäre Dienstleistung rang, stärker als eigenständige Disziplin wahrgenommen, die ihren Standpunkt behauptet und von der gebauten Umwelt ihre eigenen Geschichten erzählt. Leichter als früher – so scheint es zumindest – kann die Architekturfotografie heute die „neutrale“ dokumentarische Pose verlassen, um die sozialen, kulturellen und situativen Hintergründe von Architektur zu erkunden und die Irregularitäten des Alltags auch im Bild bestehen zu lassen.

Fotorealismus im Rendering

Die Architekturfotografie verspielt ihre Freiheit, wenn sie sich gegenüber dem perfekten Illusionismus von Renderings zu behaupten hat. Das gibt es tatsächlich: Damit das Rendering kein leeres Versprechen bleibt, wird nach Beendigung der Bauarbeiten ein Beweisfoto gemacht. Dieses Foto, das unvollkommener als die fotorealistische Visualisierung auszusehen hat, damit es als Realitätsnachweis durchgeht, ist dann der Beleg, dass das täuschend Echte tatsächlich da steht, und zwar so wie zu Vermarktungszwecken auf dem Rendering behauptet. Da das niemals funktioniert, kommen immer mehr anbiedernde Requisiten zum Einsatz, die den Parallelismus zwischen Visualisierung und Foto verstärken. Selbst der Hund, der schon im Schaubild häusliche Behaglichkeit suggerierte, ist im Foto an der gleichen Stelle platziert. Das Foto interpretiert nicht mehr das Gebaute, sondern bestätigt die Ästhetik des Renderings, das seinerseits auf der Klischeevorstellung eines Fotos beruht. Auf solche Konkurrenzen der einander bestätigenden Werbebilder muss sich die Architekturfotografie zum Glück nur selten einlassen, steht ihr doch ein Interpretationsraum zur Verfügung, der über den Imperativ der Vermarktung weit hinausgeht.

Vom Nutzen der Architekturfotografie

Die von Angelika Fitz und Gabriele Lenz im Auftrag der ig-architekturfotografie herausgegebene Publikation „Vom Nutzen der Architekturfotografie“ zeigt sehr anschaulich, um wie viel freier und beweglicher das Verhältnis zwischen Architektur und Fotografie in den letzten Jahren geworden ist. Anhand von zehn um verschiedene Aspekte des „Nutzens“ angelegte Episoden blitzen in den ausgewählten Bildbeispielen von insgesamt 20 österreichischen Architekturfotografen die gesellschaftlichen Verhältnisse auf, in denen Architektur produziert, genutzt und vermittelt wird. Dabei wurde im Sinne einer Auffächerung der Bandbreite des Genres nicht zwischen Auftragsarbeiten und freier Fotografie unterschieden. Dass bereits die Wahl des Standpunkts und Bildausschnitts einen ironischen Kommentar zu einer baulichen Situation enthalten kann, lässt sich etwa in einer Aufnahme von Gisela Erlacher nachvollziehen, in der ein eingefalteter Sonnenschirm das Eingangsportal des Kunstforums auf der Wiener Freyung verdeckt; in diesem Bild, das subtile strukturelle Verflechtungen zum Thema hat, muss die goldene Kugel von Gustav Peichl unsichtbar bleiben. Lukas Schaller hat in der „Cité Manifeste“ die Gunst eines Augenblicks genutzt und die gerüsthaft kühle Struktur der Reihenhaussiedlung unter bedecktem Himmel in eine flüchtige Szene über die Nutzungsbeziehung zwischen Raum und Mensch gebettet. Pez Hejduk kontextualisiert die „Mountain Dwellings“ pathosfrei mit der flachen peripheren Stadtlandschaft Kopenhagens, und Margherita Spiluttini bringt die Mehrschichtigkeit einer Bar mit Sesseln, die aus der Reihe tanzen, unprätenziös zur Wirkung. Stefan Oláh nahm (in Anlehnung an Ed Ruschas „Zwentysix Gasoline Stations“) 26 Wiener Tankstellen auf, die aus dem Stadtbild zu verschwinden drohen. Diese Serie ist derzeit auch Teil der Ausstellung „Zoom. Architektur und Stadt im Bild“, die im Architekturzentrum Wien das kritische Potenzial fotografischer Bestandsaufnahmen entfaltet, die sich Themen jenseits der klassischen Objektdokumentation zuwenden. 

Bild im Alleingang

Da das Sinnangebot eines Bildes nie ganz eindeutig ist, wird seine Aussage vom Kontext seiner Verwendung mitbestimmt. Dieser Kontextabhängigkeit medial verwerteter Bilder wird erstaunlicherweise kaum Beachtung geschenkt, obwohl gerade Architekturfotografie tendenziell auf Serialität angelegt ist. Das emblematische einzelne Bild – the one shot – ist im Produktionszusammenhang, nicht aber in der medialen Verwertung der Ausnahmefall. Über Anzahl, Auswahl und Zusammenstellung von Fotografien wird in Redaktionen je nach Budget und Blattlinie entschieden: Architekturzeitschriften, die sich der Veröffentlichung neuer Bauwerke verschrieben haben, inszenieren – als Kompensation der Zweidimensionalität des Mediums – sequenzielle Bewegungsmuster, meist wird eine Baubegehung (schrittweise Annäherung an ein Gebäude, Umrundung und Durchschreiten des Objekts, Tag- und Abendansichten) nachgestellt. Da der in der Fotoserie simulierte Gebäuderundgang meistens auch die textliche Auseinandersetzung mit Architektur stützt, verdoppeln sich in gewisser Weise visuelle und sprachliche Information. Im ungünstigen Fall bestätigt die Baubeschreibung, was im Bild zu sehen ist, im günstigen Fall erhellt der Text Aspekte des Objekts, die im Bild eben nicht zu sehen sind, während das Foto wiederum etwas zum Vorschein bringt, das sich der sprachlichen Wiedergabe entzieht. 

Bildunterschriften

Aber selbst wenn sich das besprochene Gebäude in der Fotografie nur zu spiegeln scheint, öffnet sich in der Text/Bild-kombinatorischen Wiedergabe von Architektur ein Deutungsraum, der weder dem Bild allein noch der Sprache allein zugänglich ist. Wenn in einer Bildlegende ein Stück der ins Bild gesetzten Architektur textlich hervorgehoben wird (der mittige Eingang, das Fensterband daneben etc.), dann trifft die Sprache stellvertretend für das Auge eine Auswahl, schält bestimmte Details aus dem Bild heraus und legt es auf eine Aussage fest. Mit dieser temporären Immobilisierung anderer Wahrnehmungsebenen durch sprachliche Fixierung eines fotografischen Bildes hat sich am eindrücklichsten Roland Barthes in „Die Sprache der Mode“ auseinandergesetzt. „Das Bild hält unendlich viele Möglichkeiten fest; das Sprechen fixiert eine ganz bestimmte“, schreibt er in diesem Zusammenhang über die Funktion, die ein dem Foto beigestellter Bildtext übernehmen kann. Die Sprache offenbart sich hier als eine „Technik des Zugangs zum Unsichtbaren“, wenn etwa in einem Bildtext klassifizierende Aussagen über Farbe und Materialität einer Oberfläche getroffen werden, die das Bild nicht oder nur eingeschränkt liefern kann. Leider wird diese Möglichkeit der semantisch wirksamen Bild/Text-Interaktion nur noch selten genutzt. Das war in der österreichischen Architekturpublizistik bis in die ausklingenden 1950er-Jahre (etwa in „Der Bau“ und „Der Aufbau“) noch anders: Die kühle Eleganz der Schwarz-Weiß-Fotos traf hier in den mit technischen Details angereicherten Legenden auf eine hemmungslose Klassifizierungslust, mit der das Dargestellte semantisch aufgeladen wurde. Erst auf den Hochglanzseiten nachfolgender Jahrzehnte blieben die ganzseitig abfallenden Bilder meist sich selbst überlassen.

Redaktionelle Obhut des Bildes

Die in „Vom Nutzen der Architekturfotografie“ propagierte Unerschöpflichkeit der Möglichkeiten, Architektur ins Bild zu setzen, zeichnet sich punktuell in jenem Teil der periodischen Architekturpresse ab, der innerhalb eines determinierten Veröffentlichungsrahmens qualitative Erneuerung sucht. Für die aktuelle Ausgabe der Schweizer „archithese“ (Heft 1, 2016) wurden die von den Architekturbüros bereitgestellten Sets professioneller Baufotos verworfen und lernende Fotografen der Berufsschule für Gestaltung in Zürich beauftragt, die ausgewählten Bauten der diesjährigen „Swiss Performance“ eigenständig zu fotografieren. Die daraus entstandenen Bildserien, die keinen Anspruch auf die umfassende Nachvollziehbarkeit eines Bauwerks erhoben, sondern persönliche Sichtweisen darlegen sollten, zeigen eine überraschende interpretatorische Bandbreite und geben den beigestellten Zeichnungen und Plangrafiken ihre Bedeutung als wesentliches Repräsentationsmedium von Architektur zurück. In der sorgfältig abgestimmten Dramaturgie der Informationsträger stehen – was keineswegs selbstverständlich ist – textliche Information, bildliche und planliche Darstellung in sinnstiftender Interaktion. Solchermaßen redaktionell „behütet“, bleibt einem Foto, das etwa die Spiegelung eines Gebäudes auf einer Wasserfläche oder den Schattenwurf auf einer Betonwand wiedergibt, das Schicksal erspart, lediglich als Ornament wahrgenommen zu werden. Im sachlich gebundenen Kontext des Beitrags hat es auf einmal etwas zu sagen. 

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Architektur