Retentionsdächer

Regenwassermanagement am Flachdach

Das Regenwassermanagement am Flachdach und die nötigen Maßnahmen werden im Neubauprozess und bei Sanierungen immer häufiger diskutiert. Das ist gut und wichtig. Denn Retentionsdächer gewinnen angesichts von Klimaveränderung und Bodenverdichtung enorm an Bedeutung.

24.03.2021
Flachdach
Wolfgang Hubner

Bis zur Jahrtausendwende wurde in einem Flachdach überwiegend ein Bauteil gesehen, der die darunter liegenden Ebenen vor Niederschlagswasser schützen sollte. Viel mehr traute man einem Flachdach nicht zu. Im Gegenteil, sehr häufig war von einem unästhetischen, schadensanfälligen, nicht nutzbaren Bauteil die Rede.
In den letzten 20 Jahren hat sich das Flachdach zu einer technisch multifunktionalen, umweltsoziologisch relevanten und in der Freizeit nutzbaren Ebene weiterentwickelt, die weit mehr als nur die Schutzfunktion der Gebäudestruktur innehat. Das Flachdach weist multifunktionale Eigenschaften auf:

  • Lebensraum für Vegetation und Tiere
  • Aufenthaltsebene für Menschen als Erholungs- und Rückzugsort, aber auch als Sport- und Veranstaltungsfläche
  • Plattform (z. B. Flugtaxi, Transportdrohnen) und Technikebene (Haustechnik, Energiegewinnungsflächen, Satellitenkommunikation etc.)
  • Retentionsfläche für Niederschlagswasser
© Bauder
Am Flachdach kann Niederschlagswasser in sehr großen Umfang zurückgehalten und sukzessive und gesteuert an die Regenwasserkanalisation oder Versickerungsflächen weitergeleitet werden.

Dringend notwendige Retentionsflächen

Die letztgenannte Eigenschaft gewinnt immer mehr an Bedeutung. Innerhalb der Gebäudehülle sind nur Flachdachkonstruktionen ökonomisch in der Lage, Niederschlagswasser effizient zu speichern. Damit ist neben der Kapazität auch die Verfügbarkeitskomponente für andere Zwecke (z. B. Dachbegrünung) gemeint.
Ganz neu ist das Thema Stauwasser am Flachdach nicht. Wahrscheinlich werden sich nicht mehr viele an die „Wasserdächer“ aus den 1960er-Jahren erinnern, wo bewusst ein Wasseranstau von einigen Zentimeter geplant war. Nach damaligem Verständnis sollte das Stauwasser als Auflast und Schutz gegenüber mechanischen Einflüssen aber auch als Brand- und Strahlungsschutz dienen.
Grundsätzlich lag man mit einigen Aspekten nicht ganz falsch, doch waren zu diesem Zeitpunkt die Bauphysik, die Materialtechnologie und letztendlich auch die handwerkliche Komponente noch nicht auf dem Niveau, derartige Dächer großflächig und langfristig funktionstauglich zu errichten.
Das ist heute anders. Wir haben die bauphysikalischen Kenntnisse, geeignete Materialien und Dachassistenzsysteme, die eine „Kommunikation“ mit dem Gebäudeschichtaufbau ermöglichen, damit die langfristige Funktionstauglichkeit und die handwerkliche Toleranz bewertet werden kann.

Die Kapazitätsgrenzen sind erreicht

In den letzten Jahren hat das Thema Starkregen vor allem auch im urbanen Umfeld einen fixen Platz in der Medienberichterstattung eingenommen. Die Rufe nach „Wasserzurückhaltung“ werden immer lauter, da Niederschlagswässer von Bauwerken kaum mehr über Kanalleitungen abgeleitet werden können. In weiten Teilen Österreichs stehen jedoch nur beschränkt geeignete Versickerungsflächen am Grundstück zur Verfügung. Die katastrophale Folge sind urbane Überflutungen.
Dass es vermehrt zu Starkregenereignissen kommt, ist wissenschaftlich eindeutig belegt. Auch im DACH-Raum muss man davon ausgehen, dass sich der Trend der letzten Jahrzehnte mit zunehmender Erwärmung weiter verstärken wird. Besonders die sommerlichen Starkniederschläge werden aufgrund der höheren Wasserdampfkapazität häufiger und intensiver. Aber auch im Winter nimmt die Gefahr von Starkniederschlägen in den meisten Regionen deutlich zu.

Darstellung der Wasserrückhaltung und Verzögerung bei Starkregen.
© Bauder

Zusammengefasst bedeutet das:

  • Häufigere Sommergewitter mit Starkregenabflussspitzen (Überschwemmungsgefahr) sowie Schlagregen auf Hauswänden
  • Ansteigende Temperaturen
  • Änderung der Wetterlagencharakteristik

Höhere Lufttemperaturen haben weiters zur Folge, dass es zu einer Verstärkung der Verdunstung und einer Erhöhung der Wasserdampfkapazität in der Atmosphäre kommt.
Bei Untersuchungen der globalen Niederschlagsänderung der letzten 50 bis 100 Jahre wurde festgestellt, dass die Niederschlagssummen in diesem Zeitraum durchschnittlich um fünf Prozent zugenommen haben – wobei die Gesamtanzahl der Niederschlagstage etwa gleichgeblieben ist.

Wie funktioniert Regenwassermanagement am Flachdach?

Am Flachdach kann Niederschlagswasser in sehr großen Umfang zurückgehalten und sukzessive und gesteuert an die Regenwasserkanalisation oder Versickerungsflächen weitergeleitet werden. Das ist eine Eigenschaft von großer Bedeutung und höchster Priorität, um urbane Überflutungen zu verhindern. Mit diesem Thema haben sich im letzten Jahr auch der Verband für Bauwerksbegrünung und das Institut für Flachdachbau und Bauwerksabdichtung (IFB) auseinandergesetzt und das Beiblatt „Retentiondächer mit Unterschreitung der Regeldachneigung“ erarbeitet. In diesem Beiblatt werden sämtliche Aspekte, die an die Planung und Ausführung von Retentiondächern gestellt werden, aufgezeigt.

Gründach-Systemaufbau mit Retentionselement.
© Bauder

Bevor man sich mit den eigentlichen Konstruktionsschichten, wodurch das temporäre Speichern von Niederschlagswasser am Flachdach erst möglich wird, befasst, sind unter anderem folgende Rahmenbedingungen abzuklären:

  • Regenspenden am Bestimmungsort. Auf www.ehyd.gv.at können österreichweit die aktuellen Bemessungswerte für Regenspenden sowie Stark- bzw. Jahrhundertregenereignisse eingesehen werden.
  • Dimensionierung der Entwässerungseinrichtungen wie zum Beispiel Ablauf, Rinne, Kanal, Vorfluter. Dazu ist insbesondere ÖNORM B 2501 „Entwässerungsanlagen für Gebäude und Grundstücke – Planung, Ausführung und Prüfung – Ergänzende Richtlinien zu ÖNORM EN 12056 und ÖNORM EN 752“ zu berücksichtigen.
  • Beschaffenheit des Baugrunds erkunden. Voraussetzung dazu ist eine Baugrunduntersuchung: Angaben über den Boden bzw. Fels einschließlich aller Inhaltsstoffe (z. B. Grundwasser und Kontaminationen, Eigenschaften der Tragfähigkeit, Grundwasserspiegel, Bodenklassen hinsichtlich Versickerungsfähigkeit, Einfluss von Hanglagen/Nachbargrundstücken u. dgl.).
  • Bebauungsbestimmungen, Anteil der verbauten Flächen am Grundstück sind relevant.
  • Bei unterschiedlichen Eigentümern sind Rechtsansprüche auf Bodenflächen abzuklären (z. B. wo dürfen Versickerungsflächen vorgesehen werden?).
  • Statische Dimensionierung der Dachtragkonstruktion.
  • Ökologischer Aspekt von Stauwasser beanspruchten Dachbaustoffen ist zu berücksichtigen.

Grundsätzlich stehen für die Niederschlagswasserretention folgende Dachkonstruktionstypen zur Verfügung:

  • Flachdächer mit frei bewitterter Abdichtung
  • Abdichtungsschichten mit Oberflächenschutz wie zum Beispiel Kiesschicht
  • Dachbegrünung
  • Retentionsschichten (Behältnisse), die eine gewisse Menge an Niederschlagswasser speichern und die nur durch Verdunstung abgebaut wird
  • Retentionsschichten (auch Behältnisse), die durch unterschiedliche Wirkprinzipien (Mäander-Prinzip, Öffnungen in unterschiedlicher Größe etc.) zeitverzögert Wasser an die Entwässerungseinrichtungen abgeben. Auch sogenannte Drosseln, die in Entwässerungseinrichtungen eingebaut sind, bewirken einen Rückstau oder zeitverzögerten Niederschlagswasserabfluss.

Im Gegensatz zur Kapazitätskomponente, deren Priorität auf der Folgeschadensprävention liegt, ist unter dem Begriff Verfügbarkeit eher die ökologisch/soziale Komponente zu sehen. Darunter lässt sich sowohl die klassische Dachbegrünung, die primär dem Erholungszweck dient, als auch die Versorgung mit frischem Obst und Gemüse, Stichwort Urban Farming, subsumieren.

Katapultartige Aufwertung des Flachdachs

Eine wesentliche Voraussetzung für Wasserretention am Flachdach ist, dass die eigentliche, grundlegende Schutzfunktion und Funktionstauglichkeit des Flachdachschichtaufbaus, inklusive aller An- und Abschlüsse, Einbauteile und Durchdringungen auf die zusätzliche Wasserretentionsbeanspruchung „upgegradet“ wird. Es ist klar, dass Retentionsmaßnahmen die Risikotoleranz von Flachdächern auf 0 Prozent reduzieren.
Mit dieser katapultartigen Aufwertung des Flachdachs zu einer ökosozialen, multifunktionalen Technikebene muss auch die Aus- und Weiterbildung der BauwerksabdichtungstechnikerInnen Schritt halten, was aufgrund der komplexen Materie gar nicht so einfach umsetzbar ist. Dies benötigt umfangreiche Aus- und Weiterbildungsmaßnahen und eine überzeugende Darstellung in der Öffentlichkeit, welch hohe Verantwortung dieser Beruf mit sich bringt.

Dach + Wand

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