Rudolf Scheuvens: Mehr als die Summe der Architekturen

Wien entwickelt sich – und wächst. Mit den durchaus großen Herausforderungen stellen sich auch die Fragen nach Planungskompetenz und den politischen Zielen. Ein neuer Flächenwidmungsplan, überarbeitete Hochhausleitlinien, die Präsentation der baukulturellen Leitsätze von Wien und die Diskussion um das Weltkulturerbe zeigen, dass sich auch hier etwas tut. Von einer Gesamtlösung ist Wien jedoch weit entfernt. Was bleibt, ist, den Prozess der Planung stetig weiterzuverfolgen und jedes einzelne Projekt im Zusammenhang mit den standortbedingten Bedürfnissen und Interessen zu diskutieren. Der Stadtplaner und Dekan der Fakultät für Architektur und Raumplanung der TU Wien, Rudolf Scheuvens, erklärt im Gespräch die Hintergründe von Planungskultur, deren Prozesse und die unbegründete Angst vor Investoren. Manuela Hötzl im Gespräch mit Rudolf Scheuvens

20.01.2015
© Larry R. Williams

Rudolf Scheuvens

Sie sind an der TU Wien Dekan zweier sich nicht immer einig seiender Disziplinen: Architektur und Raumplanung. Muss Raumplanung vermehrt in den Fokus gerückt werden respektive hat Raumplanung in Wien überhaupt einen Stellenwert? 
Man muss die Schnittstellen zwischen Architektur, Städtebau und Raumplanung vermehrt in den Fokus nehmen. Stadt ist weder Konsumprodukt noch Container, der sich so einfach „designen“ lässt. Stadt muss als Prozess verstanden werden, in dem unterschiedlichste Werthaltungen und Zielsetzungen, Geplantes und Ungeplantes, Spontanes und Gestaltetes, Reguliertes und Selbstorganisiertes mitunter auch konfliktträchtig aufeinandertreffen. Die Raumplanung mischt sich ein in dieses komplexe Wirkgeflecht, vermittelt, erklärt, ini­tiiert, gestaltet, „ordnet“ gelegentlich auch – wenngleich mich dieses Ordnungsverständnis auch immer wieder sehr beunruhigt. In der Konsequenz dieser Eigenschaften muss sich die Qualität der Stadt- oder der Raumplanung damit auch an der Qualität der dahinterstehenden Planungs- und Entscheidungsprozesse messen lassen. Planung versteht sich als hochgradig anspruchsvolle Kommunikations- und Gestaltungsaufgabe, die die Vernetzung unterschiedlicher Kompetenzen erfordert – quer zu den diversen Ressorts und Kompetenzbereichen einer Stadt. Gerade dieser Vernetzungsanspruch stellt auch für unsere Fakultät „Architektur und Raumplanung“ eine besondere Herausforderung in Forschung und Lehre dar. Die Schnittfelder zwischen Architektur, Städtebau und Raumplanung aktiv zu bespielen ist für mich ein wichtiges Anliegen, dem ich mich als Dekan verschrieben habe. Über das future.lab haben wir an der Fakultät eine Plattform entwickelt, die genau diese Schnittmengen und Schnittfelder im vielschichtigen Feld der Stadtentwicklung in den Fokus rückt. Ich bin überzeugt davon, dass wir in diesem erweiterten Verständnis von Raumplanung und Städtebau noch einiges vor uns haben werden. 

Wann hört Stadtplanung auf, und wann beginnt Architektur? Sie konzipieren und begleiten auch kooperative Verfahren oder Wettbewerbe. Wann setzt man welches Verfahren ein, wann trifft man welche Entscheidungen? Wie sehen Sie das im Vergleich zu Deutschland?
Aus dem heraus, was ich zuvor schon gesagt habe, wird deutlich, wie bedeutend es für mich ist, Planung immer als Prozess zu begreifen, den es zielführend zu gestalten gilt. Meine berufliche Sozialisierung ist eng mit der „Internationalen Bauausstellung Emscher Park“ verknüpft. Nach meinem Studium der Raumplanung habe ich in den Neunzigerjahren gemeinsam mit meinem Partner Kunibert Wachten ein Planungsbüro aufgebaut, das sich überwiegend mit der Gestaltung komplexer Prozesse im Städtebau wie in der Stadt- und Regionalplanung befasst. Über die Jahre hinweg haben wir uns so einen vielfältigen Erfahrungsschatz in der Gestaltung unterschiedlichster Verfahren – von Wettbewerben über Vor-Ort-Werkstätten und kooperative Verfahren bis zu komplexen Werkstattprozessen und Stadtforen – erarbeitet. Generell verknüpfen wir dabei planerische Kompetenzen mit kommunikativen und partizipativen Anliegen. Die Übergänge von Architektur zu Städtebau oder Stadtplanung sind dabei fließend. Immer geht es um die umsichtige Vorbereitung von Entscheidungen, die im Rahmen der Stadt- oder Raumplanung in der Regel von parlamentarischen und dazu demokratisch legitimierten Gremien getroffen werden müssen. In Wien ist gut zu beobachten, wie veränderte politische Rahmenbedingungen direkten oder indirekten Einfluss auf die Gestaltung von Planungs- und Entscheidungsprozessen nehmen. Beispielhaft hierfür sind die kooperativen Verfahren. Irgendwie fühle ich mich an das Ruhrgebiet und an die Zeit der „Internationalen Bauausstellung Emscher Park“ erinnert, als veränderte politische Strukturen zu einem Aufbrechen eingefahrener Prozesse geführt haben. Solche Erfahrungen aus dem Ruhrgebiet oder aus Deutschland insgesamt lassen sich nicht einfach von A nach B transferiren. Die Kultur des Planens und des Entscheidens steht immer im Wechselspiel mit den gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen, mit der Kultur praktizierter Beteiligungsprozesse. Wichtig ist, sich auf veränderte Rahmenbedingungen und Erwartungen einzulassen und neue Wege zu erproben. 

Wie städtebaulich kann dann ein Einzelprojekt an einem Standort sein? 
Die Frage ist, was hier unter Städtebau zu verstehen ist. Allgemein gesagt steht Städtebau für den Anspruch an die Gestaltung des Stadtraums, bestehend aus Straßen, Freiräumen, Gebäuden und Atmosphären. Über das Symposium „Camillo Sitte / 
Smart City“ bringen wir uns an der TU Wien aktiv in diesen Diskurs ein. Die Auseinandersetzung mit gestalterischen, architektonischen Belangen des gebauten Raums zählen ebenso dazu wie die Auseinandersetzung mit dem Gebrauch und dem Erleben des Raums. All dies führt meines Erachtens zu einem weitergefassten Verständnis des Städtebaus, der mehr umfassen muss als „nur“ die Gestaltung der Außenfassaden der Gebäude. Städtebau ist eben mehr als die Summe der Architekturen. 

Sie waren auch beim Verfahren und am Wettbewerb zum Hotel InterCont beteiligt. Warum, glauben Sie, spaltet dieses Projekt die Architektenszene so. Warum wird der Mehrwert des öffentlichen Raums dort so gering bewertet? Und woher kommt die Kritik an Luxuswohnungen oder am Widmungsgewinn? Und warum ein hohes Haus im Weltkulturerbe?
Bei dem Projekt des InterCont-Areals kommen verschiedene Dinge zusammen: Hochhausdiskussion, Welterbedebatte, Investoren- und Kapitalismuskritik und Anrainerinteressen – um nur einige zu nennen. Es ist und bleibt ein enorm schwieriges und gleichermaßen sehr anspruchsvolles Projekt an einem hochsensiblen Ort bei einem hochaufgeladenen Thema. Dies war ja auch der Grund, warum vor über zwei Jahren das Dialogverfahren gestartet wurde, dessen Vorsitz ich innehatte. Mit dem Entwurf von Weinfeld wurde nun ein Projekt juriert, das in wirklich überzeugender Weise eine sehr gute Antwort auf die vielschichtigen Programmanforderungen gibt. Dazu stehe ich als Mitglied der Jury – auch wenn in der weiteren Bearbeitung des Entwurfs noch einige Dinge, vor allem bezogen auf den öffentlichen Raum, zu klären sind. Aus meiner Wahrnehmung heraus wurde der gesamte Prozess in einem sehr transparenten Verfahren geführt. Dies war der einzig richtige Weg. 

Die Kernfrage aber bleibt: Kann und will die Stadt Wien als Trägerin der Planungshoheit ein Hochhaus an dieser Stelle akzeptieren? 
Die Anforderungen an ein „hohes Haus“ erklären sich aus den Rahmenbedingungen der Standortentwicklung und den Herausforderungen an eine Darstellung der Finanzierbarkeit des gesamten Vorhabens. Gewiss, hier gibt es Interpretationsräume und offene Fragen, die noch zu klären sind. Aber dass dieses Gebäude von enem Investor realisiert werden soll, kann kein Ablehnungsgrund sein. 

Gelegentlich gewinnt man den Eindruck, dass Investoren zu Feindbildern in der Stadtentwicklung hochstilisiert werden. 
Absurd! Es geht um die Abwägung von Interessen und letztlich um die Beurteilung der Verträglichkeit und der Mehrwerte, die über Investorenvorhaben für den Stadtraum in einer wachsenden Stadt entstehen. Ich hoffe sehr, dass die aktuelle Hochhausstudie wie auch der Masterplan zum ehemaligen Glacis dazu beitragen werden, Antworten auf Fragen von Mehrwert und Verträglichkeit vertiefen und begründen zu können. Allein die Diskussion um den Erhalt des Welterbestatus in Wien wird schon schwierig genug werden – auch wenn ich der Überzeugung bin, dass die Reduktion dieser Diskussion auf die alleinige Frage der Höhenentwicklung unsinnig ist. 

Aber warum argumentieren hier gerade die Architekten mit dem Weltkulturerbe? Bei Wien Mitte hat dies den Ausschlag zur Höhenreduktion gegeben. 
Vielleicht weil Unesco und Icomos mit der Aussage „No centimeter more“ eine klare Richtung vorgeben. Mit dieser Aussage wird ein quantifizierbares Kriterium, gemessen in Zentimetern der Höhenentwicklung, eingebracht. Alle übrigen Kriterien sind Ermessenssache – ob Stadtbildverträglichkeit oder Mehrwerte im und für den öffentlichen Raum. Sie bedürfen der Diskussion, Interpretation, Bewertung und Positionierung. Im Dialogverfahren wie im nachfolgenden Wettbewerb haben wir uns sehr intensiv mit der Frage der Raumverträglichkeit des Vorhabens auseinandergesetzt. Nicht alle Szenarien und Entwürfe haben dies akzeptabel gelöst, Weinfeld schon. Damit komme ich wieder zurück zur Frage: Will man das Vorhaben mit den dahinterstehenden Anforderungen akzeptieren oder nicht? Dies ist eine politische Entscheidung, die sich nicht nur an der Frage der Höhenentwicklung festmachen kann und darf. Fatal wäre, jetzt im Sinne eines Kompromisses die Höhenentwicklung reduzieren zu wollen, so wie bei Wien Mitte geschehen. Das wäre wohl die schlechteste aller Lösungen. 

Aber man hat sich für den Wettbewerb entschieden, obwohl das vorausgegangene Dialogverfahren schon ein Hochhaus zum Ergebnis hatte?
Ja, interessanterweise hat der Wettbewerb zu einem Ergebnis geführt, wie dies im Rahmen der Empfehlungen des vorausgehenden Dialogverfahrens schon skizziert wurde. Dies war keine Vorgabe zum Wettbewerb. Möglicherweise stand die Hoffnung im Raum, dass der Wettbewerb noch ganz andere Entwicklungsoptionen hätte aufzeigen können. Aber dessen Ergebnis unterstreicht den Zusammenhang zwischen den Programmanforderungen und den daraus resultierenden Konsequenzen, bezogen auf die städtebauliche Konfiguration und Höhenentwicklung. Die Entscheidungsnotwendigkeit bleibt damit auch weiterhin bestehen. Akzeptiert man ein Hochhaus an dieser Stelle? Die Jury hat mit dem Votum für den Entwurf von Weinfeld dazu eine klare Empfehlung formuliert. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Die grundlegende Entscheidungsnotwendigkeit bleibt. 

Eine Stadt ohne Investoren kann also nicht wachsen. Gibt es international gesehen Modelle oder Alternativen, wie eine Stadt mit Investoren umgehen kann? 
Ich würde es anders formulieren: Eine wachsende Stadt benötigt Investoren, um den ständig steigenden Anforderungen an Wohnraum, Arbeitsplätze usw. begegnen zu können. Wir dürfen auch Investoren nicht mit Spekulanten gleichsetzen, von denen es in einer wachsenden Stadt sicherlich auch viele gibt und die im Kern auf Kosten der Allgemeinheit nur in die eigenen Taschen wirtschaften. Wichtig ist, dass Investitionen immer in den städtischen Kontext gestellt werden. Für mich stellt Hamburg ein gutes Beispiel für einen selbstbewussten und wertsetzenden Umgang der Stadt mit Investoren dar. Wir hatten vor einiger Zeit Jörn Walter, den Oberbaudirektor der Stadt Hamburg, zu Besuch im Mobilen Stadtlabor am Karlsplatz. Auf die Frage nach dem Selbstverständnis im Umgang mit Investoren brachte er den Vergleich zum Autofahren. Entscheidend sei die Frage, wer bei einer gemeinsamen Fahrt am Steuer sitze. Im Umgang miteinander kann die Stadt Hamburg auf ein sehr differenziertes Planungsinstrumentarium zurückgreifen, das auch im Rechtssystem gut verankert ist. Dies ist in Wien leider etwas anders. Hier fehlen mitunter passende Steuerungsinstrumente, wie auch die Kultur des offenen Miteinanders noch „entwicklungsfähig“ ist. Mit der Erweiterung des Instrumentariums um die städtebaulichen Verträge wird sich hier etwas ändern. In planungskultureller Sicht haben wir noch einen weiten Weg mit sicherlich auch großen Kontroversen vor uns.

Rudolf Scheuvens

Rudolf Scheuvens studierte Raumplanung an der Technischen Universität in Dortmund. Gemeinsam mit Kunibert Wachten leitet er seit 1994 das Büro „scheuvens + wachten“, ein Planungsbüro, das sich überwiegend mit Fragen des Städtebaus, der Stadt- und Regionalentwicklung und der Steuerung und Moderation komplexer Planungs- und Entwicklungsprozesse befasst. Von 2001 bis 2007 war Scheuvens als Professor für Städtebau und Baugeschichte an der FH Hannover tätig, anschließend als Professor für Städtebau an der FH Oldenburg. 2007 erfolgte die Berufung in die Deutsche Akademie für Städtebau und Landesplanung (DASL). Seit 2008 ist er Universitätsprofessor für Örtliche Raumplanung und Stadtentwicklung an der Technischen Universität Wien. 2009 wurde er als stellvertretender Vorsitzender in den Grundstücksbeirat der Stadt Wien und als ständiges Mitglied in Bauträgerjurys im geförderten Wohnungsbau in Wien berufen. Seit 2010 ist er Vorsitzender des aspern-Beirats. Seit Jänner 2013 hat Rudolf Scheuvens die Funktion des Dekans der Fakultät für Architektur und Raumplanung der TU Wien inne.

www.scheuvens-wachten.de 
http://ar.tuwien.ac.at/de/rudolf-scheuvens 

Planer

Wir empfehlen folgende Artikel zum Weiterlesen

Mehr aus der Rubrik Handwerk + Bau