Smartes Spezialprodukt

Die steirische Tischlerei Lorber vertreibt mit zwei Partnern selbstent­wickelte Passivhausfenster als Lizenzprodukte. Ein Beispiel, wie man auch als kleines Unternehmen am hart umkämpften Fenstermarkt bestehen kann. 

03.06.2015
Thomas Prlic
© Thomas Prlic

Michael, Josef und Maria Lorber – für die smartwin-Fenster wurde der Familienbetrieb bereits zweimal mit dem „Component Award“ ausgezeichnet.

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In der ­Werkstatt entstehen auch viele Großformate und Fixverglasungen.

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Lorber fertigt auch passivhaustaugliche Türen.

Seit den Anfängen der Firma Lorber in Heiligenkreuz am Waasen im Jahr 1981 hat sich das Betätigungsfeld des steirischen Familienbetriebes quasi um 180 Grad gedreht. War die Tischlerei viele Jahre vor allem im Möbelbau aktiv, so ist der Betrieb heute komplett auf Fenster spezalisiert, genauer gesagt auf Passivhausfenster. 
In Kooperation mit einem deutschen und einem französischen Partner fertigt das Sieben-Personen-Unternehmen, in dem nebem Firmengründer Josef Lorber auch noch dessen Gattin Maria sowie Sohn Michael mitarbeiten, Passivhausfenster nach eigener Entwicklung. Auf diese Weise zeigt die Tischlerei, wie man auch als kleines Unternehmen ausgerechnet am stark von der Industrie geprägten Fenstermarkt mit einem hoch entwickelten Spezialprodukt gut überleben kann.

Preisgekrönt 

Für seine Entwicklungen hat die Tischlerei erst kürzlich den vom deutschen Passivhaus Institut europaweit ausgeschriebenen „Component Award“ gewonnen – zum zeiten Mal hintereinander. Im vergangenen Jahr erhielt Lorber den Preis für das im Hinblick auf den Lebenszyklus kostengünstigste Holz-Aluminiumfenster „smartwin compact“. Und nun wurde der Fensterbaubetrieb für das mit integriertem Sonnenschutz gefertigte Modell „smartwin s“ („s“ für Schatten) ausgezeichnet. Der Clou daran: Normalerweise ist eine im Fenster eingebaute Jalousie untrennbar mit der Isolierglasscheibe verbunden. Ist die Jalousie defekt, muss dann gleich die ganze Scheibe getauscht werden. Bei smartwin s wird das Problem elegant gelöst, indem der Sonnenschutz in ein Einfachfenster vor die Isolierglasscheibe gesetzt wird, und das Fenster mit einer vorgesetzten Einfachscheibe komplettiert wird.
Schon in den 1990er-Jahren begann die einstige Bau- und Möbeltischlerei nach ersten Anfragen von Architekten mit der Entwicklung eigener Passivhausfenster. „Wir haben uns dann aber lange nicht getraut, komplett auf Fenster umzusteigen, und damit weg von der breiten Ausrichtung in eine Nische hinein zu gehen“, erzählt Josef Lorber. Inzwischen hat sich die Entscheidung für dieses Spezialgebiet als Glücksfall erwiesen. „Wir haben damit einen Bereich gefunden, in dem man auch als kleine Firma gut überleben kann“, sagt Maria Lorber.

Kooperation

Die preisgekrönten smartwin-Produkte sind eine gemeinschaftliche Entwicklung der Initiative Pro Passivhausfenster. 2010 gründete Josef Lorber diese Kooperation gemeinsam mit dem deutschen Unternehmen PHC von Franz Freundorfer sowie der französischen Menuiserie André. Die drei Betriebe kamen vor einigen Jahren über einen Tiroler Fensterbaubetrieb zufällig in Kontakt und setzten sich das Ziel, gemeinsam ein energieeffizientes Fenster der Klasse phA für Passivhäuser zu entwickeln – so wurde der Grundstein für die „smartwin“-Produktfamilie gelegt. 
Heute erreichen die Fenster je nach Modell sogar die Effizienzklasse phA+ mit einem Uw-Wert von 0,58 W/m²K. Ein besonderes Markenzeichen der Produktreihe sind die schmalen Außenprofil-Ansichten: Das Basismodell smartwin verfügt etwa über eine Ansichtsbreite von 86 mm, bei der schmalsten Variante kommt man auf eine Breite von nur 56 mm. Schließlich sind auch im Passivhaussegment heute designorientierte Lösungen wie Nurglasoptik und flächenbündige Fenster immer stärker gefragt.
Bei der Entwicklung der Fenster berechnet Franz Freundorfer die bauphysikalischen Grundlagen, gemeinsam mit Josef Lorber werden dann am Computer neue Varianten ausgetüftelt. Die Tischlerei ist für den Bau der Prototypen und die Fertigung zuständig, die Firma André beschäftigt sich mit der Softwareentwicklung. Dazu kommen mittlerweile noch weitere Entwicklungspartner wie die Tischlerei Kranz in Schwanenstadt (Oberösterreich), die unter dem Namen „smartwin historic“ historische Kastenfenster für die Produktreihe anbietet. 

Lizenzbetriebe gesucht

Die moderne Fenstervariante produziert die Tischlerel Lorber selbst, die Initiative vergibt aber auch Lizenzen an Partnerbetriebe, die die Modelle dann nachbauen und selbst vertreiben dürfen. Insgesamt 14 solcher Lizenzpartner hat die smartwin-Gemeinschaft in ganz Europa und man sucht noch weitere Partnerbetriebe – auch in Österreich. Der Vorteil für Lizenznehmer: Sie erhalten alle notwendigen Prüfzeugnisse und Zertifikate von der Kooperation und sparen sich so teure, eigene Prüfungen. Die Einhaltung der Lizenzvereinbarung wird von Pro Passivhausfenster kontrolliert.
Während Lorber in den Anfängen noch bis zu 80 Prozent des Umsatzes mit Möbeln machte, fertigt er heute ausschließlich die selbst entwickelten Fenster. Um die 1000 Fenstereinheiten – darunter auch vermehrt Großformate und Fixverglasungen – sowie passivhaustaugliche Türen entstehen in der Werkstatt in Heiligenkreuz am Waasen. Die Fenster sind dabei mittlerweile häufig nicht mehr aus Fensterkanteln, sondern großteils in Massivholz gefertigt, das von Lorber teils sogar selbst eingeschnitten wird. In der Tischlerei liegt das Holz erst ein Jahr im Lager, bevor es getrocknet wird. „Es springt und splittert dann nicht mehr so leicht wie schnell getrocknetes Holz“, sagt Josef Lorber. Die Fensterherstellung erfolgt dann in Einzelteilefertigung (das heißt, dass die einzelnen Fensterteile erst nach der Oberflächenbehandlung zusammengebaut werden) mit einer Winkelanlage und einigen kleineren Handwerksmaschinen von der Formatkreissäge bis zur Finiermaschine für die Oberflächenbearbeitung. „Wer unsere Fenster fertigen will, benötigt dafür keinen großen Aufwand beim Maschinenpark“, sagt Josef Lorber. Die smartwin-Fenster sind sozusagen in handwerklicher Maßarbeit gefertigte Hightech-Produkte. 
Mit dem Erreichen des pHA+-Standards ist die Entwicklung der smartwin-Fenster einstweilen noch nicht vorbei: „Wir sind hier noch lange nicht am Ende“, sagt Fensterspezialist Lorber. Nach der Entwicklung von smartwin arctic für Passivhäuser in nordischen Ländern (wo in dem Segment noch wesentlich strengere Anforderungen gelten, als bei uns), soll smartwin s bis Jahresende reif für den Vertrieb sein. Eines der nächsten Projekte ist eine im Fenster integrierte Wohnraumbelüftung. „Gerade im Designbereich wird sich bei den Passivhausfenstern auch noch viel tun“, meint Lorber, der darauf hofft, dass sich weitere Partnerbetriebe für die innovative Fensterkooperation finden. „Ich würde mich freuen, wenn noch mehr Tischler mit uns in diese Richtung weiterarbeiten würden.“ 
www.lorber-fenster.at
www.propassivhausfenster.net

Tischler

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