Stefan Graf: "Es wird wehtun"

Die herausfordernden Zeiten hat die Baubranche noch vor sich. Stefan Graf im Interview. 

25.11.2020
Bau
Mag. Sonja Meßner
© Simon Jappel

Stefan Graf, CEO von Leyrer + Graf

Ganz so glimpflich wie lange erhofft wird die Baubranche nicht davonkommen, ist Stefan Graf, CEO von Leyrer + Graf, überzeugt. Aber zu hadern oder sich zu ärgern ist nicht seine Sache. Lieber nutzt er die Energie für andere Dinge, wie zum Beispiel die Digitalisierung oder BIM intern voranzutreiben. 

Wie geht es Ihnen und Ihrem Unternehmen in dieser Zeit? 
Stefan Graf: Grundsätzlich gut. Man kann die aktuelle Situation natürlich nicht mit dem vorigen Jahr vergleichen, sondern muss die vorherrschenden Rahmenbedingungen berücksichtigen. Dafür und auch im Vergleich zu anderen Branchen geht es uns relativ gut. Wir sind seit dem berühmten 16. März ganz gut durch die Zeit gekommen – da darf man auch ein bisschen zufrieden sein, weil es nicht selbstverständlich ist. 

Wir befinden uns gerade in der zweiten, heftigen Corona-Welle. Dennoch zeigt die Gesellschaft gewisse Ermüdungs­erscheinungen. Nehmen Sie das firmenintern auch wahr?
Graf: Ja, auch ich nehme eine Müdigkeit wahr. Bei mir selbst und auch bei unseren Mitarbeitern – gleichzeitig sehe ich aber auch eine hohe Bereitschaft, die Maßnahmen mitzutragen. Grundsätzlich unterstütze ich die aktuellen Maßnahmen – sie sind meiner Meinung nach richtig und notwendig, auch wenn sich über Detail­fragen immer streiten lässt. Intern mussten wir jetzt im Zuge des zweiten Lockdowns nur wenig anpassen; Videokonferenzen und Home­office wurden wieder verstärkt aufgenommen. Auf der Baustelle funktionieren die Hygiene- und Schutzmaßnahmen dank der Handlungsanleitung der Sozialpartner schon seit dem Frühjahr. Ansonsten versuchen wir verstärkt, unsere Mitarbeiter zu sensibilisieren, Regeln in Erinnerung zu rufen und auch stärker zu kontrollieren. 

Die seit März notwendigen Schutzmaßnahmen bedeuten einen Mehraufwand und verursachen damit auch Mehr­kosten. Wie signifikant fallen diese aus?
Graf: Durch die Schutzmaßnahmen entstehen natürlich Produktivitätsverluste. Ob die Verluste eine relevante Größenordnung haben, hängt aber sehr stark von den Rahmenbedingungen der jeweiligen Baustelle ab. Deutlicher ins Gewicht gefallen sind hingegen die Mehrkosten durch die im März entstandenen Bauablaufstörungen. Hier hat sich aber die ÖBV-Richtlinie, in der das Verhältnis zum öffentlichen Auftraggeber geregelt wird, als sehr wertvoll erwiesen. Auch in der Zusammenarbeit mit privaten Auftraggebern konnte man sich daran orientieren. 

Die Baubranche ist vom zweiten Lockdown zwar nicht unmittelbar betroffen – erwarten Sie sich dennoch Auswirkungen auf das Geschäft?
Graf: Oh ja, ich bin überzeugt, dass wir ihn spüren werden. Die Unternehmen und auch die privaten Auftraggeber werden zurückhaltender, das spürt man auch jetzt schon. Ausschreibungen gehen ebenfalls zurück, der Markt wird enger. Zusätzlich haben sich Verfahren verzögert. 2021 und 2022 werden wir das deutlich spüren. 

Auch ohne Corona wurde für 2021 bereits ein leichter Rückgang der Bautätigkeit prognostiziert, was nach dem Boom der letzten Jahre wahrscheinlich verkraftbar gewesen wäre. ­Erwarten Sie sich jetzt einen richtigen Einbruch?
Graf: Das stimmt, in den letzten Jahren hat die Bauwirtschaft gebrummt. Wenn es nur ein leichter Rückgang wäre, würde es die Baubranche nicht umbringen. Es wird allerdings wehtun, das auf jeden Fall. Es ist ja nicht so, als hätten wir uns in den letzten Jahren eine goldene Nase verdient. Der Preiskampf war weiterhin enorm. Daran sieht man, dass trotz des Booms Überkapazitäten da waren. Wenn der Markt nun enger wird, wird sich das zusätzlich verschärfen. Einen Rückgang von bis zu 25 Prozent für 2020 und 2021 halte ich nicht für besonders unrealistisch. Es wäre ­illusorisch zu glauben, dass die Baubranche ohne gröbere Blessuren davonkommt. Hinzu kommt, dass der Bau nun mal Wirtschaftsmotor ist. Das heißt, es wird für die gesamte Wirtschaft und Beschäftigung kritisch. Hier wird man sehr aufpassen müssen. 

Man spürt bereits, dass es weniger Ausschreibungen gibt. Der Markt wird enger, dadurch wird sich der Preiskampf zusätzlich verschärfen.

Stefan Graf, CEO Leyrer + Graf

In welchen Bereichen spüren Sie das Ausbleiben der Ausschreibungen am stärksten?
Graf: Tendenziell in allen Bereichen, verstärkt aber bis jetzt im Hochbau. Besonders das Gewerbe und die Industrie werden zurückhaltender, was Investitionen angeht. Im Infrastrukturbereich merkt man aber auch, dass Genehmigungsverfahren noch hinten ans­tehen, was durch die langen Projekt-Vorlaufzeiten zusätzlich ­erschwert wird. 

Corona musste von Beginn an als Digitalisierungstreiber herhalten. Wie ist Ihr Eindruck? Beschränkt sich dieser Digitalisierungsschub auf Videokonferenzen, oder verändert sich dadurch auch der Planungs- und Ausführungsprozess?
Graf: Im Moment findet der Schub vorwiegend auf der Kommunikationsebene statt. Auf den Bau­prozess wird sich das meiner Meinung nach nur mittelbar auswirken. Wir haben im Unternehmen sehr früh mit der Digitalisierung gestartet, sodass wir nicht notwendigerweise einen weiteren Beschleuniger brauchen. Aber das eine oder andere ­digitale Thema ist jetzt durchaus leichter durchzubringen, weil die Leute offener geworden sind. 

Stichwort BIM: Im vergangenen Jahr haben Sie das BIM-Pilotprojekt der Autobahnmeisterei Bruck an der Leitha abgeschlossen. Gab es mittlerweile Folgeprojekte? 
Graf: Momentan gibt es leider immer noch sehr wenige BIM-Ausschreibungen. Deshalb stürzen sich alle darauf, und es ist ein richtiger Preiskampf ausgebrochen. Bis dato war es uns leider nicht möglich, ein weiteres Projekt zu holen. Wir kompensieren das aber, indem wir intern unsere Projekte auf BIM-­Niveau bringen, auch wenn es vom Auftraggeber nicht gefordert wird. Wir wollen die Lernkurve weitertreiben, denn es kommt bestimmt, und dann wollen wir vorbereitet sein. Und auch für uns allein macht sich der Mehrwert langsam immer stärker bemerkbar. 

Welchen konkreten Mehrwert bietet Ihnen die ­interne BIM-Abwicklung?
Graf: Der Mehrwert, den ich mir davon verspreche, ist, dass Information schneller und fehlerfreier durchs Unternehmen gehen. Aufgrund der vielen Daten erhalten wir bessere Entscheidungsgrundlagen und die Projekte werden besser steuerbar. Dafür müssen aber erst Strukturen geschaffen werden. Wir spüren schon jetzt, dass wir punktuell schneller zu Daten, Massen oder Details kommen, die früher lange erarbeitet werden mussten. Der umfassende Mehrwert wird aber erst später richtig zum Tragen kommen. 

Haben Sie sich für dieses "Später" einen ­Zeithorizont gesetzt? 
Graf: Das ist extrem schwer zu sagen und auch nicht wirklich messbar, weil das ganze Thema so komplex ist. Aber ich habe für Ende 2021 einen gewissen ­Reifegrad in Sachen BIM als Ziel vorgegeben, den wir erreichen wollen. 

Natürlich kann man sich im Unternehmen sehr gut vorbereiten, auf der anderen Seite ist aber gerade der Umgang mit Merkmalen und Schnittstellen in der externen Zusammenarbeit mit Partnern ein großes Problem … 
Graf: Das ist richtig. Es nur allein zu machen wäre sicherlich zu wenig. Genau deshalb suchen wir auch Partner, mit denen wir gemeinsam die Lernkurve vorantreiben und Herausforderungen wie die Schnittstellen­problematik lösen können. Zum Thema Merkmale: Ich glaube, es gibt kein emotionaleres Thema in der gesamten Branche. Ich finde das sehr interessant und zum Teil auch amüsant, wie stark es emotionalisiert. In den Bestrebungen, die Schnittstellenproblematik zu lösen, ist aber in der gesamten Branche durchaus eine gewisse Dynamik – zum Beispiel jetzt auch mit dem ÖBV-Merkmalservice. 

Das Thema ist natürlich sehr komplex, man bekommt aber zum Teil auch den Eindruck, dass in der Diskussion Befindlichkeiten eine Rolle spielen.
Graf:
Aus meiner Wahrnehmung heraus sind viele ­Alphamännchen mit ihren Überzeugungen unterwegs, die dabei vielleicht den Blick aufs große Ganze verlieren. Ich denke, wir müssten uns von diesen Eitel­keiten lösen und den Fokus auf eine gemeinsame Lösung legen. Allerdings bin ich auch der Meinung, dass es klare Richtlinien und Aussagen von der Politik geben müsste. Aktuell herrscht eine viel zu große Hetero­genität – egal ob bei Auftraggebern, Planern oder Ausführenden. 

Mit welchen Erwartungen gehen Sie jetzt ins nächste Jahr?
Graf: Ich gehe davon aus, dass 2021 kein einfaches Jahr wird. Corona wird weiterhin noch das dominierende Thema sein, und die Nachwirkungen werden uns noch einiges an Kopfzerbrechen bereiten. Eine dritte Welle wird kommen – das ist meine Überzeugung. Deshalb werden wir noch viel Geduld, Gelassenheit und Verantwortungsgefühl benötigen. In unserem Unternehmen haben wir uns in den letzten Monaten gut vorbereitet und Strukturen geschaffen, um uns an die ständig wechselnden Randbedingungen anpassen zu können. Generell denke ich, dass wir als gesamte Gesellschaft gefordert sein werden. Die Polarisierungstendenzen – nicht nur in Österreich, sondern auch weltweit – machen mich sehr achtsam. Wir sollten uns alle Gedanken machen, wie wir diesen entgegen­wirken wollen. Die Chance besteht, dass die Gesellschaft aus dem nächsten Jahr gestärkt herausgeht – wenn wir es richtig angehen. Wenn wir uns schlecht anstellen, haben wir noch größere Probleme als jetzt. Aber die Hoffnung stirbt zuletzt. Die Phase der Stärkung kann jedoch klarerweise nur nach einem Tiefpunkt kommen – die Frage ist nur, wann ist der Tiefpunkt erreicht? 

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