Technoider Holzkubus

Beim Bau ihres neuen Firmensitzes im Salzburger Thalgau griff das Team von sps-architekten auf eine Vollholzkonstruktion in Kombination mit einem Massivbaukern als tragendes Rückgrat zurück. 

07.10.2014
Vollholz
© Walter luttenberger
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Autor: Tom Cervinka

Bauen in Massivholz birgt zahlreiche Vorteile. Ganz abgesehen davon, dass Holz als CO2-Speicher über eine ausgezeichnete Umweltbilanz verfügt, lässt sich in Holz bzw. Massivholz – da Trockenbauweise und aufgrund der Möglichkeiten der Vorfertigung – wesentlich schneller bauen. Und auch die Dämmqualität von Holz weiß zu überzeugen. Tatsachen, die auch das Team von sps-architekten dazu bewogen hatte, beim Bau ihres neuen Firmensitzes im Salzburger Thalgau auf eine Vollholzkonstruktion in Kombination mit einem Massivbaukern als tragendes Rückgrat zurückzugreifen. Als Prototyp für die Erprobung innovativer Technologien soll der Neubau eines Dienstleistungsgebäudes in Thalgau dienen, bei dem Architekt Simon Speigner als Kopf der Salzburger sps-architekten in Personalunion sowohl als Bauherr als auch Architekt agiert. Neben der Massivholzbauweise punktet das innovative Bauprojekt aber auch mit allerhand technischen Raffinessen. So handelt es sich bei dem Dreigeschoßer mit seiner klassischen Schindelfassade aus Lärchenholz um ein Plusenergiegebäude, sprich es produziert über den Jahresschnitt deutlich mehr Energie, als es für die Beheizung und den Betrieb in Summe verbraucht. Zu den innovativen Technologien, die am Standort in der praktischen Anwendung erprobt werden sollen, zählt neben der gebäudeintegrierten Photovoltaikanlage auch ein Kleinwasserkraftwerk, das direkt an den Dienstleistungskomplex angeschlossen ist. Innovativ ist beispielsweise aber auch der Einsatz eines neuen rahmenlosen Ganzglassystems, das zusätzliche Energieeinsparungen bringt, Weitblick durch Ausblick schafft und gleichzeitig helle, lichtdurchflutete Räume schafft. 

An der Fuschler Ache

Erst die direkte Lage an der Fuschler Ache ermöglicht die Nutzung der Wasserenergie und die ausgezeichnete energetische Performance, doch sie ist indirekt auch Namensgeber für das Büro- und Dienstleistungsgebäude. „oh456“, so lautet der außergewöhnliche Hausname für das unkonventionelle Bürogebäude, dessen konventionelle Adresse mit Riedlstraße 8 in der Gemeinde Thalgau angegeben wird. Analog zu den Vulognamen der örtlichen Bauernhäuser hat das Team von sps-architekten seinem neuen Bürostandort ebenfalls diesen ganz persönlichen Namen verpasst. „‚oh‘ bedeutet das Englische ‚wow‘ und ist ebenso die volkstümliche Bezeichnung für die Fuschler Ache, an der das Gebäude liegt“, erklärt Architekt Simon Speigner. 456 ist die Weiterführung der ehemaligen Büroadresse oh123 – ein Reihenhaus mit drei Einheiten, in denen das Architekturbüro bisher beheimatet war. Aus insgesamt drei Baukörpern soll auch der neue Standort nach dem endgültigen Vollausbau bestehen: einem Kraftwerk und zwei Gebäuden, von denen vorläufig eines fertiggestellt wurde.

Prototyp 

Dort wo heute das neue Dienstleistungsgebäude mit rund 1.350 Quadratmetern Gemeinschaftsbüroflächen für unterschiedliche Planungsbüros steht, war bis vor ein paar Jahren noch ein altes Sägewerk direkt am Bach. 
Als Plusenergiegebäude konzipiert, wurde der Neubau im Rahmen des Programms „Haus der Zukunft“ mit Mitteln der Forschungs Förderungs Gesellschaft (FFG) gefördert. Als Prototyp für nachhaltiges Bauen soll das Gebäude Wege und Herausforderungen für einen sinnvollen Energieeinsatz aufzeigen und zur Erprobung neuer Bauteilkomponenten wie Wandaufbauten und Fassadenmaterialien dienen. Besonderes Markenzeichen sind die durchgehend fast raumhohen, rahmenlosen Verglasungen „Visionline“, die den Innenräumen in Kombination mit den Naturholzoberflächen ihre besondere Atmosphäre verleihen. Darüber hinaus erfüllt nicht nur die massive Wandkonstruktion, sondern auch das Ganzglassystem die hohen Anforderungen an die Wärmedämmung und auch die statischen Erfordernisse, die bei großflächigen Fassadenöffnungen ohne massive, sichtbare Rahmen mitunter zur Problemstelle werden. Möglich macht der noch relativ junge Dämmstoff Compacfoam, der in der Lage ist, eine statisch tragende Funktion zu übernehmen, und gleichzeitig die Möglichkeit bietet, dass man direkt in ihn verschrauben kann. Für den Architekten war es neben den technischen Vorteilen vor allem aber die funktionale Ästhetik, die überzeugte: „Mit dem Ganzglassystem kann man bodenbündig an das Fenster anschließen, ohne Wärmebrücken zu generieren. In der Wand ist nur noch eine Glasöffnung, und diese ist technisch einwandfrei. Rahmenteile verschwinden unsichtbar in der Wand – und das Ganze passivhaustauglich. Darüber hinaus geht auch kein Belichtungsanteil durch den Rahmen verloren, und gleichzeitig wird die Grenze zwischen Innen- und Außenraum optisch aufgelöst“, so Speigner.  

Außen Holz – innen massiv

Innovativ ist nicht nur die Hülle des oh456, sondern auch seine Konstruktion. Im Zentrum des Gebäudes sorgt ein massiver Betonkern mit Stampfbetonwänden und Sichtbetondecken für ausreichend Festigkeit. Für die Versorgung mit Zu- und Abluft wurden entsprechende Leitungen schon in die Betonmasse eingegossen. Die eigentlichen Büroflächen werden von hochwärmedämmenden Riegelwänden und Massivholzdecken aus Kreuzlagenholz gebildet, die um den zentralen Kern angeordnet sind. Statisch tragend sind dabei die massive Mitte sowie die Außenwände. Alle Zwischenwände wurden variabel in die Fläche gestellt und können bei Bedarf jederzeit mit geringem Aufwand entfernt und neu versetzt werden. Damit ist auch auf lange Sicht eine maximale Nutzungsvariabilität gewährleistet.  
Der Innenraum wird von den großzügigen, rahmenlosen Verglasungen dominiert. „Wir setzen ganz bewusst auf große Verglasungsanteile. Diese sind jedoch so konzipiert, dass es im Sommer nicht zur Überhitzung der Räume kommt. Dazu gibt es eine flexible Innenbeschattung sowie eine starre Beschattung in Form des Putzbalkons bzw. durch den weitauskragenden Nutzbalkon an der Gebäudesüdseite“, erklärt Speigner das natürliche Belichtungskonzept. Gewollter Nebeneffekt: Von nahezu jedem Arbeitsplatz im Büro aus hat man immer einen guten Ausblick in die umgebende Landschaft, den Flussraum oder den Obstgarten.  

Ausblick schafft Weitblick

Nach der endgültigen Fertigstellung soll das Gebäude mehr Energie produzieren, als für den Betrieb erforderlich ist. Dazu dienen ein an das Gebäude angeschlossenes Kleinwasserkraftwerk sowie ein Solarkraftwerk mit Photovoltaikpaneelen. Zum Einsatz kommt dabei eine gebäudeintegrierte Photovoltaikanlage, die gleichzeitig als Gestaltungs- und Beschattungselement dienen wird. Im Dach werden neuartige Kombinationssolarpaneele integriert, die gleichzeitig Wärmeenergie und Strom liefern. Erklärtes Ziel der sps-architekten – die bei diesem Projekt sowohl in der Funktion als Projektentwickler und Planer als auch als Bauherr, Vermieter und Mieter auftreten – ist es, aus dem neuen Gebäude eine Art Plattform für kreative Köpfe zu machen, die nach neuen Wegen in der Gebäudeplanung und Nutzung suchen. Planungsunternehmen verschiedener Sparten, die gern zusammenarbeiten, sollen hier auch räumlich zusammenrücken, um so ein vernetztes Consulting zu betreiben, Effizienz zu steigern und gemeinsam vom Synergieeffekt zu profitieren. 
Sämtliches Know-how, das anhand des eigenen Bürogebäudes gesammelt wird, fließt in zukünftige Bau- und Planungsaufgaben ein. Gleichzeitig sollen die Erfahrungen aber auch an die nächste Generation direkt weitergegeben werden – an junge Mitarbeiter, Volontäre oder Jungakademiker. 

Plusenergiegebäude in Holzbauweise

Bauherr/Bauträger sps-architekten zt gmbh, Thalgau 
Architektur sps-architekten zt gmbh, Thalgau 
Technische Planung Technisches Büro Stampfer/Technisches Büro Instaplan/DI Kurt Pock 
Baubeginn März 2012 
Bauweise Massivholzwände und Massivholzdecken um massiven, aussteifenden Kern
Bruttogeschoßfläche 1.350 m2

Dach + Wand

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