Portrait

"Ich bin keine Küche!"

Küchenmöbel
14.10.2021

Margarete Schütte-Lihotzky gilt als die Erfinderin der Einbauküche. Doch die erste Architektin Österreichs war weit mehr als das.

Schütte-Lihotzky in ihrer Wohnung in Wien-Margareten, welche künftig für öffentliche Besichtigungen zur Verfügung gestellt werden soll.

Das facettenreiche Leben der Margarete Schütte-Lihotzky (1897–2000) würde wohl Stoff für ein ganzes Magazin bieten – daher können auch diese Zeilen lediglich eine Momentaufnahme der "Mutter der Einbauküche" sein. Einen Versuch ist es wert, denn auch bei der Pionierin der österreichischen Architektur- und Designszene bedarf es eines kritischen Blickes. Immerhin war es sie selbst, die ihr Bild in der Öffentlichkeit immer wieder von neuem hinterfragte – denn wenngleich die Frankfurter Küche sie weltberühmt machte, so hatte sie zeit ihres Lebens gegen das Klischee einer Küchen-Designerin anzukämpfen.

Ein bewegtes Leben

In vielen Bereichen war Schütte-Lihotzky die Erste. Sie war die erste weibliche Architekturstudentin Österreichs, die erste Frau, die jenen Beruf erfolgreich ausübte und sie war die Erste mit einem Entwurf für eine moderne Einbauküche. Das sei eine, die es von ganz unten bis nach ganz oben geschafft habe, hört man daher oft über sie sagen. Ganz so war es jedoch nicht: Tatsächlich stammte Schütte-Lihotzky aus einer wohlsituierten Familie des bürgerlichen Wiens. Kurzum: Die Sorgen und Nöte der Arbeiterschaft, für die sie sich zeit ihres Lebens einsetzte, kannte sie selbst nicht. Also zog sie in die Arbeiterbezirke Wiens und studierte die Realitäten derer, für die sie bauen wollte. Angesichts dessen beeindruckt es umso mehr, dass es ihr möglich war, sich immer wieder von Neuem in die Menschen einzufühlen, die das Leben sonst vergessen hatte. Letzteres war ihr eigentlicher Verdienst: In diesem Sinne war sie nicht nur eine außerordentlich talentierte Architektin und Designerin, sondern außerdem eine Menschenkennerin mit einem unerschütterlichen Sinn für Gerechtigkeit.

Im Jahr 1989 wurde ein originalgetreuer Nachbau der Frankfurter Küche im MAK realisiert.

Wenn ich gewusst hätte, dass alle immer davon reden, hätte ich diese verdammte Küche nie gebaut!

Margarete Schütte-Lihotzky (1897-2000)

Das Küchen-Dilemma

"Wenn ich gewusst hätte, dass alle immer davon reden, hätte ich diese verdammte Küche nie gebaut", soll Margarete Schütte-Lihotzky mit 101 Jahren über ihr berühmtestes Projekt einmal gesagt haben – dabei gilt die Frankfurter Küche als Prototyp der modernen Einbauküche. Sie galt schon damals als wahres Pionierbauprojekt und überzeugte mit einem schlichten und gleichsam zeitlosen Design: Bei der Planung der Küche nahm die Architektin eine Speisewagenküche zur Entwurfsbasis und perfektionierte diese anhand von Prinzipien aus der modernen Arbeitswissenschaft von Winslow Taylor, indem sie jeden Arbeitsschritt und Handgriff per Stoppuhr festhielt. Hieraus entstand das Design der Küche, die dem Begriff "Form Follows Function" alle Ehre machte, aber nicht bei jedem auf Gegenliebe stieß: Vielen Bürgern der postmonarchischen Gesellschaft der Zwanzigerjahre erschien dies gar zu unkonventionell. Anhänger des Modernismus warfen Schütte-Lihotzky wiederum veraltete Rollenbilder vor: Durch sie würde die Rolle der Frau auf die Küche beschränkt – so der Vorwurf. Heute weiß man, dass jene Anschuldigungen gegenüber der feministisch denkenden Schütte-Lihotzky, die sich insbesondere für die Gleichberechtigung von Frauen starkgemacht hatte, keinesfalls gerechtfertigt waren.

Eine Wohnung als Museum

Dass die erste Architektin Österreichs weit mehr zu bieten hatte, zeigt ein Blick in die ehemalige Wohnung Schütte-Lihotzkys in Wien-Margareten (siehe Titelbild), welche von ihr ab dem Jahr 1970 bis zu ihrem Tod im Jahr 2000 bewohnt wurde. Obwohl die Wohnung über nur fünfundfünfzig Quadratmeter verfügt, vermitteln die Räume aufgrund eines ökonomisch gegliederten Grundrisses über einen besonderen Wohnkomfort. Das Werk der Schütte-Lihotzky ist nicht nur von einer schlichten Eleganz, sondern zeichnet sich gleichermaßen durch Einfachheit und Funktionalität aus. Einige der Möbel – viele davon in Holz gefertigt – sind bis heute erhalten geblieben. Letzteres wurde dadurch möglich, da Ulrike Jenni, Kunsthistorikerin und eine Freundin der Architektin, die Wohnung nach deren Tod bewohnte und das Interieur als Hommage an Schütte-Lihotzky im Originalzustand bewahrte. Ziel ist es nun, die denkmalgeschützte Wohnung zu renovieren und in naher Zukunft für öffentliche Besichtigungen zugänglich zu machen.

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Tischler