Österreichs Gewerbe und Handwerk schließen das Jahr 2025 mit einem realen Minus von 4,3 Prozent ab und auch für das erste Quartal 2026 sind die Erwartungen gedämpft. Bei einem Pressegespräch der Bundessparte in der Wirtschaftskammer Österreich (WKÖ) wurde die Konjunkturlage als „ernüchternd“ bezeichnet. Und eine neue Verordnung sorgt für Empörung.
Besonders das Bau-, Bauneben- und Bauhilfsgewerbe leiden unter Auftragsrückgängen. Neben der wirtschaftlichen Entwicklung standen auch zentrale Strukturthemen im Mittelpunkt: die angespannte Situation in der Lehrlingsausbildung, anhaltende Bürokratielasten und neue Herausforderungen wie die Hitzeschutzverordnung und die EU-Lohntransparenzrichtlinie.
Die Hoffnung auf Frühling
„Gewerbe und Handwerk schließen 2025 mit einem realen Minus von 4,3 Prozent ab“, fasste Christina Enichlmair von der KMU Forschung Austria die Lage zusammen. Zwar verzeichnete der Bausektor gegen Jahresende leichte Zuwächse, doch diese „kommen von einem sehr niedrigen Niveau“, so Enichlmair. Das vierte Quartal sei „ernüchternd ausgefallen“, insbesondere im Bauhilfsgewerbe, bei SHK-Betrieben, in der Holzverarbeitung und im Bereich Elektrotechnik. Für das erste Quartal 2026 zeichnet sich laut Umfrage ein weiterer Negativsaldo ab – ein nachhaltiger Aufwärtstrend sei „nicht in Sicht“.
Auch Manfred Denk, Obmann der Bundessparte Gewerbe und Handwerk, fand klare Worte: „Wir hätten uns alle ein positiveres Bild gewünscht. Aber im Winterquartal ist kein Umschwung zu erwarten. Der Jänner mit seinen Minusgraden wird das nicht ändern.“
Mit einem Zitat aus Goethes Osterspaziergang – „Vom Eise befreit …“ beschwor Denk ein „Frühlingserwachen“, das dringend notwendig sei. Hoffnung schöpft er aus einer steigenden Nachfrage nach Wohnbaukrediten und stabilen Beschäftigungsverhältnissen: „Unsere Betriebe konnten Mitarbeitende halten. Das zeigt, dass sie den Glauben an eine Erholung nicht verloren haben.“ Doch Denk stellte auch klar: „Wir stehen an einer Wegscheide. Sollte sich die Bauleistung nicht bis Mitte des Jahres deutlich bessern, haben wir ein echtes Problem.“
„Wir stehen an einer Wegscheide. Sollte sich die Bauleistung nicht bis Mitte des Jahres deutlich bessern, haben wir ein echtes Problem.“
Manfred Denk, MBA – Obmann der Bundessparte Gewerbe und Handwerk in der WKÖ
Talenteschmieden unter Druck
Ein zentrales Anliegen war die Situation rund um die Lehrlingsausbildung. Denk verwies auf aktuelle Zahlen: 44.000 junge Menschen werden derzeit in Betrieben des Gewerbes und Handwerks ausgebildet, das sind weniger als 2024, und der Rückgang betrifft alle Sparten. „Die Lehrlinge, die heute nicht ausgebildet werden, fehlen morgen als Fachkräfte und Monteure“, warnte Denk.
Als Gründe nannte er demografische Effekte wie die geburtenschwache Jahrgänge ab 2006, aber auch strukturelle Probleme: „In migrantischen Communities ist die Lehre zu wenig bekannt. Gleichzeitig steigt der Aufwand für die Betriebe, weil es immer mehr Defizite in der Grundbildung gibt. Die Motivation ist niedriger, die Betriebe haben Mehraufwand und werden zusätzlich mit Dokumentationspflichten überfrachtet.“ Das alles sei „alarmierend für die Fachkräftesicherung“.
Valorisierung der Lehrlingsförderung
Ein weiteres Thema war die betriebliche Lehrstellenförderung, die gedeckelt ist, während die Lehrlingseinkommen in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen sind. „Die Ausbildung ist eine Investition mit ungewissem Ausgang. Sie rechnet sich für den Betrieb erst, wenn der Lehrling nach dem Abschluss einige Jahre bleibt.“ Denk forderte eine degressive Förderstruktur: „Im zweiten und dritten Lehrjahr sollte jeweils ein bzw. zwei monatliche Lehrlingseinkommen gefördert werden.“
Besonders kritisch äußerte er sich zur Planbarkeit: „Die Fördermittel waren im vierten Quartal bereits ausgeschöpft – und es sind immer noch Anträge offen. Die Betriebe brauchen Verlässlichkeit. Wenn die Förderung auch noch wegfällt, sagen viele: Dann lass ich es mit der Lehrlingsausbildung bleiben.“
Mit Verweis auf eine Kostenrechnung sagte Denk: „Ein Lehrling kostet den Staat rund 6.000 Euro im Jahr – ein Schüler an einer berufsbildenden Schule doppelt so viel. Würden alle Lehrlinge statt in Betrieben an BHS unterrichtet, würde das die öffentliche Hand 372 Millionen Euro mehr kosten. Die betriebliche Lehre ist also die günstigste Ausbildung und die Betriebe leisten einen enormen Beitrag.“
Empörung über Hitzeschutzverordnung
Reinhard Kainz, Geschäftsführer der Bundessparte, begrüßte das im Dezember vorgestellte Entlastungspaket mit 113 Punkten: „Da sind wichtige Maßnahmen dabei, etwa die Anhebung der Buchhaltungsgrenze oder die Möglichkeit, Photovoltaikanlagen ohne Genehmigungsverfahren zu errichten.“ Auch der Grundsatz „Beraten statt strafen“ sei positiv. Doch: „Das darf nicht alles gewesen sein. Bürokratieabbau ist ein Dauerauftrag.“
Kritik kam an widersprüchlichen Signalen aus der Politik. „Der Wille ist da, gleichzeitig entstehen laufend neue Mehrbelastungen.“ Als Beispiel nannte er die Hitzeschutzverordnung. Denk ergänzte: „Wir haben ausreichend Regeln. Als Installateur weiß ich aus Erfahrung: Bei großer Hitze montieren wir PV-Anlagen eben in den Morgen- oder Abendstunden. Wir bemühen uns sehr um den Schutz unserer Mitarbeitenden.“
Was Denk empört: „Ab Hitzestufe 2 (das sind 30 Grad) verlangt die neue Verordnung lückenlose Dokumentation. Das bedeutet Formulare, Formulare, Formulare. Das ist bürokratischer Aufwand ohne Nutzen und geht an der Realität vorbei. Der Verwaltungsaufwand trifft uns genau in den arbeitsintensivsten Phasen. Das ist unbedingt zu verhindern – und wir wehren uns dagegen.“
Bürokratieabbau als Dauerauftrag
Auch zur Umsetzung der EU-Lohntransparenzrichtlinie äußerte sich Kainz kritisch: „Das ist ein Bürokratiemonster. Wir haben über 600 Lohn- und Verwendungsgruppen in unseren Kollektivverträgen, das alles müsste überarbeitet werden.“ Seine Forderung: „Kein Goldplating in der nationalen Umsetzung. Wir wollen das bewährte Kollektivvertragssystem erhalten.“ Für ihn ist klar: „Nicht jedes Problem muss mit Gesetzen und Verordnungen beantwortet werden. Vieles ließe sich auf betrieblicher Ebene regeln. Wir brauchen mehr Mut zur Eigenverantwortung.“
Reparaturbonus als positives Signal
Ein kleiner Lichtblick in der ansonsten angespannten Gesamtlage war für Denk die neue „Geräte-Retter-Prämie“, der Reparaturbonus für defekte Haushaltsgeräte. „Das ist gut, wir begrüßen das ausdrücklich“, sagte er. Für viele Betriebe im handwerklichen Dienstleistungsbereich sei das ein positives Zeichen, das zugleich nachhaltiges Wirtschaften fördert.
Gewerbe und Handwerk im Überblick
Umsatzentwicklung 2025: Reales Minus von 4,3 Prozent
Bau & Baunebengewerbe: leichte Zuwächse von sehr niedrigem Niveau, Bauhilfsgewerbe schwach
Erwartungen für Q1/2026: Negativer Saldo von –12 %-Punkten
Fachkräftemangel: Rückgang bei Lehrverhältnissen, steigende Belastung der Ausbildungsbetriebe
Bürokratiebelastung: Kritik an Hitzeschutzverordnung, EU-Lohntransparenzrichtlinie und Förderpraxis
Forderungen: Keine Kürzungen bei Lehrstellenförderung, kein Goldplating bei EU-Richtlinien, dauerhafter Bürokratieabbau