Regionalentwicklung

Land statt Ausland

Ein Austauschsemester muss nicht nach Oslo oder London führen. Mit dem Programm Rurasmus sollen Studierende gezielt in ländliche Regionen Österreichs vermittelt werden. Ziel ist es, Gemeinden mit Leerstand und strukturellen Herausforderungen neue Impulse zu geben.

Viele Gemeinden in Österreich kämpfen mit Leerstand, Abwanderung und eingeschränkter Infrastruktur. Verlassene Wirtshäuser, geschlossene Geschäfte und ungenutzte Gebäude prägen mancherorts das Ortsbild. Gleichzeitig stehen Kommunen vor Herausforderungen wie Bodenverbrauch, Mobilitätsfragen und den Folgen des Klimawandels. Im kommunalen Alltag fehle jedoch häufig die Zeit, um neue Konzepte zu entwickeln oder bestehende Strukturen grundlegend zu überdenken.

Frischer Wind für Gemeinden

Hier setzt das Programm Rurasmus an. Der Name kombiniert „rural“ und das europäische Austauschprogramm Erasmus. Studierende absolvieren demnach ein Austauschsemester nicht im Ausland, sondern in österreichischen Regionen abseits urbaner Zentren. In Abstimmung mit ihren Universitäten werden individuelle Lehrveranstaltungen zusammengestellt. Das Format kann auch als Praxissemester oder im Rahmen einer Bachelor- oder Masterarbeit genutzt werden.

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Die Teilnehmenden arbeiten mit Gemeindevertreter*innen an konkreten Projekten. Ziel ist es, neue Perspektiven einzubringen und Lösungsansätze für bestehende Probleme zu entwickeln. Beim ersten Rurasmus-Kongress in Vöcklabruck zogen Verantwortliche eine erste Bilanz der Zusammenarbeit zwischen Gemeinden, Wissenschaft und Studierenden. Dabei wurde eine stärkere Wertschätzung für bestehende Bausubstanz gefordert. Der Bestand solle nicht als Altlast, sondern als Ressource verstanden werden. Diskutiert wurde unter anderem eine stärkere Ausrichtung auf Umbau statt Neubau.

Konkrete Projekte laufen etwa in St. Konrad in Oberösterreich, wo die Zukunft leerstehender Vierkanthöfe analysiert wird. In der Hausruck-Region stehen Leerstandsmanagement und Ortskernentwicklung im Fokus. Im kärntnerischen Althofen wird an einem integrierten Grünraumkonzept gearbeitet, das Natur, Tourismus und Lebensqualität verbinden soll.

Bestand als Entwicklungsfaktor

Auch die auf Upcycling spezialisierte Immobilienrendite AG engagiert sich nach eigenen Angaben für die Belebung ländlicher Regionen. Vorstand Markus Augenhammer, Makler bei der Immobilienrendite AG in Wien, verweist auf strukturelle Herausforderungen: „Durch die Abwanderung junger Menschen in die Stadt ist der Fachkräftemangel auf dem Land noch akuter als im urbanen Raum. Auch Arbeitsplätze sind oft nur in Landwirtschaft und Tourismus vorhanden.“ Leistbare Wohnungen für junge Menschen oder Familien seien vielerorts schwer verfügbar. Die Folge sei weitere Abwanderung.

Das Unternehmen setzt laut eigenen Angaben auf die Revitalisierung bestehender Immobilien. Ein Beispiel ist das Ennscenter am Römerfeld in Oberösterreich. Dort sei ein in die Jahre gekommenes Einkaufszentrum zu einem Fachmarktzentrum mit Geschäften, Büros, Freizeitangeboten und Gastronomie weiterentwickelt worden.

Mathias Mühlhofer, Vorstand der Immobilienrendite AG in Wien, sagt dazu: „Gegenüber wurde ein neues Einkaufszentrum aus dem Boden gestampft. Natürlich zog es viele Altmieter aus dem alten FMZ ab. Statt immer wieder neu auf die grüne Wiese zu bauen und damit Bestandsgebäuden wie Innenstädten den Todesstoß zu versetzen, sollte die Substanz mit neuen Ideen kreativ umgenutzt werden.“

Industriebrache wird High-Tech-Standort

Wie eine solche Umnutzung aussehen kann, zeigt laut Unternehmen ein Projekt in Weikersdorf bei Wiener Neustadt. Dort sei eine ehemalige Industriebrache zu einem High-Tech-Park mit 5.500 Quadratmetern Gewerbehallen und 1.500 Quadratmetern Bürofläche entwickelt worden.

Markus Kitz-Augenhammer & Mathias Mühlhofer
Markus Kitz-Augenhammer & Mathias Mühlhofer ©IMMOBILIENRENDITE

Am Standort sind unter anderem Skytec, ein Produzent von sicherheitskonformem Flugzeugzubehör, sowie Norsorex, Hersteller von Polymeren für Schutzkleidung und Umweltanwendungen, angesiedelt. Auch Greeny produziert dort mit 300 3D-Druckern Indoor-Gärten für den Anbau von Obst und Gemüse.

„Weil in Wien ein großer Mangel an Gewerbeflächen herrscht, besonders für produzierende Betriebe, flüchten sich diese nun von der Stadt aufs Land“, sagt Markus Augenhammer, Vorstand der Immobilienrendite AG in Wien. Zudem gebe es in ländlichen Regionen weniger Nutzungskonflikte mit Anrainerinnen und Anrainern. Mühlhofer ergänzt: „Gewerbetreibende haben die neue Lust aufs Land bereits entdeckt.“

Redaktion Handwerk + Bau

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